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Foto: TruePixel/ Achim Meissner

„Jeder will heute sein eigener Barista sein“ sagt Frank Sanders von der Werbeagentur Jung von Matt, zuständig für das Marketing des Branchenführers Jura aus der Schweiz. Selbst in den Flautejahren 2000 bis 2003 hätte sein Kunde zweistellige Zuwachsraten verzeichnet. „2005 haben wir unseren Umsatz in Deutschland verzwanzigfacht“, so Sanders. Beim Mitbewerber Saeco erfährt man Ähnliches. Convenience heißt das Schlagwort der Stunde, entsprechend sind die Zuwachsraten bei den Kaffeevollautomaten, den Alleskönnern, am größten. Immer mehr Geld stecken die Hersteller ins Marketing, um ihre Geschäftsinteressen mit der entsprechend zelebrierten italianitá kulturell zu überhöhen.

So bietet etwa die Firma Nespresso neben ihren Geräten dem Connaisseur im Internet auch so genannte Grand Crus an, Kaffeesorten in verschiedenfarbig eloxierten Vakuumkapseln. Verschickt werden sie wie handverlesene Preziosen in edlen Holzschatullen. Aber auch im nichtkommerziellen Bereich ist das Internet die Plattform der Kaffee-Kultisten. „Steamtalks“ oder „Männerblog“ heißen die Foren, auf denen die boys with toys über Aufschäumdüsen und Wasserhärten fachsimpeln. Neben dem Bekenntnis zur mediterranen ars vivendi, stehen weich gezeichnete erotische Phantasien, vorgespurt von jenem schon legendären Signor Antonio, der einst im Nescafé-Spot die schöne deutsche Nachbarin mittels Kaffeeduft in seinen Bau lockte: Sein Satz „Isch ’abe gar kein Auto“ – wurde zum geflügelten Wort.

Sound-Files von Espressomaschinen zum Herunterladen

Längst hat sich die Espresso-Maschine von ihrem Gebrauchswert gelöst und ist zum Fetisch geworden. Es geht nicht nur um die Sehnsucht nach einem Doppelleben, darum, nach Feierabend in die Rolle des eigenen Hausfreunds zu schlüpfen und den latin lover im Bürohengst zu entfesseln. Es geht um blitzendes Chrom, um altmodische Kippschalter und nostalgische Rundinstrumente.

Die Maschinen-Fetischisten sind im Wortsinne Steampunker, Retro-Futuristen. Kulturelle Prägungen machen sich hier bemerkbar, drei Beispiele seien zur Erklärung angeführt: 1. Der anscheinend auch im digitalen Zeitalter nicht auszulöschende Wunsch des Mannes nach dem Feuermachen und der Dampfmaschine. 2. Der britische Geheimagent James Bond, der 1973 in „Live and Let Die“ in flagranti erwischt wird, doch davon abzulenken versteht, indem er seinem verdutzten Waffenmeister Q die Funktionsweise seiner Hebelespressomaschine vorführt – damals nördlich des Po noch genauso exotisch wie jene Digitaluhr, die Bond im Film trägt. 3. In Wolfgang Petersens „Das Boot“ muss das U-Boot einem Tieftauchtest Stand halten. Unter dem extremen Druck stöhnt und ächzt das Material, bevor der Ka-Leu die erlösenden Worte spricht: „Das muss das Boot abkönnen!“ – ein Satz, wie geschaffen für jeden Espresso-Fex, diese Kreuzung aus Lebemann und Motorrad-Schrauber.

Im Film horcht der Maschinist Johann mit einem Hörrohr die Motoren ab, ob die Diesel gleichmäßig marschieren. Im Internet gibt es Sound-Files von Espressomaschinen zum Herunterladen, aber einer, dem man es zutrauen würde, dass er das Stethoskop an seine Geräte anlegt, ist Thomas Leeb. Leeb betreibt in München eine Mischung aus Espresso-Bar, Ladenlokal und Museum. Neben dem Dinosaurierfriedhof alter Front- und Backofficemaschinen paradiert seine exklusive Flotte italienischer Modelle. Leeb ist ein Mann, der die verschiedenen Brühgruppen seiner Barmaschine per Palm ansteuert, um die Parameter einzustellen, ein Verfechter des traditionellen Siebträgersystems und so etwas wie der deutsche Kaffee-Guru. Das Standardwerk „Kaffee, Espresso & Barista“ hat er verfasst, und wenn man mit ihm spricht, spürt man, dass man es mit einem Erleuchteten zu tun hat.

Lösung oder Emulsion?

Das Erste, was man von ihm erfährt, ist, dass 95 Prozent dessen, was unter dem Namen Espresso laufe, einfach nur ein verkürzter Kaffee ist. „Ein riesiger Etikettenschwindel“, der, so Leeb, vor allem den Marktführern, Saeco und Jura, nütze. Der Unterschied zwischen Espresso und Kaffee sei ein chemischer. „Kaffee ist eine wässrige Lösung, Espresso ist eine Emulsion“. Erst unter hohem Druck und hoher Temperatur werden die ätherischen Öle aus dem Kaffee gelöst, die in der Crema als feine Adern erkennbar sind. Dem würden die meisten Maschinen gar nicht gerecht werden, weil ihr Innenleben komplett aus Kunststoff gefertigt ist.

Bevor er stolz sein Flaggschiff präsentiert, eine Dallacorte „Mini“, die aussieht wie eine Steuerungskonsole aus einem Science-Fiction-Film der fünfziger Jahre, sagt er noch, dass er sich vom Espresso-Boom eine nachhaltige Sensibilisierung erhoffe, ähnlich, wie das vor zwanzig Jahren beim Thema Wein der Fall war. Von der daraus hervorgegangenen Vielfalt habe letztlich die ganze Branche profitiert. Wenn der Trend nicht vorher in sich zusammenfällt wie der Milchschaum eines ungeübten Barista.

(SZ vom 14./15.1.2006)

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