Von BERND GRAFF

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt es künftig in zwei Versionen. So will es ihr Gründer Jimmy Wales.

"Ausriss" aus der deutschen Wikipedia (Abb.: Wikipedia)

Grundsatz und Problem alles Lebendigen ist seine Veränderbarkeit. Wobei Veränderung Wandel zum Guten oder Abfall zum Schlechteren bedeuten kann. Wo aber nichts bleibt wie es ist, da mag der Wunsch laut werden, den Stand des einmal Erreichten gewissermaßen einzufrieren. Denn wer weiß schon, wohin die Waagschale sich neigen wird. Oder aber, auch das ist Grund genug: Man hält den Stand der Dinge für kaum mehr überbietbar. Dann wäre der Schockfrost des status quo auch gleich das Denkmal eigener Größe. Denn alles Andere kann danach nur schlechter werden.

So muss wohl der Mitbegründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia, Jimmy Wales, gedacht haben, als er der Financial Times zu Wochenbeginn anvertraute, dass man „langfristig betrachtet“ nicht umhin komme, neben der frei verfügbaren und jederzeit editierbaren Online-Edition auch eine unveränderbare „Fix-Version“ im Internet anzubieten.

Denn Wikipedia, das globale Wissensprojekt anonymer Autoren mit mehr als zwei Millionen Artikel in 200 Sprachen, ist in jüngster Zeit gleich durch zwei Meldungen aufgefallen, die zum einen am Lack dieser Enzyklopädie kratzen und ihr aber andererseits sogar Blattgold auftragen. So stand die Wikipedia einerseits wegen falscher Einträge im Umfeld der Kennedy-Morde in der Kritik, während sie andererseits hochgelobt wurde, weil das Niveau des in ihr niedergelegten Wissens wohl insgesamt dem der Enzyklopaedia Britannica vergleichbar sei.

Und diese dünne Luft der Besten will Wales nun mit einer nicht mehr veränderbaren Fix-Version konservieren. Sie werde „wesentlicher Bestandteil“ des Internetauftritts sein und man wolle sie so „betreut“ sehen, „dass wir Vertrauen in sie haben.“

Insofern wäre also dann das, was gegenwärtig noch Wikipedia genannt wird, nicht mehr als eine erste Staustufe hereingebrochener Beiträge. Aus ihr filtern Wikipedia-Betreuer eines mutmaßlich „inner circle“ Verwertbares und Vertrauenswürdiges heraus, um es zu Wissen zu destillieren. Das ist das Ende der Online-Enzyklopädie, wie wir sie kennen – und es ist bedauerlich. Dahinter erkennt man aber auch jene Verfahren wieder, nach denen etwa Britannica-Mitarbeiter ihre fulminante Enzyklopädie zusammenstellen. Und das bedeutet für Wikipedia einen unausweichlichen Zug zur Professionalisierung. Das ist ganz wunderbar.

Wikipedia also hat sich entschieden, wohin die Waagschale sich neigen soll.

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