Von Dirk Peitz

Die kalifornische Band Rooney hat eigentlich alles: Große instrumentelle Kunstfertigkeit, ein immenses historisches Musikgedächtnis. Leider aber ist ihr charismatischer Frontman etwas zu bekannt.

RooneyGrossbild

Rooneys Frontman kommt ihnen bekannt vor? Darf er auch. (Foto: Autumn DeWilde / Universal)

Der 24. Mai ist ein unverhoffter Frühsommertag in Niagara Falls, 30 Grad Celsius werden es tagsüber hoch im Norden des Bundesstaates New York, an der Grenze zu Kanada. Es ist der erste freie Tag für Rooney nach drei aufeinander folgenden Konzertnächten in Pittsburgh, Indianapolis, Cleveland. Sie arbeiten sich um die großen Seen herum, im Vorprogramm der Solotour von Fergie, der Sängerin der Hip-Hop-Band Black Eyed Peas.

Deren Musik hat mit der von Rooney nichts gemein, außer dass sie bei derselben Plattenfirma erscheint. Fergie verkauft Hits. Rooney verkaufen einen Traum, einen kalifornischen, der vom leichten Leben handelt, vom Jungsein und von der unbedingten Möglichkeit der Liebe und des Glücks. Bei den Hits sind Rooney noch nicht ganz angelangt. Nach ihrem Debütalbum, erschienen im Jahr 2003, schien das Quintett aus Los Angeles schon einmal kurz davor. Dann ging einiges schief. Eigentlich alles.

Für Rooney-Frontmann Robert Schwartzman beginnt dieser Maitag in Niagara Falls mit Nachsitzen. Während die anderen frei haben, muss er im Hotelzimmer bleiben. Alle 20 Minuten meldet sich am Telefon eine Frauenstimme aus London, dem Europa-Hauptquartier der Plattenfirma, und stellt den nächsten Journalisten durch, zum Beispiel aus Deutschland.

Eine Woche zuvor ist die Band noch dort gewesen, aber Robert hatte nach dem Konzert in Berlin seine Stimme verloren. Der kleine Magnet-Club an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg war völlig verraucht gewesen, daran war Robert nicht mehr gewöhnt aus Amerika, wo überall Rauchverbot herrscht. Ans Live-Singen war er auch nicht mehr gewöhnt. Am nächsten Tag in Köln konnte er nicht mehr sprechen, singen schon gar nicht. Also kein Konzert und keine Interviews. Die gibt er nun eine Woche später am Telefon.

Flucht vor dem Namen

Robert Schwartzman könnte trotzdem nicht glücklicher sein. Er mochte den geschäftlichen Teil des Musikmachens eh schon immer, und Interviews gehören für ihn ebenso dazu wie die Meetings mit der Plattenfirma, wo über Verträge, Budgets, Zeitpläne gesprochen wird. In den letzten vier Jahren jedoch hatte Robert für seinen Geschmack zu viele Meetings und zu wenige Interviews.

Vier Jahre sind seit dem Debüt von Rooney vergangen, im Pop eine unendlich lange Zeit. Aber wenn man erst 24 ist wie Robert Schwartzman, fühlen sich vier Jahre noch länger an. So, als habe man seinen letzten Rest Jugend verschwendet. Und zwar an eine Band, deren Mitglieder, jedes für sich, irgendwann während dieser Zeit darüber nachgedacht haben, doch etwas anderes anzufangen. Wer hintereinander zwei Alben aufnimmt, die dann im Giftschrank des Labels landen statt im Plattenladen, der macht sich halt Gedanken darüber, ob Musiker wirklich der richtige Beruf ist.

Robert Schwartzman zum Beispiel hätte wieder schauspielern können, er hat Talent, er sieht gut aus, und seine ganze Familie ist ohnehin beim Film. Als Teenager hat Robert schon ein paar kleine Rollen gehabt, zum Beispiel im Regiedebüt seiner Cousine Sofia. Der Film hieß "The Virgin Suicides", der Nachname von Sofia ist Coppola. Es wäre einfach gewesen, zum Film zurückzugehen, eine Rolle hätte sich schon gefunden. Zu einfach. Und zu schwer: Dem Namen Coppola entkommt man nicht.

Dem Namen Schwartzman entkommt man aber auch nicht so leicht. Roberts älterer Bruder Jason hat Hauptrollen gespielt in "Rushmore", "I Heart Huckabees" und "Marie Antoinette", er war Drummer in der erfolgreichen Band Phantom Planet, und gerade ist in Venedig Wes Andersons neuer Film "The Darjeeling Limited" im Wettbewerb gelaufen, eine der drei Hauptrollen: Jason Schwartzman. Er hat sogar am Drehbuch mitgewirkt.

Genauso wie sein Cousin Roman Coppola, der "The Darjeeling Limited" produziert hat. Jasons und Roberts Vater Jack Schwartzman war auch Filmproduzent, er starb 1994. Seine Witwe, die Mutter von Robert und Jason, ist Talia Shire, die Michael Corleones Schwester Connie gespielt hat in der "Pate"-Trilogie ihres Bruders, des berühmtesten Coppola, Francis Ford. Sie spielte außerdem Rockys Frau Adrian in den ersten fünf "Rocky"-Filmen.

Robert Schwartzman hat sich zwischenzeitlich Robert Carmine genannt, nach seinem Großvater Carmine Coppola, und Robert Cage, nach dem Künstlernamen seines Cousins Nicolas Cage, dessen Geburtsname auch Coppola lautet. Die Flucht vor dem berühmten Namen ist in dieser Familie so üblich wie das Arbeiten beim Film.

Nachdem zwei Alben im Giftschrank verschwunden waren, nahmen Rooney einfach ein drittes auf. Das erste war der Plattenfirma zu unkommerziell-indiehaft, das zweite war der Band zu plump-rockig produziert erschienen. Danach noch ein drittes aufzunehmen, war fast ein Akt der Verzweiflung. Das erkennt man schon am Titel "Calling The World", er wirkt wie ein Hilferuf, auch wenn Robert Schwartzman ihn lieber als Befreiungsgeste verstehen will.

Sie nehmen sich gleich alles

Den zwölf Liedern auf "Calling The World" hört man die Geschichte ihrer Entstehung an, sie klingen für eine Band, deren Mitglieder mit Ausnahme des 28-jährigen Drummers Ned Brower gerademal zwischen 22 und 24 sind, musikalisch erstaunlich ausgereift, während die Texte von Robert Schwartzman eben die Texte eines 24-Jährigen sind, übermütig, pathetisch, sehnsüchtig.

Aber das Erstaunlichste an der Musik von Rooney, die man wohl am besten Rockpop nennt, ist ihr Geschichtsbewusstsein, das weit umfassender ist als das all der jungen Indierockbands der letzten Zeit. Die haben jeweils immer nur eine begrenzte Epoche der Rockgeschichte nachgespielt, irgendeine zwischen den mittleren sechziger und mittleren neunziger Jahren.

Rooney hingegen nehmen sich gleich alles, die ganze Geschichte, und das gern in einem einzigen Song. Ein beliebiges Lied wie "Are You Afraid?" zum Beispiel ist so übervoll von Anspielungen, dass es bald platzt: Nach einem hingeklimperten Klavierintro eröffnet ein spätes bombastisches Queen-Gitarrenriff den Song, darunter liegt ein früher Supertramp-Fender-Rhodes-Stakkato, die Synthesizermelodie ist eher von Van Halen, der gefilterte Backgroundgesang definitiv von E.L.O.

Man weiß gar nicht, was man atemberaubender finden soll, die erstaunliche instrumentelle Kunstfertigkeit dieser blutjungen Band, ihre stilistische Zitierwut oder ihr arg frühentwickeltes historisches Musikgedächtnis. Rooney kommen einem vor wie ein Karaokecomputer, dem die Songspuren auf der Festplatte durcheinandergeraten sind. Das wäre fatal, wenn ihre Lieder nicht so übermütig wären, so gut, alles in allem: so kalifornisch.

Der 17. Juli ist ein üblicher Sonnentag in Los Angeles. Die Hitze legt sich mittags schwer über den Sunset Boulevard in West Hollywood. Drinnen, im legendären Roxy Theatre, wo alle Großen als Kleine mal gespielt haben, Springsteen, Guns N' Roses, Nirvana, kühlt die Klimaanlage die Luft so weit hinunter, dass es die Musiker auf der Bühne fröstelt.

Wir rufen die Welt

Während Robert Schwartzman und die anderen Soundcheck machen, sitzt sein Bruder Jason an einem der Tische im kleinen VIP-Bereich des Clubs und hört zu. Jason Schwartzman hat nach seinem Ausstieg bei Phantom Planet eine Ein-Mann-Band mit sich selbst gegründet, sie heißt Coconut Records. Als er noch bei Phantom Planet spielte, wurde deren Song "California" zum Titellied der Fernsehserie "The O.C." gemacht, und dass später auch ein Lied von Rooney in der populären Teenie-Serie lief, war kein Zufall.

"California" wurde zum Hit, Rooneys Lied nicht. Doch an diesem Tag zumindest wechseln die beiden Brüder einmal die Rolle, Jason wird für Roberts Band das Vorprogramm bestreiten, es ist ihr Heimkonzert, es ist ihr Tag: Am 17. Juli wird in den USA "Calling The World" veröffentlicht, der Rest der Welt muss noch zwei Monate warten. Falls er denn wirklich noch gewartet hat auf ein neues Rooney-Album.

Als am Abend Jason Schwartzman allein die Bühne betritt, kreischen die vielen Mädchen in den ersten Reihen, doch man weiß nicht warum - weil Jason Schwartzman ein Hollywoodstar ist oder weil es nun nicht mehr lange dauern wird, bis Rooney kommen werden. Jasons Lieder jedenfalls scheint niemand zu kennen, es wird merklich leise im Publikum, während er die ersten singt. Dann kündigt er eine Backingband an, die er "The Coconuts" nennt. Es sind Rooney.

Die Mädchen in den ersten Reihen kreischen wieder. Als Jason schließlich abgeht und Rooney die Bühne ganz übernehmen, kreischen sie nur noch einmal. Das ist, als Robert Schwartzman sagt: "Wenn ihr jetzt ausflippt, kommt ihr ins Fernsehen." Die Show wird mitgeschnitten, von einem lokalen Sender, sie wirkt routiniert, nicht mehr, Rooney sind wieder ans Livespielen gewöhnt nach ihrer Tour im Vorprogramm von Fergie.

Als das Konzert vorbei ist, sorgt ein Türsteher lautstark dafür, dass die Mädchen mit Autogrammwünschen sich in einer Linie aufstellen und der VIP-Bereich zügig geräumt wird. Jason Schwartzman, Roman Coppola und Talia Shire folgen der Aufforderung klaglos. Dann ruft ein anderer Angestellter des Roxy noch: "Die Band unterschreibt nur auf offiziellem Rooney-Merchandise, und wer sie fotografiert, fliegt raus."

Rooney sind also wieder im Geschäft. Robert Schwartzman sieht an diesem Abend glücklich aus. Jetzt müssen nur noch die Hits kommen. Vielleicht müssen die Leute dafür aber erst vergessen, aus welcher Familie Robert Schwartzman stammt.

"Calling The World" erscheint am 28. September in Deutschland. Rooney live: 21.9. München, 24.9. Köln, 25.9. Berlin, 27.9. Stuttgart, 28.9. Hamburg.

(SZ vom 18.9.2007)

ANZEIGE


Themen

Weitere Artikel in Kultur

Leserkommentare (0)



Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


louvre des lachens funny pictures
Wir sind viel im Netz unterwegs und sammeln nur die witzigsten Bilder ein. Willkommen im Louvre des Lachens.
die fibel der faxen
Die besten Tipps, um Ihre Mitmenschen in den Wahnsinn zu treiben.
Das Leben der Anderen
Jede Woche rezensieren wir ein Internetvideo - donnerstags um elf Uhr.
SZ Photo
Weblogs
Das Weblog als öffentliches Tagebuch im Internet wird immer populärer: 50 Millionen Blogs gibt es auf der Welt. Sie sind ein Portal zur freien Meinungsäußerung, Frustventil, Meinungsmacher und zunehmend auch Werbe-Plattform. mehr...
Freibild für alle Gefundene Fotos
Menschen stellen Fotos ins Netz, ohne zu verraten, was darauf zu sehen ist. Sagen Sie es uns!

ANZEIGE

Süddeutsche Zeitung Shop
Bilder und Geschichten
Charlize Theron
Jung, schön und blond: Charlize Theron bricht aus dem goldenen Käfig aus.
The Spirit of Gammelfleisch plattencover horror der hüllen
Wir suchen das hässlichste Platten-Cover der Welt: Wählen Sie Ihre Favoriten in die Charts!
scarlet johansson
Die talentierte Mrs. Johansson: Hollywoods Darling, die Begleiter und der Weg zum Durchbruch.
sarah connor max goldt
Max Goldt: eine Sammlung der lustigsten Passagen aus dem aktuellen Buch des Kleist-Preisträgers.
bill gates gags für die gruft
"Sohn! Ich habe deine Disketten sortiert", sagte die Mutter des Computerfreaks. Die 30 witzigsten letzten Worte.
phone sex telefonsex
Menschen, die mit ihrer vielversprechenden Stimme Geld verdienen: Telefonsex-Arbeiter.
keira knightley
Überirdische Schönheit oder schockierender Stängel in Seide: Keira Knightley, die umstrittene Schönheit.
titanic cover titel
Seit 1979 teilt das Satiremagazin nach allen Seiten aus - die besten "Titanic"-Cover.
ANZEIGE
Wie das Internet die Presse revolutioniert. Hier im SZ Shop bestellen.