Von Alexander Gorkow

Madonna, die Manhattan Mama, kommt zu uns. Wir aber waren schon bei ihr. Verfolgten ihren Ritt im New Yorker Madison Square Garden. Bis uns die Sicherungen durchknallten. Und dann ließ sie uns einfach liegen - in einer glamourösen, aber dunklen Gegenwart.

Madonna New York Madison Square Garden

Madonna auf ihrem Ritt im New Yorker Madison Square Garden. Sie singt gerade „Like A Virgin“. Wie man sieht: sieht sie umwerfend aus. Und sie weiß, dass es mit der Unschuld und der großen Party oft dunkel endet. (Foto: Reuters)

There was a time
I was happy in my life
There was a time
I believed I’d live forever
There was a time
I prayed to jesus christ
There was a time
I had a mother It was nice

Madonna, Mother & Father

Feuer

Am frühen Abend schickt der große Regen erst einmal etwas Luft durch die Straßen Manhattans. Es sind Straßen, von denen man in der Hitze denken konnte, sie weichen noch auf, dann bleiben wir alle im Teer stecken und ziehen schwarze Fäden. Die Seeluft verscheucht den metallischen Geruch aus den Fleischtransportern, die Ecken der Zeitungsseiten an den Tischen flattern wie die Motten. Nebenan legt eine Dame die New York Times ab, dreht den Kopf Richtung Hafen. Hinten, wo die Boote der Circle Line depressiv durchs Wasser wanken, braut sich was zusammen. Stein, Beton, Stahl und Blech, all das glüht seit Tagen, als wär’s über Feuer geröstet. Der Kellner vorm „Pastis“ im meat packing district am Rande Manhattans brachte eben unbestellt ein Glas Chlorwasser, das soll man bitte trinken, Befehl von oben, bevor jene, die nicht drinnen unter der Klimaanlage erfrieren wollen, draußen auf der Terrasse dehydrieren.

Wasser

Der Regen ist nicht einfach ein Regen, so wie die Hitze nicht einfach eine Hitze war. Es ist der Angriff der Killertropfen.

Madonna, sie sitzt sicher gerade in der Maske. Sie dehnt die Muskeln (Pilates!) und zieht sich noch ein, zwei mystische Merksätze aus der Kabbala rein. Womöglich ist sie auch, was sie – die große Stilbildnerin des Pop der letzten 25 Jahre – früher nicht war, verschroben, neoreligiös und etwas neben der Spur, dabei aber plötzlich regelrecht reizend. In dem neuen Dokumentarfilm „I’m going to tell you a secret“ (Warner, DVD) redet sie davon, dass die Welt ein schönerer Ort wäre, wenn die Menschen etwas lieber miteinander umgingen. Es gibt nicht wenige Menschen, die sagen, dass die Welt schon ein schönerer Ort wäre, wenn Madonna etwas lieber mit ihnen umginge.Dann aber sagt sie in dem Film nach einem Blick in den Spiegel: „Ich sehe inzwischen aus wie eine durchgeknallte Version von Shirley Temple.“ Wenn das nicht reizend ist, ist nichts mehr reizend auf der bösen Welt.

Das hier sieht sie heute Abend vermutlich nicht: ihr Publikum rund um die Konzerthalle. 40000 Menschen unterm Donnerschlag. Die 7. Avenue ist ein Fluss, in dem sich die Lichter der Stadt spiegeln, und so schaut es aus, als ob ihre durch den Regen herbeieilenden Fans auf Wasser laufen könnten. (Das aber würde Madonna nicht gefallen, nur sie kann so was!) Unterm Vordach, platschnass: Mädchen in Strapsen, Frauen in oben nachgemachtem Gaultier und unten Gummistiefeln, normale Paare, ergraut, man hat was erlebt, Gequake, au mei gaaaad, dann die Herrenreisegruppen aus den Clubs: Schnurrbart, Glatze, Gürtel um den Bizeps, Shorts, Pedikürtes in Flipflops, icobello. Als Zugabe, it’s America: glückliche dicke Mädchen.

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