Von Christian Kortmann

"McFly, dein Schuh ist offen": Auch viele Erwachsene binden ihre Schuhe falsch zu. Schnürsenkel-Experten zeigen, wie man es richtig, schnell und sogar freihändig macht.

Auch in den ganz einfachen Dingen, die wir täglich so beiläufig verrichten, dass wir es kaum mehr bemerken, schlummert Optimierungspotential. Man muss nur genug Zeit oder Langeweile haben, um beispielsweise über Verbesserungen beim Schuhezubinden nachzudenken und einen Lehrfilm darüber zu drehen. Leidgeprüfte Menschen, deren Schnürsenkel sich immer wieder öffnen, auch wenn sie sie mit einem knallharten Doppelknoten zu sichern versuchen, haben darauf gewartet. Sie wollen sich nicht länger in den Dreck der Straße bücken müssen, und Klettverschlüsse sind ja auch keine Lösung. Es hilft nur die Korrektur der in Kindergartenzeiten fehlerhaft antrainierten Knotentechnik.



So führt der Clip "Speed-Tie Your Shoes" die momentan effizienteste Methode vor. Hätte man ein McKinsey-Team oder andere Lean-Management-Experten einen Monat lang in den Schuhschrank gesperrt, käme dieser Knoten heraus: der Ian Knot, benannt nach seinem Erfinder Ian W. Fieggen. Auf seiner Website erklärt Ian, wie er diese Technik als junger Mann im Jahre 1982 erfand. Er hatte bemerkt, dass seine Schnürsenkel immer auf der rechten Seite rissen, was ihn auf die ungleiche Lastenverteilung im Knoten hinwies. Also entwickelte er den perfekt symmetrischen Knoten, der mit beiden Händen zugleich gebunden wird, wodurch man bei konsequenter Anwendung angeblich vier Tage seiner Lebenszeit spart.

Das Video lässt etwas Selbstverständliches wie einen Zaubertrick erscheinen, weil der Zuschauer aus Gewohnheit einige Sekunden mehr für das Schuhebinden veranschlagt, als diese simple Handbewegung dann tatsächlich dauert. Ebenso plötzlich ist der Clip vorbei, schon nach 20 Sekunden, zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Videos erst zum Kern ihrer Botschaft gelangen. Wer in der Realität mit dem magischen Schnür-Effekt glänzen will, sollte wie im Clip grellgrüne Schuhe mit grellgelben Senkeln tragen und die Schuhe gut sichtbar im Restaurant auf dem Tisch oder bei der Post auf dem Schalter abstellen, damit niemand den Trick verpasst.

Wenn man beim Schuhebinden so viel Potential brachliegen ließ, was ist dann noch alles verbesserungswürdig? Man könnte den Ehrgeiz auf all die kleinen Dinge übertragen, um etwa schneller zu telefonieren, ohne dass sich das Telefonkabel mit den Tagen aufrollt wie eine Lakritzschnecke. Oder um schneller zu frühstücken, schneller die Zähne und die Fenster zu putzen, nur damit man wieder Zeit hat, das Schneller-Erledigen anderer Dinge zu lernen - ein ewiger Kampf gegen die Uhr und die eigenen Unzulänglichkeiten beginnt ...

Aber vielleicht will man seine Zeit ja ganz gerne mit dem mehrmals täglich wiederholten Zubinden der Schnürsenkel vertrödeln, wie einst als Kindergartenkind, wenn einem das möglichst langwierige Anziehen der Schuhe einige Momente der Selbstbestimmung zwischen Kindergartenbetreuung und Elternaufsicht schenkte. Da konnte einem keiner reinreden, schließlich war das Beherrschen der Schleifenkunst die erste wichtige Etappe beim Erwachsenwerden. Man muss kein Nostalgiker sein, um die Schnürsenkel zur rationalisierungsfreien Zone zu erklären.



Wer seine Bindungsfähigkeit dennoch steigern will, dem zeigt der Clip "One-hand Ian Knot", was zu tun ist: Motorisch holpert das einhändige Schnüren noch, und das Ergebnis erscheint allzu schlaff. Von der Souveränität eines Lucky Luke, der im Sattel seines Pferdes sitzend die Zigaretten einhändig drehte, ist das weit entfernt. Aber die Tendenz ist klar, sie heißt Perfektion: Auch ganz unten bei seinen Senkeln gibt der Mensch erst auf, wenn er in der Nähe der Sterne ist.



Deshalb mündet der Wettkampf um die Steigerung der Skills in der Manipulation. Im Clip "Handless tying shoelace trick" sieht man einen jungen Mann in der Bühnensituation eines Schulhofs. Mitschüler stehen um ihn herum, sie wissen schon, dass er ihnen gleich sein Kunststück zeigen wird. Während der ersten Sekunden scheint er ziellos sein Fußgelenk und die losen Senkelenden auszuschütteln. Dann bewegt er seinen Fuß vibrierend schnell und lässt freihändig einen Knoten entstehen. Die Mitschüler raunen erstaunt, oder besser: Sie spielen sein Spiel mit und tun so, als seien sie immer wieder neu von dieser Nummer verblüfft.

Weil das Video kommentarlos im Netz steht und so gut gemacht ist - es gibt keine Ecken und Kanten, die seine Manipulation enthüllen -, wird bis heute diskutiert, ob diese Schuhbinde-Methode möglich ist. Und warum nicht, warum sollte nicht auch dies eines Tages in der Realität gelingen? Es muss sich nur ein talentierter Stringtheoretiker von der Qualität eines Ian W. Fieggen finden, der all seine Energie darauf verwendet, zum ersten Freischnürsenkelknoter der Menschheit zu werden. Das wäre dann wirklich ein Etappensieg bei der vollständigen Beherrschung der Materie, zumindest eines 80 Zentimeter langen Abschnitts von ihr.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

(sueddeutsche.de/irup)

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Leserkommentare (3)



09.04.2009 16:53:16

hhxxhh: Hasenohren

"im Jahre 1982 erfand" - ist ja ein Witz.

In einigen DDR-Kindergärten wurde das "Verknoten der Hasenohren" schon Anfang der 70er Jahre erlernt - und sicher nicht nur dort. Man ist aber wieder davon abgekommen, weil sich dieser Knoten deutlich öfter wieder löste, was egrade für die Kinder nicht so schön war.


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