So erhielt das Schwimmbad von Aquila den Namen von Adelchi Serena, der 1940/41 den Partito nazionale fascista als Generalsekretär geleitet hatte. In dem in der Nähe von Catania auf Sizilien gelegenen Dorf Tremestieri Etneo wurde eine Straße sogar nach Benito Mussolini benannt, während man an der Wand einer Volksschule von Palmanovo das aus der Diktatur stammende Motto "Glauben, gehorchen, kämpfen" restaurierte.

In Berlusconis schöner neuer Welt äußerte sich der Geschichtsrevisionismus in einer erstaunlich kohärenten Symbolpolitik. Während seiner Amtszeit zeigte der Premier dem Nationalfeiertag des "25 aprile" immer öfter die kalte Schulter. 2005, anlässlich des 60. Jahrestages der "Befreiung", ließ er sich an der zentralen Feier in Mailand, immerhin einem offiziellen Staatsakt, an dem Präsident Carlo Azeglio Ciampi mitwirkte, entschuldigen.

Manche Minister und Politiker der Alleanza Nazionale suchen am "25 aprile", der bei ihnen als "rotes Fest" geächtet ist, seit jeher lieber die Gräber von faschistischen Milizionären der Repubblica Sociale Italiana auf.

Das selektive Gedächtnis

Nach dem Wahlsieg von 2001 wurde innerhalb der neuen Mitte-rechts-Mehrheit laut darüber nachgedacht, den Nationalfeiertag des 25. April in ein "Fest der Freiheit" gegen jede Form des Totalitarismus umzuwandeln. Den 25. April seines traditionellen Sinns zu entleeren, hätte mit Sicherheit Massenproteste ausgelöst, weil der Antifaschismus in den Mitte-links-Kreisen die Identitäten nach wie vor stark prägt.

Deshalb entschied sich das rechte Regierungslager schließlich für einen anderen Weg. Durch die Kreation neuer Gedenktage sollte die Erinnerungslandschaft grundlegend umgestaltet und das Band zwischen Resistenza und Verfassung gelockert, wenn nicht gar gekappt werden.

Tatsächlich beschlossen die von der "Casa delle Libertà" beherrschten Kammern des italienischen Parlamentes, zwei neue Gedenktage einzuführen: den 10. Februar und den 9. November. Am 10. Februar 2005 wurde in Italien erstmals offiziell der 8000 Landsleute, die 1943 und 1945 von Tito-Partisanen ermordet wurden, und des Massenexodus von Italienern aus Istrien, Fiume und Dalmatien gedacht.

Der Pariser Friedensvertrag hatte diese Gebiete 1947 Jugoslawien zugesprochen, worauf es bis 1954 rund 300 000 Italiener vorzogen, ihre alte Heimat zu verlassen. Mit dem fast oppositionslos beschlossenen "Giorno del Ricordo" fanden zum ersten Mal Ereignisse Eingang in Italiens offizielle Gedenkkultur, die während des Kalten Krieges den Neofaschisten als politische Munition gegen die Kommunisten, aber auch als nationalistische Kritik an den ersten Nachkriegsregierungen, die angeblich Teile des italienischen Staatsgebietes ausverkauft hätten, gedient hatten.

Tatsächlich ist der "25 aprile" seit 2001 zu einem Gedenkanlass unter vielen anderen herabgesunken. In Berlusconis Amtszeit wurde Mussolinis Diktatur in Teilaspekten rehabilitiert und mit einigem Erfolg die These propagiert, nicht das nationalsozialistische Deutschland und schon gar nicht Mussolinis Italien, sondern die kommunistischen Diktaturen seien das "absolute Böse" gewesen. Die Geschichtspolitik der "Casa delle Libertà" spaltete das Land und entfernte die Bürger auch vom neuesten Stand des Wissens.

So spielten die schweren Kriegsverbrechen, die das faschistische Italien in Libyen, Äthiopien, Jugoslawien, Griechenland und wohl auch in Russland beging, keine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Bezeichnenderweise verhallte der seit 2002 mehrfach vorgetragene Appell des Historikers Angelo Del Boca, einen Gedenktag für die 500 000 Toten der italienischen Kolonialherrschaft einzurichten, bis zum Wahlsieg von Romano Prodi ungehört.

Der Autor lehrt Geschichte an der Universität Luzern.

(SZ vom 30.3.2007)

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