Von Kim Young-Ha

"Bürger, lasst uns schnell die Wohnungen räumen!": Seoul tilgt seit Jahrzehnten radikal alle Spuren der eigenen Vergangenheit. Die Megacity wird zum künstlichen Paradies ohne Erinnerungen.

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Seoul zur Weihnachtszeit. Im Vordergund: ein überdimensionaler Christbaum. Foto: AP

Vom kommenden Jahr an wird die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben. Schon 2015 wird es weltweit 60 Megacitys geben, in denen mehr als 700 Millionen Menschen zu Hause sein werden. Zehn Schriftsteller aus zehn der größten Städte der Welt haben ihren Heimatort beschrieben. Sie haben Briefe geschickt aus den Zentren des Chaos, die uns teils viel näher sind, als wir dachten. SZ

Gäbe es einen Arzt, der Städte therapiert, lautete die Diagnose für Seoul: "Kurzzeitige Amnesie". Wie ein Alzheimerpatient leidet die Stadt an einer Krankheit, durch die sie all ihre jüngsten Erinnerungen verliert. Jemand, der Seoul zum ersten Mal besucht, ist fasziniert von den alten Palästen, den traditionellen Gartenanlagen und den malerischen Mauerwegen. Dabei übersieht er, wie sehr diese Stadt, sei es nun bewusst oder unbewusst, verzweifelt versucht hat, ihre Vergangenheit zu eliminieren.

Kommen und Gehen der Herrschenden

Seoul ist seit 600 Jahren die Hauptstadt verschiedener Regierungssysteme; von Dynastien, einer konstitutionellen Monarchie und verschiedenen Republiken. Es ist Ehre und Schmach zugleich, für so lange als Hauptstadt eines schwachen Landes gedient zu haben.

Im Juni 1950 war es die Volksarmee Nordkoreas, die in nur vier Tagen Seoul einnahm. Als die aus Guerillas und Volksarmisten rekrutierte Armee mit russischen Panzern in den Süden einmarschierte, gab der damalige südkoreanische Präsident Rhee Sungman die Hauptstadt auf und floh. In zuvor aufgenommenen Tonbandaufnahmen versicherte er indes der Bevölkerung, dass er sich noch in Seoul befinde und versprach, die südkoreanische Armee werde den Feind in Kürze vertreiben.

Zahlreiche Bürger, die ihm geglaubt und in der Stadt verblieben waren, gerieten in Bedrängnis, als sie überstürzt in den Süden fliehen mussten. Drei Monate später eroberten die alliierten Streitkräfte Seoul zurück. Nachdem sich die Volksarmee in den Norden zurückgezogen hatte, wurden diejenigen verteufelt, die freiwillig oder gezwungenermaßen in Seoul ausgeharrt hatten.

Ein immergleiches Labyrinth

Nach dem Krieg waren die Hügel der Stadt mit den Spanbretthütten der Kriegsflüchtlinge übersät. Die Flüchtlinge aus dem Norden hatten keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten. Die Stadtverwaltung ließ Wohnblöcke bauen, um die einströmenden Massen aufnehmen zu können. Bald glich Seoul einem Wald von Hochhäusern. Diese wurden in den alten Wohngebieten errichtet, die Hütten abgerissen und das betreffende Viertel während der Bauarbeiten mit einer blickdichten Mauer umgeben.

Sobald die Bewohner nicht mehr um ihr Überleben kämpfen mussten, war es ihr erstes Anliegen, das Gebäude des Generalgouvernements der japanischen Besatzungsmacht abzureißen. Erinnerungen an die japanische Kolonialzeit, Erinnerungen an die Flucht der Regierenden, Erinnerungen an die Diktatur und Erinnerungen an die Spanbretthütten sind in Seoul kaum wahrnehmbar.

Meine Familie zog 1979 nach Seoul. Mein Vater war Soldat und diente in der demilitarisierten Zone an der innerkoreanischen Grenze, die etwa eine Fahrstunde entfernt liegt. Er hatte eine kleine Wohnung in Seoul gekauft, damit meine Geschwister und ich in den Genuss einer besseren Bildung kommen sollten. Wir sind in ein Viertel namens Jamshil gezogen, dem Namen nach ein Ort, an dem Seide gefertigt wurde.

Die Könige der Choson-Dynastie hatten auf dem sandigen, gut bewässerten Boden am Ufer des Han-Flusses Maulbeerbäume anpflanzen und mit den dort gewonnenen Fäden der Seidenraupe Stoffe spinnen lassen. Als wir dorthin zogen, stand dort kein einziger Maulbeerbaum mehr. Dem Schicksal des Königshauses folgend sind auch die Maulbeerbäume spurlos verschwunden.

An deren Stelle hatte man hunderte fünfstöckiger Wohnhäuser errichtet. Diese Häuser glichen einander so stark, dass Kinder, die noch nicht mit den Zahlen vertraut waren, häufig nicht nach Hause fanden. Innerhalb der Wohnanlagen gab es die gleichen Kindergärten, die gleichen Schulen, die gleichen Bäume und die gleichen Kinderspielplätze, wie Zellen, die sich in gleicher Weise teilen. Die Wohnanlagen wurden anhand von Zahlen unterschieden, es gab die Anlagen 1 bis 5.

Häuser der Wohnanlage 5 hatten im Gegensatz zu den anderen 15 Geschosse und verfügten deshalb über einen Aufzug. Als Kind habe ich mich oft mit meinen Freunden am Pförtner der Anlage 5 vorbei geschlichen, um in diesen Aufzügen zu spielen. Damals fragte ich mich manchmal, ob dieser Ort wirklich die Hauptstadt Seoul sei. Ich hatte das Gefühl, in einer Stadt über den Wolken ohne allen Bezug zur Stadt zu leben.

Lange Haare und Profi-Sport

In dem Jahr, in dem meine Familie nach Seoul zog, wurde der damalige Diktator von einem seiner Vertrauten erschossen. Der neue Diktator ließ Baseballplätze und ein Stadion in unserem Viertel bauen. Es war der Beginn des Profi-Baseballs und des Profi-Fußballs. Die nächtliche Ausgangssperre wurde aufgehoben. Die Schüler durften sich die Haare wachsen lassen und mussten keine Schuluniform mehr tragen.

Es war auch die Zeit, in der das Farbfernsehen Verbreitung fand. Wir lebten zwar unter einer Diktatur, aber es war eine sonderbare Zeit der Freiheit im Alltag. Mit den Farben des Fernsehers begannen auch die Farben der Welt an Leuchtkraft zu gewinnen. Der Diktator wollte die Erinnerungen an das Staatsstreich-Massaker verdrängen. Wie die Cäsaren baute er ein Stadion und hieß das Volk sich zu versammeln. Die Menschen strömten an den Wochenenden nach Jamshil und begeisterten sich für den Profi-Baseball.

Im 2. Teil: Sprechende Namen: "Hurra, wir wohnen im Samsung!"

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