Von Rebecca Casati

Rudi Dutschke ist die Initialfigur der 68er-Bewegung. Jetzt verfilmt Stefan Krohmer die Biographie des Studentenrevoluzzers als Doku-Drama fürs ZDF. Ein Besuch am Drehort.

Ein paar Bäume, Kopfsteinpflaster, 50er-Jahre-Mietskasernen in erschöpftem Grün: Bei den vielen, vielen trostlosen Straßen in Berlin hat man an diese hier, die Innsbrucker Straße in Schöneberg, schon länger nicht gedacht. An einem warmen Mainachmittag ist sie abgesperrt. Nur in der Drehpause dürfen Bewohner mit ihren Pudeln Gassi gehen.

Schon zum sechsten Mal lässt Regisseur Stefan Krohmer einen Demonstrationszug zurück und wieder vorwärtsmarschieren: "Tschombé non! Tschombé non!", rufen die Demonstranten, und sie meinen Moise Tschombé, jenen kongolesischen Ministerpräsidenten, unter dessen Regierung der Revolutionär Lumumba ermordet wurde. Als Tschombé 1964 auf Einladung von Willy Brandt nach Deutschland reiste, marschierte eine Gruppe junger Studenten mit Protestplakaten zum Schöneberger Rathaus.

Wie später ihr Anführer Rudi Dutschke im typisch wortradikalen Duktus selber beschrieb: "Wir hatten uns weder organisatorisch noch technisch auf die Demonstration vorbereitet. Sie war 'ordentlich‘ angemeldet, aber ein Verständnis der Demonstration als Kampfinstrument der Bewusstwerdung primär für die an ihr Beteiligten hatten wir damals noch nicht . . ." Es war der 18. Dezember 1964. Dutschke war 24. Und 15 Jahre später war er tot. Das ZDF verfilmt sein Leben, und das, wofür er und Teile seiner Generation damals eintraten. Der Ausstrahlungstermin soll dann später im Jahr sein.

Generationenporträts gelingen fast nie. Die Verfilmung jugendlichen Ungestüms wirkt ja meist schon vor Drehschluss oll. Dann wieder gibt es Generationen, die den Lauf der Welt bis in die Gegenwart prägen. So wie die 68er, als deren Initialfigur Dutschke gilt.

Das intellektuelle Prekariat arbeitsloser Akademiker

All das in seiner Komplexität abzubilden, scheint unmöglich. Doch erstens ist "Dutschke" ein Doku-Drama. Und zweitens haben die Produzenten, Nico Hofmann und Benjamin Benedict von Teamworx, zwei gefunden, die schon häufiger bewiesen haben, dass sie an einem kleinen Bild ein ganz großes aufziehen können; das sind der Regisseur Stefan Krohmer und der Drehbuchautor Daniel Nocke.

Ihr Film "Sie haben Knut" aus dem Jahr 2003 war eine Sternstunde des deutschen Kinos. Der Film schildert die Skireise friedensbewegter Zwanzigjähriger Anfang der Achtziger, gleichzeitig schildert er noch so viel mehr, zum Beispiel den selbstgerechten Terror und die unfreiwillige Komik der durch den Bonner Hofgarten Politisierten.

Anfang des Jahres lief im BR der Nocke-Krohmer-Film "Mitte 30". Präzise beschreibt er das intellektuelle Prekariat arbeitsloser Akademiker, die sich nicht zwischen Selbstverwirklichung und Familiengründung entscheiden können. Ein Milieu, dem Nocke und Krohmer selbst angehören könnten. Wären sie nicht so erfolgreich und zielstrebig.

Ist es jetzt ein bisschen schade?

Der junge Christoph Bach spielt in "Dutschke" die Titelrolle, und er macht das, soweit man es nach einem Drehtag beurteilen kann, sehr ordentlich. Man hofft, dass dieser phänotypisch ähnliche, doch noch relativ unbekannte Schauspieler dem angepeilten Millionenpublikum vermitteln kann, wie Rudi Dutschke lebte, wieso er ums Leben kam und warum das heute noch wichtig für uns ist. Inwiefern die 68er Einfluss darauf haben, wie wir heute leben, darüber streiten sich die Feuilletonisten seit nunmehr mindestens zwei Jahrzehnten recht ergebnislos.

So steht man selber da in der Innsbrucker Straße und fragt sich: Ist es denn jetzt ein bisschen schade, dass die jungen Menschen damals mit Transparenten auf die Straße gegangen sind, während sie heute Mikrofonangeln halten oder aus ihren spitzen Statisten-Schuhen schlappen? Ist es ein bisschen traurig, dass sie einander abfilmen bei Sachen, die sie nie machen würden, damit in ein paar Monaten die bekanntlich nicht mehr junge ZDF-Klientel auf der Couch in Erinnerungen schwelgen kann? Wäre es nicht schöner, diese jungen Leute riefen nun alle gemeinsam "Tschombé Non!" oder "René Obermann Non!", und nicht stattdessen "Haste auf der Vier ’n Ton drauf?"

Auf jeden Fall ist es schön, dass es in Berlin so hässliche Straßen gegen das Vergessen gibt. "Los!" ruft ein angeheiterter Berliner Rentner vom Balkon. "Ick gebe euch allen ’n Autogramm!" Ist zwar gerade keine Drehpause, aber egal. Dafür ist der alte Mann da oben wahrscheinlich der Einzige, der dabei war, damals.

(SZaW vom 31.05./01.06.2008/ehr)

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