Von S. Vahabzadeh

Voller komischer Einfälle und doch melancholisch: Cannes startet diesmal abgehoben, mit dem 3D-Film "Up". Nur an die sperrige Brille muss man sich gewöhnen.

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Eröffnungsfilm "Up": Das Leben und das Kino sind immer ein Abenteuer. (Foto: Getty)

Solche Tagträume hat man nur in Cannes, wenn man noch vom Film benommen aus dem Kino taumelt. Pedro Almodóvar hat sich im Festivalpalast verschanzt, während draußen auf der Croisette eine Abordnung von Blockbuster-Produzenten sich sammelt, um ihn abzutransportieren. Aber er hat hinten an der Meerseite des Gebäudes eine Million Luftballons festgebunden, und während man sich vorne anschickt, den Palast zu stürmen, um dem Autorenfilm final das Handwerk zu legen, entschwebt der ganze Palast gen Afrika.

Oben, jenseits der Wolkendecke, klopft es. Ang Lee hatte sich auf den berühmten Stufen mit dem roten Teppich versteckt. Nun fliegen die beiden davon, um Abenteuer zu verfilmen, die sie nie erlebt haben, und dabei finden sie heraus, dass das Kino die ganze Zeit über immer ein Abenteuer gewesen ist.

 
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So ähnlich geht etwa die Geschichte des Cannes-Eröffnungsfilms "Up", nur ohne Almodóvar und Ang Lee, die erst später im Wettbewerb mit ihren Filmen auftauchen werden. Wir sehen in "Up/Oben" ein paar Minuten lang zwei Kindern zu, die zusammen aufwachsen und später heiraten und dann alt werden, eine zu Tränen rührende kurze Geschichte der verstreichenden Zeit - übrig bleibt dann ein alter Mann, der die Züge des Siebzigerjahre-Lou-Grant Ed Asner trägt (und im Original auch mit seiner Stimme spricht). Seine Frau ist gestorben, und mit ihr alle Hoffnung, noch einmal glücklich zu werden. Als man ihn ins Altersheim schaffen will, hat er über Nacht ein Ballonmeer am Haus befestigt und hebt ab - nach Südamerika, wie der große Entdecker Muntz, den sie als Kinder bewundert haben.

Oben am Himmel klopft es an der Tür - ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft, der unbedingt die noch fehlende Pfadfinderplakette für Seniorenhilfe haben will, hatte sich auf der Veranda versteckt. Und zusammen fliegen die beiden und das Haus nach Paradise Falls, wo sich ihnen ein Riesenvogel und ein sprechender Hund anschließen, und sie dem Entdecker, der immer noch dort am Ort ist, die Stirn bieten müssen - der ist auf Ruhm aus. Pete Docters "Up" ist voller komischer Einfälle und doch meist melancholisch - weil es darum geht, dass man immer nach vorne sehen muss, egal, wie sehr man in der Vergangenheit geliebt hat.

Das Sensationelle an "Up" ist aber nicht, dass ein Zeichentrickfilm, wenn er auch sehr erwachsen wirkt, Cannes eröffnet, sondern dass er es in 3D tut. Dem Pixar-Meister John Lasseter, der den Film produzierte, wird in diesem Jahr noch eine weitere Ehre widerfahren, eine Auszeichnung fürs Lebenswerk in Venedig, mit 3D-Fassung seiner "Toy Story"-Filme. Und wenn man mal von der Einflussnahme aus Hollywood auf solche Entscheidungen - natürlich setzen die Studios die Festivals unter Druck, ihnen Präsenz zu gewähren - absieht, zeigt das auch einen Versuch von Weitsicht: Zwei große Festivals wollen an der Zukunft des Kinos mitbasteln, nach vorn sehen, sich einer möglicherweise notwendigen Entwicklung nicht verschließen. Das oft beschworene Ende des Kinos auf der Leinwand ist vielleicht tatsächlich nur mit technischer Erneuerung zu verhindern, irgendwas, was den Kinobesuch zum unersetzlichen Ereignis macht, einen neuen Publikumsmagnetismus entwickelt. Ob 3D das ist?

Wenn man sich an die sperrige Brille erst mal gewöhnt hat, ist es dann doch ziemlich atemberaubend zu sehen, wie die Landschaft an Tiefe gewinnt, die Ballons tatsächlich Konturen entwickeln, die Vögel am Himmel aus der Leinwand herausfliegen . . . ungefähr fünfzehn Minuten lang. Dann hat man sich dran gewöhnt, schließlich findet ja außerhalb des Kinos das ganze Leben in 3D statt. Das liegt auch daran, dass "Up" dankenswerterweise auf seine Geschichte setzt und einem nicht permanent irgendwelche Tennisbälle ins Gesicht geworfen werden (und das, obwohl das Werfen von Tennisbällen in dieser Geschichte eine große Rolle spielt).

Die Effekte bleiben diskret, "Up" ist genau nicht jener Typ von filmischer Nervensäge, der eigentlich auf den Jahrmarkt gehört, wo man dem Spektakel aber nur ein paar Minuten lang ausgesetzt ist. Die Frage "Warum nun also 3D?" bleibt freilich am Ende. Filme werden für die Emotionen geliebt, die sie provozieren und Emotionen werden in einer ganz anderen Dimension gemacht, in einer, die das Kino von Anfang an für sich erobert hat. Am Ende ist die Moral von "Up" die der 3D-Entwicklung insgesamt: Das Leben und das Kino sind immer ein Abenteuer, auch ohne Effekthascherei.

(SZ vom 14.5.2009/korc)

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