Von Christian Kortmann

Eigentlich wurde das Internet für Katzenvideos erfunden. Katzen wissen, was von Schauspielern erwartet wird: Ihr größter Star beherrscht einzigartig süße Tricks.

In den Anfangszeiten von YouTube, was auch erst drei Jahre her ist, belächelte man das Videoportal wegen der Vielzahl von Katzenclips. Dabei war es nur logisch, dass Katzen auf die globalen Guckkastenbühnen des neuen Mediums drängten. So wie ihre Frauchen und Herrchen mit einem Zuviel an Kameras, etwa in ihren Mobiltelefonen, ausgestattet sind, so gerieten die Katzen als dankbare Hauptdarsteller in den Mittelpunkt.

Bislang hatten sie zu Hause rumgehangen, viel geschlafen und gefressen, waren ab und zu rausspaziert, um so zu tun, als wollten sie Mäuse fangen, wo sie dann aber auch wieder nur rumhingen. Doch als ihre menschlichen Mitbewohner sich fragten, was und wen sie mit ihren Kameras filmen sollten, fiel ihr Blick auf die Katze. Tierbewegungen sind wegen ihrer Unkontrollierbar- und Unverständlichkeit einfach interessanter als Menschenbewegungen. Populär wurden Videos, die Katzen zeigten, die an ihrem Ziel vorbeisprangen, sich von einer Schildkröte in die Flucht schlagen ließen oder besonders Drolliges anstellten und einen Hund massierten.



Jetzt merkt man, dass sich das Katzenvideo-Genre weiterentwickelt hat. Das liegt nicht an der Professionalisierung der Filmer, sondern, kaum zu glauben, an den gesteigerten Leistungen der Hauptdarstellerinnen.

Ja, die Katzen stellen nun Dinge an, für die sie nicht bekannt waren, als folgten sie dem Wunsch ihrer Regisseure, YouTube-fähige Performances abzuliefern. Wie bei Katzen üblich, tun sie dies nicht aus Gefallsucht, sondern aus persönlicher Eitelkeit und dem artenspezifischen Stolz, immer besser als die Hunde sein zu wollen.

Die Star-Katze der Stunde heißt Maru und kommt aus Japan. Ihre besten Nummern umkreisen alle dasselbe Motiv: den eigenen Körper in papierene Behältnisse zu befördern. Maru wird nicht müde, neue Varianten zu entwickeln, die alle Prädikate von süß über putzig bis herzallerliebst verdienen. Und weil ihr Menschenpartner mugumogu jedes neue Kunststück ins Netz stellt, sorgt Maru weltweit für beglückte Gesichter vor den Bildschirmen.

In einem Clip attackiert sie mit Anlauf Yoghurt-Pappverpackungen. Mal taucht sie durch sie hindurch wie der Zirkuslöwe durch den brennenden Reifen. Meist aber bleibt sie in der Pappmanschette stecken, um derart ummantelt über den Boden zu rutschen wie ein fellbewachsener Curlingstein, der sich selbst geworfen hat. Mit allen Vieren ausgestreckt kommt Maru dann zum Erliegen und genießt einige Momente lang die Gemütlichkeit der Papphöhle, bis der Ehrgeiz sie wieder packt und sie zwei Verpackungen nacheinander aufspießt.



Wenn sie sich im Clip "Mask Maru" freiwillig mit einer Tüte auf dem Kopf und eingeschränktem Sichtfeld durch die Wohnung bewegt, ist das eine Meditationsübung für die übrigen Katzensinne. Die Ruhe, die Maru in diesen drei Minuten ausstrahlt, zeigt, dass sie wohl stundenlang mit Tüte auf dem Kopf durch ihr natürliches Wohnungshabitat laufen kann. Den Menschen, der das filmt, vergisst man ganz, die nüchternen Kameraeinstellungen erinnern an das Werk von Michael Haneke. Maru liefert perfekte tierische Internetunterhaltung, ein visuelles Must-have-Accessoire: kühl und weiß, minimalistisch und diskret.



Bisheriger Höhepunkt in Marus Schaffen ist das Video "Maru in the Big Box". Solch ein großer Karton stellt für eine leidenschaftliche In-Papp-Boxen-Springerin eine Herausforderung dar. Maru ist sich nicht sicher, was hinter der Kartonkante im Inneren lauert. Beim ersten Einstiegsversuch scheitert sie. Doch dann springt sie beherzt vom Boden ab: In der Luft scheint sie einen Moment lang stillzustehen und plumpst in den Karton.

Der Katze Kern

Noch besser ist der Rückweg, wenn der Zuschauer erwartungsvoll auf den Karton blickt, und Maru plötzlich herausgefedert kommt wie ein Springteufel, so, als würde sie jemand werfen. Dabei erreicht sie beste Haltungsnoten und fliegt in der "Invisible Bicycle"-Pose, die von den Lolcats, den Lachkatzen, bekannt ist. Marus Landungen sind dumpf, manchmal gar lautlos.

Immer wieder blickt Maru den Zuschauer an, als wüsste sie, was dieser von ihr erwartet, bei einer Schauspielerin würde man von einer "Liebesbeziehung mit der Kamera" sprechen. Und man fragt sich: Welche Intelligenz ist in Maru am Werke; was ist der Katze Kern?

PS: Es war nur eine Frage der Zeit, bis es wie beim schlafwandelnden Hund Bizkit Menschen geben würde, die Maru nacheifern:



Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

(sueddeutsche.de/kar)

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Leserkommentare (4)



18.06.2009 17:58:39

Benedam75:

Wo wohnen Katzen?

Im Miezhaus.

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Jedem das seine - Miez das meiste.

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Bei einem Tierarzt läutet das Telefon: "Gleich kommt meine Frau mit unserer Katze zu Ihnen. Bitte geben Sie Ihr eine Spritze, damit sie friedlich einschläft.... " - "Gerne" sagt der Tierarzt, "aber findet Ihre Katze alleine nach Hause?"

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Ein Kater jagt einer ganzen Mäusefamilie hinterher. Im letzten Moment dreht sich der Mäusevater um und ruft "Wau Wau."

Der Kater dreht sofort ab, die Mäuse atmen auf.

Da sagt der Mäusevater stolz zu seinen Kindern: "Jetzt habt ihr erlebt, wie wichtig Fremdsprachen sind."


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