Von Tobias Dorfer

Das perfekte Talkshow-Rezept: Man nehme eine Vorzeigelinke, einen Ex-Banker - und packe das Ganze in eine Krawallhülle. Warum Maybrit Illner mit ihrer Sendung zur Finanzkrise trotzdem scheiterte.

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Sprach selbst viel: Moderatorin Maybrit Illner Screenshot:zdf

So viel Unwissenheit in einer Runde - da konnte Hilmar Kopper nur wütend den Kopf schütteln. "Die Banken haben den Wohlstand nicht verzockt", rief er ins Studio und sein Kopf wurde knallrot vor Zorn. Alles falsch. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank geriet geradezu in Rage - und es fiel Kopper sichtbar schwer, sich zu beruhigen.

Das war vor einer Woche.

Der wütende Herr Kopper war als Gast bei "Hart aber Fair" angetreten, den ARD-Zuschauern die Finanzkrise zu erklären und Moderator Frank Plasberg davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus ansich nichts Schlechtes und der Finanzkollaps ein wirtschaftlich völlig normaler Vorgang sei.

"Die Börse gibt's, die Börse nimmt's", sagte Kopper, als er sich endlich einmal beruhigt hatte. Wenige Tage zuvor war eine der traditionsreichsten Investmentbanken der USA kollabiert, der ehemals weltgrößte Versicherer AIG gestauchelt - und Millionen Häuslebauer standen vor den Scherben ihrer Existenz.

Möglicherweise hatte die Redaktion von Maybrit Illner, dem ZDF-Gegenprodukt von Plasberg, an diesem Mittwoch gesammelt ARD geschaut. So saß Kopper nun, acht Tage später, zur Frage "Ist der Kapitalismus noch zu retten?" in Illners Studio, sollte wieder wüten - und daher hatte eine schlaue Redaktion zu seiner Rechten die Kommunistensirene Sahra Wagenknecht von der Linkspartei platziert.

Dazu war der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin von den Grünen geladen, der sich mit Credit Default Swaps beinahe so gut auskennt, wie mit dem Kyoto-Protokoll oder dem Dosenpfand - und neben ihm saß ein gewisser Arndt Kirchhoff, der ein Familienunternehmen führt und Vorsitzender des Mittelstandsausschusses des Bundes der Deutschen Industrie ist.

Während sich Plasberg vor einer Woche die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl und dem ehemaligen Finanzminister Hans Eichel wenigstens noch ausgewiesenes Fachpersonal in die Sendung geholt hatte, vereinsamte Hilmar Kopper bei Maybrit Illner fachlich geradezu. So kam es, wie es kommen musste. Der Banker konnte gelassen seine Thesen vortragen, die sich erwartungsgemäß in 192 Stunden nicht maßgeblich geändert hatten.

"Gezockt haben die Hauskäufer in Amerika", sagte Kopper. Diejenigen also, die dachten, alles könnte auf Pump finanziert werden. Dann redete er von leichtsinnigen Banken, verteidigte das Rettungspaket der US-Regierung und fand sogar einen positiven Aspekt an der staatlichen Rettungsaktion für den US-Versicherer AIG. Denn wer, so Kopper, sage denn, dass der Staat die Anteile an AIG später nicht mit einem Gewinn verkauft?

Viele Stichworte für die rote Sahra


Koppers Welt ist auch nach dem Beben an der Wall Street noch ziemlich heil. Kollabierende Banken gehören zum System. Genauso wie die Banker, die jetzt auf der Straße stehen. Erst haben sie gut verdient, jetzt eben vieles verloren. "Brutal abgestraft", sagt Kopper. "Alles weg. Alles tot."

Das wäre eigentlich ein Stichwort für Sahra Wagenknecht gewesen - die Linken-Politikerin, die einst forderte, Banken müssten verstaatlicht werden und die Talkshows gerne mit einem schmissigen Satz vor drohender Langeweile rettet. Dann wurde es aber doch ziemlich öde. Wagenknecht regte sich lediglich auf, dass nun die Bürger für die Zocker-Banker bluten müssten, der US-Staat sich "finanziellen Sondermüll" ans Bein gebunden habe und dass auch der deutsche Staat mit der Riester-Rente in dieses "morbide Kartenhaus" investiere.

Nichts Neues. Dann sprach Wagenknecht noch ein wenig über ihre Lieblingsthemen: dem bösen Lohndumping, ihrem Traum von einer sicheren Rente ohne Riester und von Unternehmen, die ihre Dividenden um 50 Prozent erhöhen und gleichzeitig Mitarbeiter entlassen. All jene Thesen eben, mit denen Talkshow-kompatibles Linkspartei-Personal quer durch alle Plasberg-Will-Friedman-Maischberger-und-eben-Illner-Sendungen tingelt.

Provozieren wollte (oder konnte) die rote Sahra an diesem Abend jedoch nicht. Nicht einmal Illners Steilvorlage, ob man jetzt Banken nicht doch besser verstaatlichen sollte, griff sie auf. "Man soll erst einmal aufhören, die öffentlichen Banken weiter zu privatisieren", sagte die Europaabgeordnete ziemlich umständlich.

Da musste Maybrit Illner schnell auf das erste Gebot der Moderationsbibel zurückgreifen: Wenn gar nichts mehr geht, dann spiele man ein Lafontaine-Zitat ein. Doch nicht einmal dessen Forderung, Vermögende zu enteignen, trieb die Debatte merklich voran.

Hilmar Kopper hörte sich das alles an, lächelte ab und zu ein wenig unbeteiligt - und zog es ansonsten vor, auf derartige Banalitäten nicht weiter einzugehen. Ein Schlagabtausch zwischen dem Banker und der Kommunistin wollte sich partout nicht entwickeln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Moderatorin Illner immer reden wollte.

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