ALEX RÜHLE

„Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A“ oder "Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz." Das ist HipHop von rechts: ein neues Musikgenre in Deutschland.

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Keine Frage: Fler ist ein erbärmlicher Typ. Proll, Heimkind, unsympathisch. Und die Berliner winken anscheinend längst schon wieder ab: Geh mir weg mit dem Assi.

Jedenfalls die Berliner aus Treptow, dem „Ghetto“, wie der Sozialarbeiter Olaf Keßler selbst sein Viertel im Gespräch nennt. Die Berliner aus Charlottenburg und Schöneberg reiben sich hingegen die Augen, wenn sie abends auf MTV das Video zu Flers Song „Neue Deutsche Welle“ sehen: Frakturschrift mit leicht verfremdetem Reichsadler, deutsche Fahnen überall, am Ende setzt sich ein Adler auf Flers Arm.

Diese deutschnationalen Insignien werden mit den üblichen Bildern und Szenen aus dem amerikanischen Gangsta-HipHop gesampelt: endzeitliche Abraumhalden, dampfergroße Zuhälterautos, Kapuzenpullis und eben Fler, der Macker, der einen anschaut wie ein hungriger Metzger und dazu singt: „Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz. Man siehts mir nicht an, doch glaub mir, meine Mom ist deutsch.“

In Neon wird gejubelt, der deutsche HipHop habe endlich seine eigene street credibility erlangt. Fler und seine Kollegen Eko Fresh, Bushido und Sido schlössen an die Kultur des amerikanischen Battle-Rap an, die dem deutschen HipHop ja leider immer gefehlt habe. Statt gymnasialer Lyrik und „harmloser Liedchen“ finde jetzt endlich „die soziale Realität ungefiltert Eingang in die Songs“. Ganz ähnlich bewirbt sich Flers Label Aggro Berlin auch selbst: „Harte, direkte Texte, die die soziale Realität im Plattenbau-Ghetto widerspiegeln“. Deshalb zur Einstimmung, ungefiltert, soziale Realität aus dem Ghetto Berlin: „Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A“ (Bushido). – „Ihr seid Fake, ich scheiß’ auf eure Baggypants, ich erschieß’ die Kelly-Fans und bange im Mercedes Benz“ (Fler). – „Bis aufs Blut bin ich ein deutscher MC“ (Fler).

Rechts: auch nur ein Image?

Dennis Kraus vom HipHop-Magazin Backspin, das Fler in seiner Maiausgabe immerhin die Coverstory widmet, meint, es wäre falsch, „da von rechtem HipHop zu reden. Die Typen sind ja nicht rechts. Sondern unglaublich dumm.“ In der taz hieß es ganz ähnlich, Fler sei nicht rechts, sondern bescheuert. Und all das nationale Getue sei nichts als Branding und Image-Strategie. Ein Flirt mit dem Tabu. Fler solle eben als der böse deutsche Rapper vermarktet werden. Das Album „Neue Deutsche Welle“ wurde beworben mit dem Slogan: „Ab 1. Mai wird zurückgeschossen.“ Das Gerücht, dass Fler den Produzenten DJ Ilan ein „geldgeiles Judenschwein“ genannt habe, wurde nie dementiert. Und der Regisseur des Videos für „Neue Deutsche Welle“ hätte Fler am liebsten mit Skins durchs Bild marschieren lassen, „aber da hätte man uns in die falsche Ecke gedrängt.“ Ecke? Welche Ecke?

In seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ kommt der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer in diesem Jahr zu dem Schluss, 60 Prozent der Deutschen seien fremdenfeindlich; 2002 waren es 55 Prozent. Der Anstieg ist laut Heitmeyer besonders ausgeprägt bei Personen, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen.

Fler und Bushido würden sich sicher nicht der politischen Mitte zuordnen, aber sie geben sich empört, wenn man sie als Rassisten oder Nazis bezeichnet. Bu-shido sagt, er sei doch selbst Migrant. Und als der HipHopper, Autor und Lehrer Hannes Loh die Gruppe Mor angriff, weil in deren Texten „wack MCs“ in „Gasduschen“ und „Kinder ins KZ“ geschickt werden, schrieb Mor empört auf der eigenen Homepage: „Wir sind keine Nazis und haben auch nicht die Absicht, einem deutschnationalen Rap auf die Sprünge zu helfen. Und das sollten wir nicht vergessen: Es gibt keinen deutschnationalen HipHop!“ Die kategorische Schlussbehauptung findet man in den diversen Foren zum Thema HipHop immer wieder. HipHop gilt da immer als multikulturell und irgendwie links. Aber seit wann ist denn einer ästhetischen Form per se eine politische Aussage eingeschrieben?

Die zwei Klassen des Rap

Hannes Loh und Murat Güngör haben in ihrem Buch „Fear of a Kanak Planet – HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap“ schon vor drei Jahren aufzuzeigen versucht, wie der HipHop im großen Stil von der rechten Szene gekapert worden ist. Der Sündenfall beginnt für die beiden mit dem Deutschrap der „Fantastischen Vier“. Bis dahin gab der HipHop den Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund, wie man damals noch freundlich sagte, die Möglichkeit, über ihr Leben am Rande des deutschen Alltags zu erzählen. In Lohs Augen haben die vier Spaßrapper dieser Unterschicht den Stil geraubt, alle politischen Inhalte ausgeschüttet und dann aus ihrem beschaulichen schwäbischen Abiturientenleben erzählt. Seither gebe es im HipHop eine Zweiklassengesellschaft, die der deutschen Jugend aus dem Mittelstand und den „Oriental Rap“ für die Migranten aus den Ghettos. Die HipHop-Tradition des Battle, also des gegenseitigen Schmähens und Niedermachens, hat, seit es diese kategorische Unterscheidung gibt, an Härte eindeutig zugenommen. Schmäher und Niedermacher Fler bezeichnete einen anderen HipHopper namens Tomkat als „schwulen Zigeuner“ der sich „ganz krass mit seiner ganzen Sinti-Sippe in den Arsch ficken“ solle.

Als das rechte Musikmagazin Rocknord 2001 einen Artikel unter der Überschrift „HipHop wird schneller weiß als man denkt“ veröffentlichte, ging es in den völkischen Foren rund: „Der Nationalsozialismus basierte immer auf der Masse, und wenn die Masse halt nationalen HipHop anhört, warum nicht.“ –„Ich hasse Hip Hop wie die Pest, begrüße es aber, wenn es auch da zu richtigem Denken kommt.“

So und ähnlich lauteten die Einträge, die allesamt dieselbe Stoßrichtung hatten: Wenn HipHop angesagt ist, lasst ihn uns kapern. Keßler beobachtete ungefähr zur selben Zeit, dass viele Rechte den strengen Kleidercode der Skins ablegten und plötzlich in Baggy Pants und Sneakers herumliefen. „Die Jüngeren hatten das satt mit den Skins. Und im Battle-Rap hat man ihnen ja haargenau dieselben Inhalte serviert, bloß noch schick gereimt dazu.“

Hannes Loh zeigt in einem neueren Aufsatz anschaulich, wie das funktioniert mit dem Kapern. Die Gruppe Advanced Chemistry machte Anfang der Neunziger unter dem eingängigen Titel „Fremd im eigenen Land“ einen Song, der die Probleme von Migrantenkindern thematisierte.

Drei Jahre später coverten die HipHopper von Anti aus Schneeberg den Song und stülpten ihn um: Wir aus dem Osten fühlen uns fremd im eigenen Land, wir werden „wie Asylanten“ und „Ostnigger“ behandelt. Loh staunt selbst darüber, „wie selbstverständlich hier die HipHop-Erzählung von Unterdrückung und Ausgrenzung, die in erster Linie eine Erfahrung von Afroamerikanern war, mit einer deutschen Erzählung verknüpft wird“. Kürzlich klaute die Kieler Gruppe Mc Pain übrigens denselben Titel und machte daraus eine Art Montags-Demo-Song: „Türken werden immer reicher, Deutsche immer ärmer“, „Kommt noch so weit, dass ein Türke Kanzler wird.“

Die Rechten können sich die Hände reiben. Die Prolls von Aggro und anderen Labels sagen, mit Rechten hätten sie nichts zu tun. Aber gegen den mächtigen trickledown-Efekt ihrer Texte können sie nichts unternehmen. „Nigger“ gehört unter HipHop-Youngstern längst zum ganz normalen Wortschatz. Die role models der deutschen Rapszene machen es vor. Mor scheinen geradezu an Koprolalie zu leiden, so oft verwenden sie das N- Wort. Afrodeutsche MCs wie Samy Deluxe, Afrob oder Meli Worte werden als „primitive Neger“ bezeichnet, die in den Zoo gehören. Wer sich darüber wundert, dem wird entgegnet, das sei Battle-Rap, und da gehe es nunmal um immanente Tabubrüche. Auf der Internetseite www.hiphop.de bemerkt ein Leser zu Denana, der sich 2001 darüber aufregte, dass „viel zu viele Bitches Geld und Fame mit Niggerbonus scheffeln“: „Der Spruch ist keineswegs fremdenfeindlich. Was soll daran bitte rassistisch sein? Das Wort nigger?? Oder das Wort Bitch??? Das sind Wörter, wie sie im Rapalltag so langsam üblich sind.“

Auf Freigang ins Studio

Genau das ist das Problem: So langsam ist alles üblich. Im deutschen HipHop des neuen Jahrtausends ist Gewalt Trumpf und Schwulsein ist Tötungsgrund, es geht ums Angeben, Vernichten und Ficken. Wobei das oft in eins fällt: „Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst.“ Widerlich? Allerdings. Aber Bushidos Refrain aus dem Song „Gangbang“ ist noch gar nichts gegen die Texte der Gruppe „Frauenarzt“.

Die gern vorgebrachte These, das sei doch alles bloß Spaß und Triebabfuhr, siehe Egoshooter-Spiele, kann Keßler schnell entkräften. Er sagt, die Tracks würden häufig zur Legitimation für Gewalttaten herangezogen. „Die Jungen sitzen allein zuhause und hören vierzig Mal ,Ich fick dich in die Urinblase.’ Das ist das Einzige, was die an diesem Tag hören. Danach gehen die auf die Straße und stechen einen ab.“ Das Beängstigende, so Keßler, sei gewesen, dass zeitgleich mit dem Aufblühen von Aggro die Gewalt völlig entpersonalisiert worden sei. „Bis dahin wurdest Du als Stino (Stinknormaler) in Ruhe gelassen. Auf dem Höhepunkt von Aggro konntest Du wegen einer Kleinigkeit abgestochen werden. Jeder.“ Mittlerweile hat sich die Lage in Treptow beruhigt. „Die Harten sitzen alle im Gefängnis. “

Hannes Loh glaubt, dass der deutsche HipHop noch härter wird: Die Stars von Aggro-Berlin werden inzwischen von einigen Rappern selbst als Warmduscher und Schlappschwänze verspottet. Kalusha, der nicht nur street-, sondern sogar Knast-credibility für sich verbuchen kann – „Dieses Album wurde ganz besonders aufgenommen, da Kalusha gerade (mal wieder) im Gefängnis sitzt und nur 8 Stunden am Tag ins Tonstudio darf“ –, verspricht für die Zeit nach der Entlassung: „Ich prügel Sido zum Krüppel und häng ihn an’n Baum mit meinem Gürtel.“

Olaf Keßler glaubt hingegen, der Höhepunkt des Hartz-IV-HipHop sei vorüber, die Jugendlichen hätten die Nase voll von perspektivlosem Battle-Rap: „Wir haben hier jetzt plötzlich eine Punkband im Jugendheim. Und die Hauptschüler hören Adam Green. Hauptschüler! Adam Green!“ Trotzdem hat Aggro ganze Arbeit geleistet: „Klar, Nigger sagt hier heute jeder.“

Das sind keine schönen Aussichten, wenn man bedenkt, dass Berlin-Treptow in Sachen HipHop während der vergangenen drei Jahre nationale Avantgarde war.

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