Von Fritz Göttler

Dustin Hoffmans Kindertraum war es nicht, Schauspieler zu werden. Dennoch eilte er nach seinem Durchbruch mit "Die Reifeprüfung" wieselflink zum Erfolg. Dank Method Acting - und Gene Hackman. Am Mittwoch wird er 70 Jahre alt.

Dustin HoffmanGrossbild

Seit 40 Jahren ist Dustin Hoffman dick im Filmgeschäft. Seinen ersten Oscar gewann er 1980 für die männliche Hauptrolle in dem Scheidungsdrama "Kramer gegen Kramer". (Foto: AP)

Ein Déjà-vu-Effekt, der wohl wichtig war für die Karriere des Dustin Hoffman: "Ich hatte das Gefühl", beschreibt er seine Reaktion, als er zum ersten Mal Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" auf der Bühne sah, "als würde man in die Privatsphäre meiner eigenen Familie einbrechen." Jüdischer Mittelstand als eine der wesentlichen Produktivkräfte für den amerikanischen Traum der Nachkriegszeit - seine Konturen, seine Dynamik, seine Neurosen, seinen Umgang mit dem Tod. Mitte der Achtziger hat Dustin Hoffman dann selbst den Willie Loman am Broadway gespielt, achtzehn Monate lang, einen Tony dafür bekommen und mit Volker Schlöndorff dann eine Fassung fürs Fernsehen gedreht - bei uns war sie im Kino zu sehen.

Die Invasion des Wirklichen in die künstlerische Existenz, das ist natürlich ganz alltäglich bei einem Actors-Studio-Mann. Bei Dustin Hoffman ist die legendäre Methode weniger stark ausgeprägt als bei den Kollegen von Brando bis De Niro (mit dem er später in "Wag the Dog" und in "Meet the Fockers" spielte). Das machte Dustin Hoffman um einiges beweglicher, versatiler, schneller. Sein Ratso Rizzo in "Asphalt Cowboy" kam 1969, sieben Jahre vor De Niros Taxi Driver, eine nervöse, nervige, eidechsenflinke Kreatur im New Yorker Großstadtdschungel, die wild mit der Faust auf die Kühlerhaube hämmert, als ein Auto ihn beim Überqueren einer Straße fast zusammengefahren hätte.

Bei ihm wird so unverschämt deutlich, dass die Method vor allem auf Manierismen baut - um das Innenleben zu verbergen oder die erschreckende Tatsache, dass man keins hat. Und wenn man das nur radikal genug macht, kommt am Ende so etwas wie Autismus heraus - wie in "Rain Man", wo Barry Levinson ihn als Bruder des pseudocoolen Tom Cruise spielen ließ.

Die beiden sind diametral entgegengesetzt in ihrem Schaffen, ihren Karrieren. Man weiß nicht erst seit der "Valkyrie", wie verbissen Cruise um seriöse Rollen buhlt. Hoffman dagegen war, mit seinen hängenden Schultern und seinen kurzen Beinen - dieser unvergleichliche hastige Laufschritt! - für Heldenrollen wahrlich nicht prädestiniert. Die Familie war froh, als er sich zum Schauspielern entschloss, er schien für einen ordentlichen Beruf nicht zu taugen. Beim Studium am Pasadena Playhouse traf er Gene Hackman, und sie wurden dicke Freunde. (Erst 2003, in "Runaway Jury" nach Grisham, haben sie zusammen gespielt.)

Karriereknick in den 80ern

Zwei Jahre später ging Hoffman nach New York und nistete sich bei Hackman ein - er hatte Angst vor der großen Stadt draußen, eine Angst, die er im "Marathon Man" subtil beschwor -, und um ihn wieder loszuwerden, reichte Hackman ihn an Robert Duvall weiter. Drei junge Typen, die sich damals zu Nebenrollen verdammt sahen, Fernsehen oder Off-Broadway - und heute die Substanz des Hollywoodkinos garantieren. Weshalb sich Hoffman ab und zu delikate Praliné-Rollen genehmigte, den "Hook" in Spielbergs Peter-Pan-Version, den duftschwachen Baldini in "Das Parfum".

 
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Mike Nichols hat Hoffman Ende der Sechziger hollywoodreif gemacht, als er ihn als juvenilen Benjamin besetzte in "The Graduate/Die Reifeprüfung" - erst war Robert Redford vorgesehen, aber dem, fürchtete Nichols, würde man den lover-loser nicht abnehmen. Mit Redford hat Hoffman dann 1976 "All the President’s Men" gedreht. Die Siebziger waren seine große Zeit, angefangen mit Peckinpahs "Straw Dogs" - wo der schusselige Brillenmensch am Ende eine diabolische Lust entwickelt, Alltagsgegenstände in tödliche Fallen zu verwandeln, amerikanische Kreativität at its best - und kulminierend im ersten Oscar für "Kramer gegen Kramer".

Er hat sich verstärkt mit seinen Regisseuren angelegt in diesen Jahren, und sich selbst an der Regie versucht, "Straight Time", 1978, eine kleine Gangstergeschichte. "Als ich dann die Muster sah, sagte ich zu mir: ,Du bist gefeuert‘." Sein Freund und Mentor Ulu Grosbard musste übernehmen.

In den Achtzigern gab es ein eigenartiges Karriereloch, viel Theater, nur vier Filme. Die Frauenrolle "Tootsie" und der zweite Oscar, "Rain Man". Und "Ishtar", der Film, der Elaine May für nunmehr zwanzig Jahre in die Regie-Versenkung schickte. Kein Film wurde so gnadenlos zerfetzt von der Kritik. Aber es ist Hollywood pur. Dustin Hoffman und Warren Beatty träumen den Duo-Traum vom Showerfolg - und werden dafür in die Wüste von Marokko geschickt, wo die Army-Leute als ihre Zuhörer rekrutiert werden. Hoffman steht zu dem Film - "ein Kind, das nicht weiß, dass es reiche Eltern hat."

(SZ v. 8.8.2007)

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Leserkommentare (3)



09.08.2007 10:55:52

Pilmartine: an maik1964:

Eine Gabe kann einem ja auch enorm im Weg stehen.

Ebenso wie ein Defizit einen nach oben bringen kann.

Was soll es also?


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