Interview: Thomas Thiel, Ulrich Raulff

Die Großmacht aus Gütersloh: Über die ethische Selbstüberhöhung eines Medienkonzerns und die Privatisierung der Politik - ein Gespräch mit Publizist Frank Böckelmann.

Zu den Merkwürdigkeiten, auf die man stößt, wenn man sich mit Bertelsmann beschäftigt, gehört die relative Unbekanntheit des Konzerns. Obwohl das Medienunternehmen aus Gütersloh längst zu einer deutschen und europäischen Großmacht aufgestiegen ist, dessen Einfluss auf Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Kultur kaum zu überschätzen ist, bleibt die Allgewalt des Riesen für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Die Publizisten Frank Böckelmann und Hersch Fischler haben seine enorme Wirksamkeit recherchiert und beschrieben. Anfang Oktober erscheint ihr Buch "Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums" im Verlag Eichborn.

SZ: Herr Böckelmann, wie sind Sie und Ihr Mitautor, Hersch Fischler, auf das Thema Bertelsmann gekommen?
Frank Böckelmann: Ich habe mich immer für das interessiert, was sozusagen im toten Winkel der öffentlichen Wahrnehmung stattfindet. Unerwarteter Weise ist Bertelsmann, trotz seiner Publizität in allen Medien, eine unbekannte deutsche und europäische Großmacht. Und zwar als Medienkonzern und als politische Großmacht. Hersch Fischler seinerseits hat sich schon seit gut zehn Jahren mit Bertelsmann befasst, vor allem mit der Rolle des Verlags im Nationalsozialismus.

SZ: Woher haben Sie Ihre Informationen bezogen?
Böckelmann: Durch sorgfältige Auswertung aller bereits vorhandenen Quellen, aber auch unbekannter Quellen. Hinzu kamen Gespräche mit Experten.

SZ: Haben Sie nicht versucht, direkt mit der Konzernspitze oder mit Reinhard Mohn persönlich zu sprechen?
Böckelmann: Es gab ein langes Gespräch zwischen Hersch Fischler und, unter anderen, Gunter Thielen im Dezember 2002 in Gütersloh. Dabei ging es um die Recherchen von Fischler und die Reaktionen des Konzerns darauf. Aber die Herren haben geblockt und ihre Machtposition ausgespielt. Das war ein so entmutigendes Ergebnis, dass wir wenig Sinn darin sahen, den weiteren Kontakt aufrecht zu halten. Mohn äußert sich ja ständig in Form von Büchern und Interviews, ebenso wie seine Frau Liz. Sie sind monologische Existenzen; wenn sie sich angegangen fühlen, ziehen sie sich reflexartig auf gewisse Formeln zurück: Unternehmenskultur, Leistungsbeitrag für die Gesellschaft usw.

SZ: In Ihrem Buch sprechen Sie von einer "Philosophie" von Bertelsmann. Welcher Art ist diese Philosophie?
Böckelmann: Es ist weitgehend eine Führungsphilosophie: Man soll die Mitarbeiter beteiligen an den Entscheidungen, soll die Verantwortung delegieren. Auch die einfachen Mitarbeiter sollen die Erfahrung einer Partnerschaft mit dem Management machen usw.

SZ: Aber das betrifft ja nur die betriebsinterne Kommunikationsethik.
Böckelmann: Reinhard Mohn hat Versuche unternommen, die Prinzipien der Unternehmenskultur, von denen er behauptet, sie hätten sich bei Bertelsmann bewährt - wir bestreiten das - auf die Gesellschaft insgesamt, auf Verwaltung und Politik auszudehnen. Dem dient vor allem die Bertelsmann-Stiftung.

»Der rote Faden, der sich durch die letzten zwei Jahrzehnte hindurchzieht, ist der Gedanke, das Handeln von Bertelsmann sei identisch mit dem Gemeinwohl«

SZ: Aber wenn man wie Sie von einer "ethischen Selbstüberhöhung" von Bertelsmann spricht, stellt man sich doch etwas anderes vor, also höher gesteckte moralische Ziele.
Böckelmann: Richtig. Was das gesamte wirtschaftliche Geschehen überwölbt, lautet ungefähr so: Wir, Bertelsmann, erbringen einen Leistungsbeitrag für die Gesellschaft. Wir tragen Verantwortung für Politik und Gesellschaft. Profitmaximierung ist nicht unser erstes Ziel. Profitmachen um seiner selbst willen ist verächtlich. Früher, in den zwanziger und dreißiger Jahren, hat man gesagt: Wir bringen den Menschen das Buch. Das war, als die theologische Legitimation nicht mehr getragen hat, als der theologische Verlag zum Romanverlag wurde, man aber dennoch diese 1brauchte. Ohne die hat man sich nicht hinausgetraut in den Wettbewerb. Der rote Faden, der sich durch die letzten zwei Jahrzehnte hindurchzieht, ist der Gedanke, das Handeln von Bertelsmann sei identisch mit dem Gemeinwohl.

SZ: Und das wird geglaubt?
Böckelmann: Das wird geglaubt. Gerade die höchste Ebene bei Bertelsmann, allen voran Reinhard und Liz Mohn, glaubt daran. Das ist das Interessante: Bei Bertelsmann gibt es keine Zyniker. Sie sind überzeugt von dem, was sie sagen. Auf uns wirkt das verstörend, ja fast obszön: Die glauben, was sie sagen. Und viele Mitarbeiter tun es auch.

SZ: Andererseits ist doch gerade Bertelsmann, man denke an RTL, nicht gerade zimperlich, wenn es um Rendite geht. Was ist denn mit den Ekel-Serien, wie vertragen sie sich mit den moralischen Prinzipien?
Böckelmann: Seitdem es vor einigen Jahren wirtschaftliche Probleme gegeben hat, regiert in Gütersloh nur noch die Absicht, die Gewinnmarge zu erhöhen, also die vorgegebene Marge von 15 Prozent Gesamtkapitalrendite zu erreichen. Dagegen werden alle Bedenken zurückgestellt. Die wurden auch vorher schon zurückgestellt, aber man sprach, als sei man ein ethisch hochstehender Medienkonzern. Jetzt schweigt man sich darüber aus, jetzt trägt die Stiftung um so mehr Legitimationslast.

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