Die Poesie der Heuschrecke
Vorsicht: Manager-Deutsch
20.08.2007, 18:05
Willst Du meine Heuschrecke sein? Großunternehmen werden zu Heuschrecken ihrer selbst. (Foto: dpa)
Es ist nicht das Feuilleton, das in einer Zeitung die meisten Metaphern hervorbringt. Nein, in keiner Buchbesprechung, in keinem wütenden Verriss einer Theatervorstellung, in keiner noch so schwärmerischen Kritik eines Konzertabends treibt die Sprache so viele und so prächtige Blüten wie im Wirtschaftsteil.
Man lese nur die Kommentare der vergangenen Woche: Da herrscht "Katerstimmung" im "Casino", und es "tobt ein Orkan". Außerdem werden nun "Kuschelecken" aufgelöst. Denn viel zu lange habe man "den Kopf in den Sand" gesteckt. Überall werde nun daher "das große Wundenlecken" betrieben. Schließlich müsse jetzt überlegt werden, wie man den "Wildwuchs" der Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen zurückschneiden können. Bis auf weiteres seien daher die Zentralbanken gefordert, neues Geld aus "ihren tiefen Brunnen zu schöpfen".
Es gibt keinen öffentlichen Ort, an denen der Leser so nachdrücklich das Gefühl gewinnen muss, auf höchst verlässliche Art und Weise so wenig zu erfahren, wie in den bildträchtigen Analysen der ökonomischen Lage.
Der französische Romancier Stendhal soll im frühen neunzehnten Jahrhundert von einem Bankier gefordert haben: "Il faut être sec, clair, sans illusion" - "man muss trocken sein, klar, illusionslos". Die Verhältnisse scheinen sich geändert zu haben. Als Jeffrey Larson, der Gründer von Sowood Capital, nach einem Verlust von fast zwei Milliarden Dollar Ende Juli die Schließung seines Hedgefonds bekanntgab, gratulierte er seinen Investoren zu ihrem Mut und ihrem Stehvermögen: "In dieser Periode der Herausforderungen schätzen wir Ihre Geduld und Ihr Verständnis."
Sein Kollege Matthew Rodman, leitender Angestellter der Investmentbank Lehman Brothers, berief sich nach dem ersten heftigen Kurssturz an der Wall Street auf Rechnungen, die mehr mit Astronomie als mit Mathematik zu tun zu haben scheinen: "Mittwoch war die Sorte Tag, an den sich die Leute noch lange erinnern werden. Ereignisse, die wir mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in zehntausend Jahren kalkuliert haben, traten drei Tage lang jeden Tag ein."
Und als die Vermögensverwaltung Sentinal Management in der vergangenen Woche Gläubigerschutz anmelden musste, geschah dies mit den Worten: "Die Ängste der Investoren haben die Stelle der Vernunft eingenommen. So ist eine Periode entstanden, in der die meisten Sicherheiten keinen Handelswert mehr besitzen." "Il faut être clair, sec, sans illusion" - die Formel gilt für den modernen Bankier offenbar nicht mehr. Viele der Güter, mit denen er handelt, existieren, wenn überhaupt, erst in der Zukunft. Sie scheinen, wenn es darauf ankommt, keine härtere Deckung zu besitzen als die Psychologie von Hysterikern oder die Erfindungen von Poeten.
Das Fatale ist nur: Es scheint nicht nur so zu sein. Es ist so. Mit dem massiven Auftreten von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen hat sich die Marktwirtschaft gründlich verändert. Sie behandelt nun Unternehmen immer weniger als Subjekte des Geschehens - eine Bank, eine Fabrik, eine Handelsgesellschaft ist für sie nicht mehr die Instanz, die Güter schafft und auf unbefristete Zeit Werte vermehren soll. Statt dessen betrachtet sie Firmen mit den Augen eines Spekulanten: als potentiell gewinnträchtige Objekte, die in mehr oder weniger ertragreichen Sparten auseinandergenommen werden können, um - als Ganzes, in Einzelteilen, so oder auch anders kombiniert - mit dem Versprechen auf in Zukunft noch viele reichere Gewinne verkauft zu werden.
Der zeitgemäße Anleger investiert also im strengen Sinne nicht mehr, sondern er jongliert mit "Geschäftsmodellen", unter denen er ganze Produktionseinheiten versteht. Dabei trachtet er danach, die Frist zwischen dem möglichst kostengünstigen Einstieg und dem möglichst ertragreichen "exit" möglichst kurz zu gestalten. Anders gesprochen: Das Fortschreiten der Spekulation - die Spekulation auf die Spekulation - und die Fiktionalisierung des Finanzmarkts sind zwei Seiten ein- und derselben Sache.
Die sonderbaren Blüten, die das Wirtschaftsleben in seiner jüngsten Form in der Sprache sprießen lässt, die Ausflüge in das Poesiealbum, sind angemessener Ausdruck eines zunehmend ins Reich der Erfindungen übersiedelnden Marktes: Zeichen der Hilflosigkeit, die Entfesselung des fiktiven Kapitals als real existierender Wirtschaftsmacht überhaupt noch begrifflich anschaulich zu machen, ebenso wie Zeichen der poetischen Kraft, die diese Entwicklung immer weiter vorantreibt - einer poetischen Kraft, wie sie in ähnlicher Weise in Spielen, Wetten oder Vorhersagen zur Geltung kommt. Nur ist sie hier, weil sie mit der Macht von gewaltigen Geldmengen daherkommt, von ebenso unheimlicher wie kolossaler Realität.
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