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Interview: Martin Zips

Zuschussverlage locken Möchtegern-Autoren mit vollmundigen Versprechen. "Rico Beutlich", der ein Nonsense-Manuskript einsandte, deckte die Praktiken auf. Ein Gespräch mit Ricos Erfindern.

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Die drei mischen den Literaturbetrieb auf: Liehr (links), Janßen, Höfler. (Foto: oH)

Die 60 Mitglieder starke Autorenvereinigung "42er Autoren" sieht sich als "Verein zur Förderung der Literatur". Ihren Sitz hat die Gruppe im brandenburgischen Putlitz, wo sie in diesem Jahr zum sechsten Mal den "Putlitzer Preis" für die beste Kurzgeschichte vergibt (Erster Preis: 150Euro). Bundesweit bekannt wurden die Literaten jetzt durch eine originelle Aktion ihrer Mitglieder Michael Janßen, Michael Höfler und Tom Liehr.

SZ: Herr Liehr, wer ist Rico Beutlich?

Liehr: Rico Beutlich ist ein junger Krankenpfleger aus Dresden. In der Hauspostille des Pflegewohnheims Dresden-Prohlis hat er einmal den Aufsatz "Homöopathie in der Sterbebegleitung" veröffentlicht - ansonsten trat er literarisch nicht weiter in Erscheinung. In seiner Freizeit ist Beutlich Kostümwart beim Indianerclub Radebeul. Nun möchte er Schriftsteller werden. Deshalb schickte er sechs Verlagen in Deutschland und Österreich sein 824 Seiten starkes Manuskript.

SZ: Wie fanden die Verlage Beutlichs Buch?

Liehr: Fünf von sechs Verlagen fanden sein Buch "spannend", "bemerkenswert", "eindringlich", "hochinteressant", "gut bearbeitet", "fundiert" und "packend". Die Reaktionen der Verlage liegen mir schriftlich vor.

SZ: Diese Einschätzungen sind bemerkenswert. Schließlich hat Beutlichs Roman weder Struktur noch Sinn.

Liehr: Stimmt. 814 Seiten des Romans sind aus dem Internet kopierte, sinnlos zusammengestopselte Textbausteine. Nur die ersten zehn Seiten wurden tatsächlich von Beutlich verfasst.

SZ: Sätze wie "Kevin-Lukas wachte auf. Und er kuckte aus dem Fenster und was er da sah war auch nicht gut, alles voll Regen. Große Tropfen, kleine Tropfen und dazu sehr viele mittelgroße Tropfen sind auch da". Herr Liehr, in Wirklichkeit gibt es den Autoren Rico Beutlich doch gar nicht.

Liehr: Richtig. Rico Beutlich ist eine Erfindung unserer Autorenvereinigung. Das eingereichte Buch aber und die Reaktionen der Verlage sind echt.



SZ: Was soll diese Aktion?

Liehr: Es gibt Verlage, die sich "Zuschuss-", "Service-" oder "Dienstleistungsverlage" nennen und Autoren mit dem vollmundigen Versprechen locken, gegen einen Zuschuss im vier- bis fünfstelligen Bereich ihr Werk zu einem Bestseller werden zu lassen. Wir wollten wissen, welche Qualität diesen Unternehmen dabei noch förderungswürdig erscheint. Schließlich tragen einige dieser Verlage die Namen großer Dichter oder Künstler im Firmenschild. Das sollte sie eigentlich verpflichten.

SZ: Was haben diese Verlage dem Autoren Beutlich denn so alles versprochen?

Liehr: Ein Verlag schrieb: "Wir freuen uns darauf, Ihr Buch alsbald auf den internationalen Markt zu bringen". Man versprach eine "US-amerikanische oder britische" ISBN-Nummer sowie den Auftritt des Autors im Deutschen Literaturfernsehen. Ein anderer Verlag antwortete: "Sie haben wirklich tolle Ideen und verstehen es mit ihrer lebendigen Schreibweise, den Leser unmittelbar in das Geschehen eintauchen zu lassen." Gegen Aufpreis sollten Kinowerbespots geschaltet werden, eine Werbeanzeige bei Google auftauchen und eine für Beutlichs Werk werbende Briefmarke gedruckt werden - in einer Auflage von 100 Stück.

SZ: Warum nur 100 Stück?

Liehr: Laut Verlag sollte sich mit der geringen Auflage der besondere Sammlerwert der Briefmarke erhöhen.

SZ: Aha. Nur ein einziger Verlag wollte Beutlichs Roman nicht ins Programm aufnehmen?

Liehr: Ja. Man könnte wahrscheinlich auch sagen: Nur ein einziger Verlag hat das eingereichte Werk überhaupt wenigstens mal kurz durchgeblättert. Rico Beutlich ist aber dennoch zu einem Star geworden. Im Internet läuft sehr erfolgreich ein Video mit seiner Autorenlesung. In Wirklichkeit aber wird Beutlich dort von Michael Janßen aus unserer Autorenvereinigung dargestellt.

SZ: Wofür steht Beutlich?

Liehr: Rico Beutlich steht exemplarisch für viele bedauernswerte, talentfreie Autoren, die sich - menschlich verständlich - über das Lob der Verlage freuen, auch wenn es rein wirtschaftlich motiviert ist. Andererseits vernichten solche Verlage womöglich auch literarische Perlen, die man nur einmal anständig lektorieren müsste. Das wollten wir mit unserer Aktion zeigen.

SZ: Schon jetzt ist Rico Beutlich in zahlreichen Diskussionsforen zum Pseudonym des talentlosen, aber ausgebeuteten Autors geworden.

Liehr: Dieser Erfolg hat uns selber überrascht.

(SZ vom 03.09.2009/korc)

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Leserkommentare (2)



03.09.2009 08:35:14

Jeeves:

"...fanden sein Buch "spannend", "bemerkenswert", "eindringlich", "hochinteressant", "gut bearbeitet", "fundiert" und "packend". "

Das ist nur logisch, ist doch "spannend" momentan DAS modische Adjektiv im niederen aber vor allem im gehobenen Kultur- und Pressejargon.


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