Von Alex Rühle

Nicht das Land. Die Tätigkeit. Ich schwede, du schwedest, alle schweden. Nie gehört? Gibt's auch erst seit Michel Gondrys Film "Abgedreht": Amateure spielen im Netz Blockbuster nach.

"Schweden". Nicht das Land. Die Tätigkeit. Ich schwede, du schwedest, alle schweden. Nie gehört? Gibt's auch erst seit ein paar Wochen. Seit Michel Gondrys Film "Abgedreht": Mike und Jerry, zwei ziemliche Trottel, müssen darin für ein paar Tage eine Videothek betreuen. Aus Versehen löscht einer der beiden alle Videobänder. (Er ist elektrisch geladen, fragen Sie jetzt nicht warum, hier ist ungefähr soviel Platz wie auf einem geschwedeten Film, wir müssen uns aufs Wesentliche konzentrieren!)

Als eine Kundin "Ghostbusters" ausleihen will, drehen sie den Film in ihrer Verzweiflung selber nach. Mit Alufolie, Weihnachtslametta und Perücken; mit einer alten Videokamera; in zwei Stunden. "Ich bin Bill Murray, du bist alle anderen", los geht's. Die Kundin und ihre Neffen finden das krisselig-groteske Remake so charmant, dass sie neue Filme bestellen.

Mike und Jerry fangen notgedrungen an, die Filmgeschichte nachzudrehen, "King Kong", "Robocop", "Carrie" . . . Um die höheren Verleihkosten und die langen Wartezeiten zu erklären, sagen die beiden, die Bänder kämen aus Schweden, weshalb es das Land jetzt eben auch als Verb gibt: Habt ihr "Terminator" geschwedet?



"Abgedreht" ist eine Hommage an das alte Kino ohne Digitaleffekte. An Slapstick, Stummfilm und Kulissen. Das Paradoxe ist nur, dass dieser Film aus einer anachronistischen Parallelwelt, ganz ohne Internet, iPod und Computer, gleichzeitig der Kunst in Zeiten von YouTube huldigt, dem Eklektizismus des Web 2.0. Auf der Internetseite des Films (www.bekindmovie.com) definiert der Schauspieler Jack Black die Technik des Schwedens mit dem Satz: "Putting YOU into the things you like", montier dich in die Sachen, die du magst.

Die Filmgeschichte, ein Haufen Dinge - Filme werden hier respektlos als objets trouvés behandelt, als Sachen, mit denen man machen kann, was man will. Die Netzgemeinde reagiert enthusiastisch; im Internet wird geschwedet wie wild. Mit Sperrholz, Plastikhelmen und Spielzeugpistolen werden Kampfszenen aus "Terminator", interstellare Schlachten aus "Krieg der Sterne" und der klaustrophobe Alptraumhorror von "Shining" nachgespielt.

Für den Genuss beim Zuschauen ist wichtig, ob man die Referenzszenen erkennt. So wie die Farben eines Kirchenfensters und die darauf erzählten stark stilisierten und ikonographisch verkürzten Heiligengeschichten nur strahlen können, wenn das Sonnenlicht durch sie hindurchscheint, so kann man über die geschwedeten Versionen meist nur lachen, wenn man durch die dilettantischen Remakes das Original hindurchschimmern sieht. Weshalb es hilfreich ist, beim Schweden ikonographische Momente der jeweiligen Filme nachzuspielen, die sich jedem Zuschauer eingebrannt haben.



Auffällig ist, dass in den geschwedeten Filmen besonders gerne technisch versierte Tricks und Settings nachgestellt werden: Star-Wars-Raumschiffe aus Umzugskartons, die sofort wieder verheilenden Einschusslöcher im "Terminator" aus angeklebter Alufolie - es ist gerade die groteske Diskrepanz zwischen der digitalen Perfektheit und dem analogen Gestümper, die diesen Filmen ihre charmante Kraft gibt; sie sind Mach-Werke im emphatischsten Sinne.

Zwei Holzstücke, die man sich ans Gesicht hält, müssen im geschwedeten "Shining" als zertrümmerte Tür herhalten; noch besser die beiden Schüler, die "Titanic" in ihrer Schule nachspielen. Einer der beiden trägt eine verfilzte Perücke und muss demzufolge wohl Kate Winslet sein. Die berühmte Liebesszene, bei der Winslet ekstatisch ihre Hand an die Fensterscheibe eines Oldtimers drückt, drehen sie an einer dieser TÜV-geprüften Schultüren mit splittersicherem Gitterglas; hinter dem Jungen mit Perücke läuft teilnahmslos eine Lehrerin mit einem Karton vorbei.



Am Ende der geschwedeten "Titanic"-Version liegt der Schüler mit der verfilzten Perücke auf einem resopalbraunen Schultisch. Der andere klammert sich zitternd an die Tischkante. Unter ihm ist aber nicht das endlos schwarze Wasser des Nordatlantiks, sondern der plane Linoleumboden des Klassenzimmers, auf den er dann in Schlangenbewegungen hinuntergleitet wie in den Schlund unserer Erinnerung.



(SZ vom 17.4.2008/korc)

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Leserkommentare (1)



17.04.2008 18:57:01

Misanthropitecus: Ihr könnt gerne Werbung dafür machen,

es bleibt aber eine miserable Schmierenkomödie. Lief in der Berlinale, und das Publikum lief davon.


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