Von Günter Kowa

Sozialistisches Personal in rubinrot gefluteten Bleinetzen: Nach Gerhard Richter hat sich auch Neo Rauch an Kirchenfenstern versucht. Das Ergebnis im Naumburger Dom ist teils bestürzend schlicht.

Kirchenfenster im Naumburger Dom, gestaltet von Neo RauchBild vergrößern

Eine Montage der drei von Neo Rauch gestalteten Kirchenfenster: (von links) Verabschiedung, Mantelspende und Krankenpflege der Heiligen Elizabeth. Foto: dpa/ Bildarchiv der Vereinigten Domstifter

Mindestens seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts sind für den Naumburger Dom alljährliche Prozessionen der Domherren am 2. Mai, dem Tag der Ankunft von Reliquien der Heiligen Elisabeth, zu der nach ihr benannten Kapelle im Nordwestturm überliefert. Eben diesem stillen, schlichten Raum unter einem Rippengewölbe, getragen von einer Mittelsäule mit reich verziertem Kapitell, dürfte binnen kurzem eine zweite Karriere bevorstehen. Gemessen am Andrang wird sie die lang vergangene vermutlich bei weitem übertreffen.

Unter dem steinernen Blick der Titularheiligen auf einer Konsole neben dem Eingang hat sich das Ambiente seit kurzem nachhaltig gewandelt. Kaum anderthalb Meter in der Höhe messen die vier schmalen, rundbogigen Öffnungen in der Tiefe der Wand, von denen drei das Licht mit dem rubinroten Ton der Glasfenster aufladen, die der Maler Neo Rauch entworfen hat. Mit diesem jüngsten Werk des Genius der Neuen Leipziger Schule wollen die Naumburger Domstifter - ein rein weltliches Wahlgremium - einen Aufsehen erregenden Schluss- und Höhepunkt im ablaufenden Elisabeth-Jahr setzen.

In dieser Absicht liegen sie richtig, denn nicht nur sorgte der Name des weltweit hoch gehandelten Künstlers für enorme Aufmerksamkeit. Darüber hinaus reiht er sich mit diesem jüngsten Werk in die Kette von Künstlern großen Namens ein, die sich aus ihrem angestammten Terrain auf ein sonst eher missachtetes Feld zeitgenössischer Kunst hinausgewagt haben.

Das enorme mediale Interesse an Gerhard Richters Farbmosaik im Südquerhaus des Kölner Doms ist auch nach Monaten noch nicht abgeklungen. Aber auch die 2005 eingeweihten Fenster der Machabäer-Legende von Markus Lüpertz in St. Andreas in Köln ziehen das Publikum weiter in Scharen an. Und für das Großmünster in Zürich sind nach einem Wettbewerb eine Serie von Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen von Sigmar Polke in Arbeit.

In mehrfacher Hinsicht war der Auftrag der Domstifter an Neo Rauch also Anspruch und Wagnis zugleich. Wie sie selbst berichten, ging der Anstoß aus ihren Reihen aus und traf beim Künstler nicht nur auf offene Ohren, sondern auch ein weites Herz: Großzügig bot er den Verzicht auf ein Honorar an. Am Ende konnten sich die Auftraggeber mit etwa 15 000 Euro für Material und Herstellung ihren Wunsch erfüllen, wobei Sponsoren für einen Teil des Geldes aufkamen. Eher weniger dürften sie mit der Rolle gerechnet haben, die Rauchs Galerist Gerd Harry Lybke spielen würde. Er sorgte im Vorfeld für bedeutungsvolle Geheimniskrämerei, die mit der Einweihung zwei Tage vor Weihnachten ein Ende finden soll.

Sozialistisches Personal

Von da an darf man bestaunen, wie der Künstler die Heiligenlegende der Elisabeth in seine gegenständliche Malerei überführt hat. Ist sie doch sonst für ihre unergründlich verrätselte, räumlich komplexe Bildsprache bekannt, wenn nicht für ihre reiche Farbpalette und ihr Bildpersonal mit Anklängen an den sozialistischen Realismus, an amerikanische Comics und in jüngerer Zeit an historistische Malerei.

Zumindest das sozialistische Personal findet man wieder in Rauchs Interpretation von drei Themen aus der Legende. Elisabeths Abschied von ihrem Gemahl, Ludwig IV. vor dessen Aufbruch in den Kreuzzug wird gespielt von einer langhaarigen Frauengestalt in knielangem Rock und Sandalen, die gesenkten Blickes mit der linken Hand ihre Stirn beschattet, während die rechte zart in der linken des Ehemanns liegt, der in Kampfgruppen-Uniform eilig das Weite sucht.

Auf der nächsten Seite kann die Wirklichkeit dem Anspruch nicht gerecht werden.

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