Weiß auch nicht. Wenn jemand mit so eisernem Willen seinen Weg geht wie Sie, passen Kinder nicht ins Leben, oder?

Gott, da haben Sie einen Punkt angesprochen. Also ich habe keine Kinder. Meinen Sie, ich wäre eine Nazimutter?

Bitte? Inwiefern das denn?

Ich glaube, ich wäre ein bisschen eine Nazimutter. Wehe mein Kind wäre kein Genie, in der Art, verstehen Sie?

Wenn Kinder mal da sind, hat man sie lieb, auch wenn sie keine Tenies sind. Sie erscheinen mir leidenschaftlich. Also würden Sie Ihr Kind besonders lieben. Und die Karriere vernachlässigen. Das wäre es dann gewesen mit Amira Casar.

Ich würde mein Kind sehr lieben – und die Erziehung in die Hände des Vaters legen. Anstatt meine Karriere zu vernachlässigen. Kennen Sie die Stücke von Thomas Bernhard?

Ja. Wieso?

Nun, wegen Stolz und Schönheit und so weiter. Wir haben den „Heldenplatz“ gespielt in der Schauspielschule, und ich meine, gut, er war Österreicher, kein Deutscher, aber es ist die deutsche rache, und wenn ich Deutsche treffe oder Österreicher, die mir sagen, ihre Sprache sei nicht schön, so bitte ich sie, Thomas Bernhard zu lesen und dieser Musik zuzuhören, die seine Sprache und seine Komik trägt. Thomas Bernhard ist ein großer Star hier in rankreich.

Was begeistert eine Schauspielerin am Klang der deutschen Sprache?

Natürlich diese tollen Konsonanten! Dieses (auf Deutsch) „zick-zickrucke-zucke“ – und wie das so geht bei euch. Das ist toll. Wenn ein guter Schauspieler diese Sprache spricht, ist es einmalig klar und schön. Denn diese onsonanten geben den Vokalen einen schönen, klaren, einen disziplinierten Rahmen – in dem können sie schwingen. Wenn Sie Heinrich Heine lesen, merken Sie es! Und so schön klingende Wörter. (Auf Deutsch): „Die Liebe.“

Aber wie es heute bei Fassbinder ist, so war es lange auch bei Heine: Im Ausland werden diese Künstler gefeiert, im eigenen Land fast vergessen.

Nun, es ist an uns allen und an Ihnen im Besonderen, dagegen anzuarbeiten.

Sprechen Sie noch mehr deutsch?

Achtung (auf deutsch): „Ich ärinnere mich.“ Und: „Ich bin ein Kind där Ärde.“

Sind Sie ein Kind der Erde?

„Ich stehä auf där Ärde“. Ja. Nein? Korrekt? „Die Ärde ist schön.“ Nicht?

Meint: Sie stehen auf dem Boden? Sie schwirren nicht so herum?

Ich meine es aber nicht nur im Sinne von Bodenhaftung, sondern auch, hm . . .

Metaphysisch?

Metaphysisch! Exakt! Kennen Sie das „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler? Am Ende kommt der „Abschied“. Das ist das Schönste, was je in Musik gegossen wurde. Danach kann man mich vom Boden aufwischen. It’s a fucking killer!

Verstehe, die großen europäischen und metaphysischen Traditionen.

Die Bilder Canalettos, seine Bilder von Dresden, anhand derer man versuchte, die Stadt wieder . . .

. . . und um das Bild rund zu machen: Jeanne Moreau setzte Ihnen neulich die Krone auf, in dem sie Sie als die herausragende Schauspielerin des neuen französischen Kinos lobte.

Ja, stellen Sie sich vor!

Kann danach noch was kommen?

Danach fühlt man sich geehrt und arbeitet weiter. Sie hat es selbst vorgelebt: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und immer nur mit Leuten, die man für richtig hält. Scheiß aufs Geld! Oder?

Ich kriege gleich einen europäischen Kulturflash. Und doch haben Sie Recht: Wir sollten unsere Kultur wahren, auch unsere gottverdammte Melancholie, Sie haben mich überzeugt, ich kämpfe von jetzt an mit Ihnen – Seite an Seite!

Wieso denn „gottverdammte Melancholie“? Was soll das nun schon wieder?

In Deutschland lauert sie hinter jeder Haustür.

Mann, seien Sie doch stolz drauf, überlegen Sie mal, was daraus alles entstanden ist an großer Kunst! Ich habe es in Deutschland auch nie so empfunden. Wenn ich an Deutschland denke, denke ich an liebe Menschen, die einem Tür und Tor öffnen. Ich glaube, die Deutschen sehen sich nur selbst in diesen dunklen Farben. Und auch nicht alle Deutschen. Aber Sie schon. Eine finstere Selbstsicht. Und dann so ein lustiges Feuerzeug. Sie sind ein Komödiant.

Lassen Sie uns nicht nur über Deutschland reden. Sie sind in Großbritannien aufgewachsen. Was vermissen Sie?

Nehmen Sie die Klischees, dann wissen Sie, was ich vermisse: die Höflichkeit, das Schlangestehen, das beginnt, wenn nur zwei Menschen auf denselben Bus warten, und ja, auch den Humor.

Wenn Sie von München nach London fliegen, wollen Sie schon in Heathrow Menschen umarmen.

Ich?

Nein, also, ich zum Beispiel. Diese netten Gesichter, alle sind freundlich, während sie Ihnen astronomische Summen von Geld aus der Tasche ziehen.

Jetzt reden Sie schon wieder schlecht von Deutschland. Vielleicht sind ja auch Sie fröhlicher in Heathrow!

Meinen Sie?

Ja. Und wie man die Leute anschaut, so schauen sie ben zurück. Aber vielleicht haben Sie auch ein bisschen Recht: Ich meine, wenn ich von Paris nach London komme, kriege ich auch einen Humorschock. Ich hätte hier in Paris ohne sehr loyale Menschen kein Bein auf die Erde bekommen – aber das Lachen gehört nicht zu den besonders offensichtlichen Eigenschaften der Franzosen. Lieber denkt man hier über alles noch mal nach. Aber auch das ist Europa. Wir arbeiten beständig an einem großen Manifest mit unserer Kunst, nicht? Denken Sie nur an die Filme und Bücher von Catherine Breillat, die ich sehr verehre . . .

. . . und der immer wieder der Vorwurf der Pornografie . . .

. . . ja, so ein Unsinn! Catherine arbeitet an einem großen Manifest. Es geht um unser Verhältnis zu unseren Körpern, zur exualität. Und um die Freiheit der Kunst vor der Zensur. Ich glaube übrigens, es gibt da einen interessanten Gegensatz in der europäischen Kultur, im Theater, im Film, in der Kunst, und mehr noch in der Musik.

Nämlich?

Glühende Leidenschaft hier – und diese nordische Disziplin andererseits! Nehmen Sie nur Gustav Mahler oder Ingmar Bergman, Thomas Bernhard natürlich. Mich fasziniert das. Und dieses sehr Disziplinierte, ich denke, es ist manchmal dieses Nazihafte an mir . . .

. . . sagen wir lieber: Reaktionäre?

Einerseits bin ich eine große Anhängerin von diesem ganzen Höflichkeits- und Disziplinwahnsinn zum Beispiel in England. Andererseits finde ich alles, was mit totalschwuler europäischer Kultur zu tun hat, umwerfend: die Oper, Cecil Beaton, Quentin Crisp, der große Fassbinder, Oscar Wilde.

So. Ich bin jetzt total durcheinander.

Meinen Sie, ich werde als schwuler Junge wiedergeboren?

Als reaktionärer schwuler Junge.

Nein, reaktionär lassen Sie weg! Aber als disziplinierter schwuler Junge, das wäre fein. Und Sie als Frauenrechtler.

Ich kann nicht mehr.

Okay, rauchen wir noch eine Zigarette.

SZaW v. 17./18.06.2006

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