Von Thomas Schuler

Blamage für die Los Angeles Times: Sie veröffentlichte angebliche FBI-Dokumente, laut denen Hiphop-Musiker Sean "Diddy" Combs Hintermann eines Attentats sei. Die Unterlagen waren gefälscht.

Am 30. November 1994 wurde der Rap-Star Tupac Shakur in der Lobby eines Tonstudios nahe dem New Yorker Time Square geschlagen und angeschossen. Die Täter ließen ihn liegen. Sie glaubten offensichtlich, er sei tot. Als Sanitäter den verletzten Musiker an Paparazzi vorbeitrugen, hob er den Mittelfinger. Der Überfall war der Auftakt eines Bandenkrieges zwischen Hiphop-Anhängern in New York und Los Angeles, dessen Höhepunkt Jahre später die Ermordung von Shakur und Christopher Wallace ("Notorious B.I.G.") war.

Am 17. März berichtete die Los Angeles Times in ihrer Online-Ausgabe, es gebe neue Erkenntnisse, wonach der Musiker, Produzent und Schauspieler Sean "Diddy" Combs einer der Hintermänner des Attentats auf Shakur sei. Die Zeitung zitierte FBI-Dokumente, die dies angeblich nahelegten. Shakur hatte sich in den Neunzigern immer wieder lustig gemacht über Combs und dessen Schützlinge wie Notorious B.I.G., weil er Hiphop-Musik kommerzialisiere. Nach dem Attentat beschuldigte er Combs als Hintermann. Shakur sollte für seine Kritik an Combs bestraft werden, schrieb die LA Times und präsentierte die Enthüllung zwei Tage später zusätzlich auf der Titelseite ihrer Printausgabe.

Der Schreibmaschinen-Fehler

Die Akten des FBI waren das, was US-Reporter ein "smoking gun" nennen - einen rauchenden Colt. Gemeint ist der Beweis, der den Vorwurf belegt. Das kann ein Tonbandprotokoll der Polizei sein oder Ermittlungsakten des FBI wie im Fall Shakur und Combs. Doch die angeblichen Akten des FBI erwiesen sich als Fälschung, wie die LA Times am Donnerstag zugeben musste.

Die Zeitung entschuldigte sich bei den Lesern. Immerhin war der Autor der Geschichte, Chuck Philips, ein namhafter Reporter, der 1998 korrupte Zahlungen in der Musikbranche enthüllt hatte und dafür 1999 den Pulitzerpreis erhielt. "Die Wahrheit hier ist, dass ich reingelegt wurde. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung." Ein ehemaliger FBI-Mitarbeiter, der im Fall Shakur ermittelte, habe ihm gesagt, er schätze die Dokumente als echt ein.

Combs Anwälte drohen der Zeitung eine Schadensersatzklage an, immerhin hätten sie die LA Times darauf aufmerksam gemacht, dass die Beschuldigungen aus der Luft gegriffen seien. Die Ironie des Falls liegt im rauchenden Colt. Vor mehr als zehn Jahren gründeten zwei Reporter eine Website, die solche Dokumente veröffentlicht, und nannten sie: thesmokinggun.com. Nun entlarvte Thesmokinggun.com die FBI-Akten als Fälschung. Das hätte die LA Times angeblich leicht selbst feststellen können: Die Dokumente seien auf einer Schreibmaschine verfasst worden, obwohl das FBI seit 30 Jahren keine Schreibmaschinen mehr verwende.

(SZ vom 29.3.2008/ehr)