FRITZ GÖTTLER

Lautes Säbelrasseln dröhnte 2003 aus dem amerikanischen Kino. Und doch suchte es im schönsten computergenerierten Kriegslärm vor allem das: Idyllen und Utopien.

Das Gemetzel war vorüber, die große Schlacht geschlagen und wohlige Erschöpfung hoffte auf ein kurzes Finale. Statt dessen gab’s ein Ende, das gar nicht mehr enden wollte: lauter Happiness, Abschied dutzendfach, dann Heimkehr und Familie und Kinderkriegen, allüberall Sympathie und Verständnisseligkeit. Und nur darum ging es im "Herrn der Ringe". (Foto: Warner)

Das Ende musste man einfach mit Fassung tragen, und der Protest, der sich gleichwohl regen mochte, war eher müde – wie es auch nicht anders zu erwarten war, nach drei vollepischen Stunden mit der „Rückkehr des Königs“, dem dritten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie. Das Gemetzel war vorüber, die große Schlacht geschlagen um Minas Thirith, Frodo hatte den Ring dem Höllenschlund überantwortet und wohlige Erschöpfung hoffte auf ein kurzes Finale. Statt dessen gab’s ein Ende, das gar nicht mehr enden wollte vor lauter Happiness, gab’s Abschied dutzendfach, dann Heimkehr und Familie und Kinderkriegen, allüberall Sympathie und Verständnisseligkeit.

 
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Man konnte Torschlusspanik kriegen bei dieser intensiven Idylle, retour ins gartenzwergige Hobbitland mit seinen grünen Auen und Blumenkästen und putzigen Häusern. Aber genau dies ist das Ende, das den Filmemacher selbst glücklich macht. Ich bin ein Hobbit, im Grunde meines Herzens, hat Peter Jackson bekundet, und damit erklärt sich vieles, von seiner munteren Barfüßigkeit bis zur Bemühung, in seiner Heimat Neuseeland, in cineastischer Provinz also, ein Gegenzentrum zu Hollywood aufzubauen. Und man versteht, wie nah ihm der Naturbursche King Kong sein muss, von dem er im nächsten Film erzählen wird, ein Heimatloser, den man aus seinem Inselparadies reißt, dem Showbiz opfert.


» Das Land misstraut den Utopien, präsentiert sich lieber selbst als eine Mischung aus Disney-Park und Truman Show. «

2003 war das Jahr der großen Kino-Schlachten, der martialischen Attitüde und visuellen Aufrüstung – die neuen Computertechniken sollten demonstrieren, wozu sie fähig waren. Man hat das schnell mit der Aufrüstung der USA nach dem 11. September in Zusammenhang gebracht, mit der Allianz von Hollywood und Pentagon und mit der Stimmung in einem Land, das sich schließlich konkret auf einen Krieg vorbereitete. Anders als im Irak ging es im Kino, in Gondor und in Zion – im zweiten Schlachtengemälde des Jahres, „Matrix Revolutions“ – um Abwehrkämpfe, um Durchhalte-Verteidigung. Als drittes Stück hätte der neue „Alamo“ perfekt dazu gepasst, ein Beispiel aus der wirklichen amerikanischen Geschichte – der Start wurde allerdings aufs Frühjahr 2004 verschoben.

Wie alle Epen leben auch „Matrix“ und „LOTR“ von der Dialektik von Chaos und Ordnung, von dem, was sie über die Schlachten hinaus suggerieren. Die Momente des Idyllischen und der Utopie, der Harmonie und der community sind ungewöhnlich stark. Mit Irritation, mit Spott hatten Fans und Kritiker bereits Mitte des Jahres auf die Kehrtwende der Wachowski-Brüder reagiert, auf die Hippie-Nacht in Zion, wenn die Krieger in „Matrix Reloaded“, im Stil der 68er-Romantik eine Multikulti-Love-In-Fete abziehen – eine Art von Event, das bereits 1970 selbst einem postmodernen Glanzstück wie Antonionis „Zabriskie Point“ nicht gut getan hatte.


» Der Mensch hat die Arbeit an die Maschinen delegiert, aber er kann mit seiner Freiheit nichts anfangen. «

Die Kommune von Zion jedenfalls, dieses spießige Idyll schien einen Verrat der postmodernen Matrix-Konzeption zu signalisieren. Es ist die Crux der Utopien, dass sie sich der Darstellung eigentlich verweigern. Die Idylle kommt gegen die Erregung der Barrikaden nicht an, sie hat etwas von Stagnation, Lustlosigkeit, Leere.

Und Stagnation, so geht die Folgerung, ist immer schon im Ruch des Reaktionären. Die „Matrix“ und der „Herr der Ringe“ tragen, auch wenn sie in Australien und in Neuseeland gedreht wurden und einen kosmopolitischen Touch nicht verhehlen, die Kennzeichen des Americana, des genuin amerikanischen Filmgenres. Ein drittes Beispiel, das für dieses Genre aus dem Ausland kam, war „Dogville“ von Lars von Trier, der das Genre zugleich aufs schönste bestätigte und aufs boshafteste dekonstruierte. Die Idylle der amerikanischen Provinz ist in diesem Film nur noch im Aufriss skizziert, die community reduziert auf ein mit Kreide auf den Boden gemaltes Spielfeld. Es ist ein Pappmaché-Effekt, den in Amerika alle Idyllen – siehe Bushs Truthahn-Auftritt an Thanksgiving – aufweisen. Das Land misstraut den Utopien, präsentiert sich lieber selbst als eine Mischung aus Disney-Park und Truman Show. Dagegen erinnert die unerträgliche Kleinlichkeit des Seins, die sich in der Hobbit-Idylle oder in Zion manifestiert, leider an die Kleinbürgerlichkeit des Faschismus. Die Welt der Diktaturen ist, weil sie das Normale zu verkörpern sich bemühen, von grausiger Spießigkeit, die Dimensionen sind grotesk verzerrt. „Die Geschichte der neueren (nachklassischen) Politik“, schrieb Peter Sloterdijk in „Im selben Boot“, seinem „Versuch über die Hyperpolitik“, „ist bisher die Geschichte von Format-Fehlern. Man kann aus ihnen zweierlei lernen: zum einen, dass Versuche, die Kommune im Großen herzustellen, in Totalitarismen münden; zum anderen, dass eine Vernachlässigung der kleinen Einheiten die modernen Gesellschaften auf längere Sicht in psychopathologische Sackgassen führen muss.“

Das Kleine mit dem Großen zu verbinden, ewige Werte in den Fluss der Geschichte einzubringen – das Kino tut sich schwer, dafür Orte und Ordnungen zu gestalten, und hat damit die gleichen Probleme wie Architektur und Gesellschaftstheorie sie hatten in ihrer großen Zeit, den Zwanzigern. In seiner epischen LOTR-Architektur hat Tolkien noch einmal den Geist der mittelalterlichen Ritterschaft beschworen, das Leben als unaufhörliche Serie von Abenteuern und Amouren – ohne dass es ein wirkliches Engagement dahinter gäbe. Den anderen Weg geht Tom Cruise in seinem neuen Film „The Last Samurai“ – er spielt einen desillusionierten Amerikaner, der im Bushido, im japanischen Krieger-Codex, das innere Gleichgewicht wiederfindet. Die Vereinigung von Idylle und Krieg, fürs Seelenleben optimal, aber: Überlebenschance minimal. Die Moderne ist bereits da. Die Matrix, schreibt Georg Seeßlen („Die Matrix entschlüsselt“, Bertz-Verlag), erzählt im Grund vom heutigen Kapitalismus. Der Mensch hat die Arbeit an die Maschinen delegiert, aber er kann mit seiner Freiheit nichts anfangen. „Statt sich durch seine Technologie über sein System zu erheben, wie es ihm versprochen ward, wurde der Mensch nur noch mehr von ihm vereinnahmt. Statt ,Zukunft‘ oder Reflexion produzierte das System, das in seinem Kern leer wurde, um sich herum selber vor allem Leere . . .“

Einen Ort der Hoffnung fand man voriges Jahr überraschend auf dem Meer, in „Master & Commander“ von Peter Weir. Er scheint in den „Mythologies“ von Barthes gelesen zu haben: „Sinn für das Schiff ist immer die Freude, sich vollkommen einzuschließen, die größtmögliche Zahl von Objekten zur Verfügung zu haben, über einen absolut begrenzten Raum zu verfügen. Schiffe lieben, heißt zunächst ein superlativisches Haus lieben, eines, das unwiderruflich abgeschlossen ist.“ Mobilis in mobili, das ist die ideale Idylle.

SZ v. 05.01.2004

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