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Davon ging die Welt nicht unter
11 Kultur-Desaster
10.05.2006, 7:50
Verblasster Mythos: Superman galt nicht jedem als wunderbarer Weltretter. Inzwischen konkurriert er mit interessanten Schundheftln voller Nackter, Japanern und Darstellungen des Geschlechtsverkehrs, der gezeichnet sowieso interessanter ist als in natura. ()
In der Grundschule, die damals Volksschule hieß, hatte ich einen Lehrer, der Ohrfeigen austeilte, wenn er im Ranzen „Heftl“ fand. Comics hießen bei uns „Heftl“ und die bangenden Eltern nannten sie sogar „Schundhefte“. Viele Erwachsene, auch solche in höheren Positionen in Politik und Publizistik, waren überzeugt davon, dass Kinder, die Comics lesen, niemals Bücher lesen und schön sprechen können würden.
Viele Kinder, die damals Comics lasen, können heute aber schöner sprechen als die meisten jener Erwachsenen, die damals, gestärkt durch die Sicherheit einer Erziehung im Dritten Reich, Micky Maus für kulturlosen Ami-Schund hielten.
Comics jedenfalls haben, das steht fest, nicht zum Untergang des Abendlandes geführt. Man muss die Heftl nicht für Hochkultur halten, obwohl eine profunde Comic-Kenntnis heute Voraussetzung für eine Festanstellung im Feuilleton der FAZ ist! (Im Politikteil ist das nicht so, was man ihm auch anmerkt.) Trotzdem haben sich Comics zu Recht neben dem Buch, dem Radio, der Zeitung und dem Fernsehen als Massenmedium etabliert.
Anders als vor vierzig Jahren gibt es heute ein breites Spektrum verschiedener Heftl, darunter auch interessante Schundheftl mit Nackten, Japanern und Darstellungen des Geschlechtsverkehrs, der gezeichnet sowieso interessanter ist als in natura. Letztere Schundheftl soll mein Sohn nicht lesen. Die Entwicklung der Gesellschaft, die Wiedervereinigung sowie das FAZ-Feuilleton beweisen aber, dass Heftl als solche gut für den Menschen sind.
Mein Sohn liest Micky Maus, so wie ich es vor vierzig Jahren auch getan
habe.
Eine Schwangerschaft der Öffentlichkeit zu präsentieren, galt in den Fünfzigern als roh und unfein; eine Moral, die sich selbst entlarvte, denn so gaben die Menschen zu, dass sie bei einer schwangeren Frau nicht an unschuldige Babys, sondern gleich an Sex denken mussten.
Jedenfalls: Die Regel galt auch für Prinzessinnen, die mit Thronfolgern schwanger waren. Und so besorgte sich Grace Kelly 1956 die größte Hermès-Tasche, die sie finden konnte, um für das Cover des Life-Magazine ihren Bauch dahinter zu verbergen. So wahrte Life den Anstand und machte seinem eigenen Namen doch keine Ehre.
Die Hermès-Tasche hieß fortan „Kelly-Bag“. Dann kam die Pille, die Frauenbewegung, die Mein-Bauch-gehört-mir-Kampagne. Heute wünscht man sich, man hätte in den vergangenen Jahren weniger dieser Taschen und mehr dieser Bäuche gesehen; nicht immer aus denselben Motiven übrigens. Während man in Deutschland sorgenvoll Kinder und Rentenansprüche gegenrechnet, haben die Frauen der Londoner Gesellschaft längst unter sich ausgemacht, dass die eigene Vervielfältigung eine der letzten Möglichkeiten ist, Status zu demonstrieren.
Fabelhafter, monströser als Woody Allen in „Match Point“ kann man es nicht beschreiben: mit dem Londoner Millionärstöchterlein Chloe, die sich, so meint man, von ihrem Ehemann benutzen lässt. In Wirklichkeit hat sie ihn längst zum Zeugungsinstrument degradiert. Allen verfilmte damit nicht nur die männliche Urangst, sondern auch seinen eigenen, durch den Adoptionswahn seiner Ex-Frau Mia Farrow ausgelösten, Komplex.
Adoptiert wird in Hollywood immer noch öffentlich, zusätzlich geht es jetzt darum, wer während einer Schwangerschaft am besten angezogen ist und wer nach einer Schwangerschaft am schnellsten wieder so schlank ist wie vor dem ersten Sex. Darin besonders erfolgreichen Schwangeren verleiht die Presse das Prädikat „Yummy Mummy“. Und, nein: Über das Life-Magazine spricht heute keiner mehr.
Als der Dichter Nikolaus Lenau im Jahre 1832 nach Amerika auswanderte, schrieb er: „In dem großen Nebellande Amerikas werden der Liebe leise die Adern geöffnet, und sie verblutet sich unbemerkt. Hier lebt der Mensch in einer sonderbaren kalten Heiterkeit, die ans Unheimliche streift.” Kurze Zeit später kehrte Lenau nach Europa zurück, wo er in Stuttgart und Wien lebte und über die „verschweinten Staaten von Amerika“ schimpfte.
Lenau war nicht der erste Europäer, der Amerika verteufelte. Der französische Anthropologe Comte de Buffon befand schon Mitte des 18. Jahrhunderts, dass Fauna und Flora Amerikas von einer „natürlichen Inferiorität“ bestimmt seien, was auch auf die dort lebenden Menschen zuträfe. Solche „Degenerationsthesen“ erfreuten sich bei den europäischen Eliten des 18. und 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Im 20. Jahrhundert profilierten sich dann Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ernst Jünger mit antiamerikanischen Thesen.
Früh schon standen die Grundbegriffe des Antiamerikanismus fest: Der Optimismus der Neuen Welt wurde stets als Antithese zur pessimistischen Gefühlsbetontheit der europäischen Geisteswelt empfunden; das amerikanische Völkergemisch widersprach dem völkischen Reinheitsgedanken des europäischen Nationalismus.
Ein Leitmotiv des Antiamerikanismus war die Angst vor der kosmopolitischen Moderne und dem technischen Fortschritt. Hauptanklagepunkte: Geldkultur, Seelen- und Kulturlosigkeit, Technokratie, Oberflächlichkeit. So wurde Amerika mit dem Anbruch des Industriezeitalters zum Sündenbock für sämtliche Unbill des Kapitalismus. Heute dient der Antiamerikanismus vor allem dazu, die Schuldgefühle zu vertreiben, die Bürger eines EU- oder gar G-8-Staates überkommen, weil sie genauso von der Ausbeutung der globalisierten Welt profitieren wie „die Amis“.
Nikolaus Lenau starb übrigens wenige Jahre nach seiner Heimkehr in der Irrenanstalt Wien-Döbling an geistiger Umnachtung.
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