Der Bürgermeister von Paris sieht für das Auto in der Großstadt keine Zukunft mehr und setzt ganz aufs Velo: Öffentliche Leihfahrräder erobern immer mehr Städte in Europa.
Bild vergrößern
Einer von diesen ökologisch korrekten Metro- und Multimobilen: Reiner Calmund auf einem Spezialrad, das für eine Gesamtbelastung von bis zu 170 Kilogramm ausgelegt ist. Foto: dpa
Die städtische Verkehrsplanung steckt in der Klemme. Auf der einen Seite gibt es zu viele Autos, auf der anderen Seite gibt es gerade in den Pendlerstädten große Vorbehalte gegen die öffentlichen Verkehrsmittel. Das Idealbild von der autogerechten Stadt ist hinter Staub und Lärm verschwunden. Da erklärt nun der Pariser Bürgermeister: "Das Auto hat in der Großstadt keine Zukunft mehr!"
Ein Diktum, das europäische Medien mit Rufen wie "Rad-Revolution!" oder "Öffentliche Fahrräder an die Macht!" begleiten. Denn immer mehr Städte bieten öffentliche Fahrradmietstationen an. Die findet man in Brüssel wie in Helsinki, in Wien, Stuttgart oder Barcelona, und nun eben auch in Paris. Als gäbe es dort kein Metro-Netz mit 300 Stationen, zählt man bereits nach drei Monaten über sechs Millionen Radentleihungen.
Bis Jahresende sollen 20 000 Räder an 1400 Stationen bereitstehen - das wäre, inklusive 300 Reparaturvollzeitstellen, der weltgrößte Verleih. Zügig nachziehen wollen London und Dublin. Kopenhagen lässt wissen, dass spätestens 2015 die Hälfte aller innerstädtischen Fahrten mit dem Fahrrad unternommen werden soll. Und China überholt gleich den gesamten Westen: Für die Olympiade 2008 in Peking hat man 50 000 Leihräder angekündigt.
Weshalb aber der Aufschwung des Fahrrades als öffentliches Verkehrsmittel? Das Auto verkörpert nach wie vor den Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Für viele ist das Auto sogar ein Stück Persönlichkeitsbildung. Allerdings hat die Rede von der Erderwärmung die Green-Glamour-Moden angeheizt und selbst der konsequenteste Individualist kann nicht mehr abstreiten, dass Stau, Staub und Lärm für die moderne Großstadt nicht mehr tragbar sind.
Die öffentlichen Verkehrsbetriebe sind jedoch für viele das Gegenteil von Freiheit und Unabhängigkeit: Ihr Regelwerk mit den starren Fahrplänen und abgesteckten Routen zwingt zur Ein- und Unterordnung. Das ist für viele keine Alternative.
Doch in der Idee des Leihrads treffen sich Umweltkonsens und Individualismus. Es kommt auf der einen Seite dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit entgegen, denn es steht ja rund um die Uhr zur Verfügung, jeder kann selbst Takt und Linie bestimmen und muss sich nach der Fahrt um nichts weiter kümmern. Auf der anderen Seite aber ist das Leihrad zum Allgemeingut geworden. Jeder, der eine Kreditkarte besitzt, darf es benutzen. Das Klacken beim Aufspringen des Schlosses lässt wissen: Ich bin deins, aber ich gehöre dir nicht. So ist das Leihrad, wie Christian Maertins vom soziologischen Wissenschaftszentrum Berlin es ausdrückt, "das individualisierteste öffentliche Fortbewegungsmittel".
In Frankreich aber hat das Fahrrad, wie in den meisten Städten Süd- und Osteuropas, bisher kaum eine Rolle gespielt. Vom Radsport abgesehen, galt es hier als Fortbewegungsmittel für Arme oder Alte. So haben etwa in Lyon 96 Prozent der Nutzer von Leihfahrrädern zuvor nie ein Fahrrad im Stadtzentrum benutzt. Und in der spanischen Gesetzgebung existierte das Fahrrad bis 1999 erst gar nicht. Dass es in Paris nun mit einem Mal omnipräsent ist und die Medien so viel darüber berichten, deutet darauf, dass hier ein Lebensgefühl getroffen worden ist, in dem sich der wohlhabende Städter mit Bio-Attitüde finden kann.
Die Politik nutzt diese Stimmung. Gegen die Autoindustrie will kaum einer angehen, aufs Zweitauto verzichten schon gar nicht, aber schöne Fahrräder bereitstellen und Fahrradwege ausbauen, damit kommt man gut an bei einer Wählerschaft von kostenbewussten, ökologisch korrekten Metro- und Multimobilen (wie sie im Fachjargon heißen).
Zur Finanzierung hat sich vielerorts die Kommunalpolitik mit der finanzstarken Privatwirtschaft zusammengeschlossen. In Paris sorgt die Firma JCDecaux für die Bereitstellung und Instandhaltung der Räder und erhält im Gegenzug das Monopol auf die Anmietung von Werbetafeln der Stadt - Umweltverschmutzung visueller Art. So zeigt sich auch auf ökonomischer Ebene, was der Idee des öffentlichen Fahrrades zugrunde liegt: die Mischung von Öffentlichem und Privatem.
(SZ v. 6.11.2007/korc)





Das Leben der Anderen
Der Louvre des Lachens

