Von Lenz Jacobsen

50 Millionen mal hat Meat Loaf seine beiden ersten "Bat out of Hell"-Alben verkauft. Jetzt erscheint mit "Bat out of Hell III – The Monster is Loose" die so konsequente wie belanglose Vorsetzung der Erfolgsstory. Ein Grund zu feiern.

»«

Die gute Nachricht gleich vorweg: Meat Loaf hat sich nicht verändert. Und die schlechte gleich hinterher: Meat Loaf hat sich nicht verändert. Seit fast dreißig Jahren knödelt der Texaner durch den Grenzbereich zwischen Pathos und Kitsch. Die Fans sagen: Er ist einzigartig. Die Kritiker sagen: Er singt seit 30 Jahren ein und das selbe Lied.

»Sein massiger Körper war allgegenwärtig.«

Doch fangen wir vorne an: Gerade einmal zwei Jahre war der kleine Marvin Lee Aday alt, so geht die Legende, da verpasste sein alkoholkranker Vater dem pummeligen Kind den Spitznamen „Meat“, also Fleisch. Später machten seine Mitschüler im texanischen Dallas daraus „Meat Loaf“, zu deutsch soviel wie Fettsack. Nach einer schönen Kindheit klingt das alles nicht, und doch, als Marvin Lee mit sechzehn Jahren nach Los Angeles trampte um sich dort als Sänger, Schauspieler und Parkplatzwächter zu versuchen, nahm er den wenig charmanten Spitznamen mit.

Elf Jahre später fand sich der Fettsack an den Spitzen der internationalen Charts wieder. Über kleine Rollen in den Musicals Hair und Rocky Horror Show hatte er den Einstieg geschafft, mit Bat out of Hell kam 1977 der Durchbruch sprichwörtlich über Nacht. Die Endsiebziger-Rockergemeinde schien nur auf diesen heillos übertriebenen Bombast-Rock gewartet zu haben. 34 Millionen Mal verkaufte sich das Album weltweit. Verantwortlich dafür war vor allem Jim Steinman. Meat Loafs Kumpel schrieb und komponierte alle Songs auf dem Album. Wagnerian Rock taufte er seine Mischung aus Rock’n Roll, Soul und eben Wagner-Bombast.

Was dann folgte, passt ins klassische Rockstar-Muster „von ganz oben nach ganz unten und zurück“: Sechzehn Jahre lang krebste Meat Loaf mit halbgaren Alben und in unbeachteten Hollywood-B-Movies herum, inklusive Entziehungskur, Nervenzusammenbruch und Beinahe-Bankrott. Auch die Freundschaft zu Steinman ging in die Brüche. In seiner Verzweifelung ließ er sogar den deutschen Frank Farian (Milli Vanilli, Boney M) eines seiner Alben zusammenschrauben. Geholfen hat auch das nichts. „Frank hat einige komische Sachen mit den Songs gemacht“, erinnert sich Meat Loaf heute.

Aufwärt ging es erst wieder, nachdem er sich Ende der achtziger Jahre wieder mit Steinman vertrug. Bis 1993 werkelten die beiden an dem zweiten großen Streich in der Karriere von Meat Loaf: Bat out of Hell II – Back into Hell erschien 1993, und plötzlich führte der Fleischklops wieder die Charts an. „I’d do anything for love (but i won’t do that)” ist definitiv eines dieser genial einfachen Lieder, die einen unfreiwillig wochenlang als Ohrwurm verfolgen können. Plötzlich hatten ihn alle wieder lieb: Meat Loaf tingelte durch Fernsehshows und füllte Konzerthallen, sein massiger Körper war allgegenwärtig.

»Im Land der Schweine ist der Schlachter König.«

Nun also der dritte Streich, die Vervollkommnung „eines der epischsten Abenteuer der Rockgeschichte“, wie die Plattenfirma Wagner-gerecht ankündigt. Bat out of Hell III – The Monster is Loose ist vor allem Eines: Nichts Neues. In altbewährter Manier geben sich einfältige Gitarrenriffs und eingängige Klavier- oder Streicher-Arrangements die Hand. Darüber singt der alte Fettsack mit der gewohnt pathetischen Altrocker-Stimme von Liebe und Kampf. „Dieses Mal geht es nur um mein wirkliches Ich“, hatte er versprochen. Angesichts sensationell hirnrissiger Textzeilen wie „In the land of the pigs, the butcher is king (Im Land der Schweine ist der Schlachter König)“, ist diese Aussage doch zumindest, na ja, verwunderlich.

An ein paar Stellen versuchen Meat Loaf und sein Produzent Desmond Child (Aerosmith, Bon Jovi, Ricky Martin) zaghaft neue Dinge: In „Land of the pigs“ sind Breaks und zu hören die schon sehr an System of a down, die großen Innovatoren der letzten Hardrock-Jahre erinnern. „It’s all coming back to me now“ ist die routinierte Zweitverwertung einer Ballade, die Steinman schon mit Celine Dion aufgenommen hat. Bezeichnend für die Innovationskraft des Albums ist, dass gerade dieses Cover zur ersten Single-Auskopplung erkoren wurde.

Und dann das Artwork: Der mittlerweile 55-jährige Meat Loaf packt auf seine Cover immer noch Motive, die sonst nur in Jugendzimmern oder bei nerdigen Rollenspielern hängen. Halbnackte Frauen und feuerspeiende Drachen, dazu irreal muskulöse und blondbemähnte Kämpfer mit nacktem Oberkörper und Schwert, das ganze in irrealer Weichzeichnung - pubertärer Fantasy-Kitsch in Reinform.

Ob dieses Album nun an den kommerziellen Erfolg der beiden ersten Bat out of Hell-Teile anknüpfen kann, ist mehr als fraglich. Fürs Formatradio, zwischen Verkehrsmeldungen und der neuen Tokio Hotel-Single, dürfte es allemal reichen. Auch auf dem Soundtrack des ein oder anderen Disney-Films würden sich die Songs gut machen.

Etwas Überraschendes aber scheint von diesem Rock-Fossil, dessen Konzerte zunehmend unter der mangelnden Fitness ihres Hauptdarstellers leiden, wohl nicht mehr zu erwarten. Wer bisher kein Fan war, der wird es mit diesem Album auch nicht mehr werden. Die anderen aber, die bleiben sowieso!

(sueddeutsche.de)

Meat Loaf, Bat out of Hell III – The Monster is Loose
(Mercury/Universal)

1. The Monster Is Loose
2. Blind As a Bat
3. It's All Coming Back To Me Now
4. Bad For Good
5. Cry Over Me
6. In The Land of the Pig, The Butcher Is King
7. Monstro
8. Alive
9. If God Could Talk
10. If It Ain't Broke Break It
11. What About Love
12. Seize the Night
13. The Future Ain't What It Used To Be
14. Cry To Heaven