Eine lebende Sprache lebt eben darum, weil sie sich im Gebrauch weiterentwickelt. Und nicht, weil Bürokraten für sie Veränderungen beschließen. Plädoyer wider die zwangsassimilierte Rechtschreibung. Von Robert Menasse

Eine lebende Sprache lebt, weil sie sich im Gebrauch verändert und weiterentwickelt, und nicht, weil Bürokraten für sie Veränderungen beschließen.

Warum also wird in die Entwicklung einer Sprache eingegriffen, statt wie bisher Veränderungen, die sich durchgesetzt haben, einfach unter dem kollektiven Pseudonym „Duden“ festzuschreiben?

Die Antwort zeigt sich nicht im Anspruch, sondern im Wesen der Rechtschreibreform: So unlogisch und inkonsequent sie im Einzelnen erscheint, im Ganzen ist sie von erschreckender Logik und verheerender Konsequenz.

Erstens ist diese Reform rassistisch. Bei der Schreibung deutscher Wörter wird verstärkt auf ihre etymologische Herkunft rekurriert, während Lehn- oder Fremdwörter unumwunden eingedeutscht und den deutschen Schreibregeln unterworfen werden, ohne dass ihre Herkunft eine Rolle spielte.

Während Fremdwörter zwangsassimiliert werden, bekommen „heimische“ Wörter den Ahnenpass ausgestellt.

Zweitens ist diese Rechtschreibreform neoliberal, also auf jene Weise reglementierend, die jederzeit die Verbindlichkeit von Regeln zu Gunsten sehr individueller Bedürfnisse aufhebt.

Es gibt nun richtige, vormals richtige, in der Praxis noch immer richtige, aber auch zeitlich begrenzt richtige, schließlich auszuprobierende Schreibweisen.

Die Reform hat, auch wenn sie es noch so oft behauptet, nichts erleichtert, sondern ein Chaos geschaffen, in dem nun abgewartet werden soll, wer am Ende der Stärkere sein wird, der am Ende siegt.

Es gibt kein Denken ohne Sprache.

Der Anspruch der Vereinfachung der Regeln keucht vor Gier danach, das gesellschaftliche Denken zu versimpeln, während die Simplifizierungen durch eine Reihe von Alternativen verwirrt wird. Das ist eine Sprachpolitik, die unter dem Motto steht: „Survival of the fittest“ (Das ist das einzige Deutsch, das die Reformer verstehen!)

Drittens ist diese Reform auf geradezu groteske Weise rückwärtsgewandt. Während sie die sprachliche Entwicklung, die sich etwa durch E-Mail oder SMS durchsetzt, in ihrem Regelwerk nicht berücksichtigt, restauriert sie alte, längst überholte Regeln: Die angeblich neue Doppel-s-Regelung hatten wir genau so schon einmal unter dem Namen „Heysesche s-Regel“ vor hundert Jahren. Sie ist untergegangen und vergessen worden. Warum wird diese Leiche wieder ausgegraben?

Ich will in meiner Sprache leben – aber ohne das Korsett von Rassismus, Neoliberalismus und groteske Rückwärtsgewandtheit. Ich spreche und schreibe Deutsch. Das große, weite und tiefe Deutsch, das die Reformer nicht verstehen. Und nicht ertragen.

Robert Menasse ist Schriftsteller und lebt in Wien.

SZ v. 11.08.2004

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