Sie plappern, stöhnen und verdrehen die Augen: Der Stadtneurotiker bleibt vorerst in London, und auch Scarlett Johansson steht ihm wieder zur Seite in Woody Allens Film "Scoop".
Beerdigungen zählen zum Schönsten, was das Kino anzubieten hat. Immer wird dort nach dem Tod eines Menschen Interessanteres über ihn gesagt als zu seinen Lebzeiten, und hübsche Blumenarrangements gibt es auch. Mit einer Beerdigung fängt auch Woody Allen seinen neuen Film "Scoop" an, und man spürt sogleich, wie die Informationen auf mehreren Ebenen sich zu entwickeln beginnen und einander zu widersprechen - und dass auch das Jenseits intensiv in diese Geschichte involviert ist: Wir sind in der Kirche, der Pfarrer spricht in wohlgesetzten Worten vom Toten, die Gäste tuscheln ironische Kommentare.
Amerikanisch ahnungslos: Scarlett Johansson lässt sich von Hugh Jackman anhimmeln. Foto: Concorde
Der Tote, so erfährt man, war ein Reporter, und damit wird klar, dass er ein so guter Mensch nicht gewesen sein kann. Man weiß, was man von einem Reporter zu erwarten hat, in Dutzenden Hollywoodfilmen hat man sie bei der Arbeit erlebt, in Amerika vor allem, in der Stadt New York, wo Woody Allen bis vor kurzem alle seine Filme drehte.
Nun hat er zum zweiten Mal die Stadt London zum Schauplatz gewählt, aber die Figuren und ihre Aura sind geblieben. Keine nüchterne Berichterstattung also verspricht auch dieser tote Reporter, sondern Sensationen, Kontakte mit seltsamen Figuren, Obsession und Investigation, Heimlichkeit und Enthüllung, kurz, das ganze glitzernde Klischee vom Suchen und Finden eines Knüllers.
Es ist kaum verwunderlich, dass tote Reporter auch im Jenseits nicht loslassen können, wenn ihr Beruf sie so prächtig unterhält. In diesem Fall beginnt der Tote bereits bei der Überquerung des Styx wieder zu arbeiten. Er verwandelt den Kahn des Todes in eine Art Cocktailparty der betrübten Dahingeschiedenen, plaudert munter mit den Passagieren, genießt den Nebel, beäugt den hässlichen Fährmann, und bringt sich nach kurzer Zeit in den Besitz höchst interessanter Informationen, die ihm die Identität eines langgesuchten Londoner Serienmörders verraten.
Der sogenannte Tarotkarten-Killer, so erfahren wir, soll angeblich ein britischer Adliger sein, von seiner Sekretärin überführt, die als Beweis für ihre Behauptung eben auch gerade mit Charon zur Unterwelt schippert. Ein echter Scoop, ein Knüller, aber keine Chance mehr auf Veröffentlichung - das ist ein Filmanfang, der noch vor Beginn der eigentlichen Handlung klarmacht, dass hier mit unbeschwerter Lässigkeit über all die grässlichen Inhalte eines Kriminalfalls hinweggeflattert wird. Komödiantische Aufräumarbeiten in einem Genre, das von Hollywood melancholisch oder bombastisch ausgebeutet wird, in England zum Glück eine Tradition leidenschaftlicher Albernheit hat.
Woody Allen fühlt sich wie schon in seinem Film "Matchpoint" wohl in der Heimat des gepflegten Verbrechens, orientiert sich an Agatha Christie statt am energischen Polizeieinsatz, mischt Schlagzeilensensation mit den märchenhaften Zügen eines Murder Mystery. Ort des Geschehens ist eine wohltemperierte Oberschicht, an deren Klischees man sich vergnügt entlanghangelt - Herrenclubs ohne Aussicht, Gentlemen ohne Neurosen.
Woody selbst ist diesmal auch mit im Spiel, als schäbiger Zauberkünstler Splendini, ein Amerikaner natürlich, der in schlecht beleuchteten Schulturnhallen Karten- und Zylindertricks zum Besten gibt, über deren Schludrigkeit sich sein Publikum nicht amüsiert. Deshalb bekommt er auch Scarlett Johansson an die Seite gestellt, die von einer Journalistenkarriere träumt, momentan aber bloß für ihre Collegezeitung schreibt. Sie ist in London zu Besuch und dort genauso fremd wie der Zauberkünstler, macht aber ihre amerikanische Ahnungslosigkeit durch Unverfrorenheit wett.
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In diesem Artikel:
Das Leben der Anderen
Prado des Prustens

Der Louvre des Lachens