Ein Gibbon schlägt zwei Tiger in die Flucht, ein Schimpanse lernt Karate und seine Kollegen übernehmen die Herrschaft im Großraumbüro - erstaunliche Affen in der Clip-Kritik.
Schimpansen durchleben Tag für Tag das Drama des begabten Säugetieres: Aufgrund ihres Talents zur Ausführung von Handlungen, die in den Augen der Menschen "intelligenten" und "menschlichen" Verhaltensweisen ähneln, dürfen sie nicht einfach Affen sein, sondern müssen das Menschen-Abbild geben. Weil sie mit dem Beherrscher der Welt so eng verwandt sind, bekommen Schimpansen diese Erwartungshaltung intensiver zu spüren als andere Tiere.
Chimps halten deshalb für allerlei her: wissenschaftliche Intelligenzwettbewerbe, Kunststückchen im Zirkus, Rollen in Hollywood oder noch schlimmer in "Unser Charly", wo sie lustige Latzhosen tragen müssen, damit der ZDF-Zuschauer die Geschlechtsteile nicht sieht, durch die er sich ja an seine eigenen Geschlechtsteile erinnert fühlen könnte.
Im Netz stehen Affen- und Schimpansen- im Schatten von Katzen- und Hundevideos. Zum einen sind diese aufgrund des immensen Darstellerpools einfacher herzustellen, zum anderen sind Affenvideos nicht immer possierlich und zuckersüß. In einem gewissen Lebensalter wird der Schimpanse nämlich aggressiv und ist dann nicht mehr so belehrbar, wie uns die prominenten Medienjungschimpansen vermitteln. Er entwickelt in reifen Jahren einen misanthropischen Zug, was nur allzu menschlich und grundsympathisch ist.
Trotzdem finden sich auf YouTube zahlreiche vermenschlichende Spielereien wie rauchende und auf Inlineskates fahrende Schimpansen. Auch Abseitiges gibt es zu sehen, wie einen mit einem Frosch masturbierenden Affen, von einem Menschen gefilmt und hochgeladen, der sein Staunen teilen will. Im Clip "karate_chimp" meint man durchaus, eine gewisse Freude im Verhalten des Tiers zu erkennen: Der Schimpanse lebt sein Kampfsport-Hobby begeistert aus und zeigt, dass er mit seiner Sprungkraft, Geschmeidigkeit und Koordination dem Menschen technisch überlegen ist.
Aber sein Trainer muss ihm Kommandos geben, weil er den Sinn der Übungen nicht versteht: Gewalt ist für den Schimpansen etwas anderes, Rohes, die Kultivierung einer Kampftechnik konnte nur das menschliche Gehirn ersinnen. So belegt der Clip zugleich Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zwischen den Primaten.
Dass Affen sich Herausforderungen selbst suchen, wenn sie nicht in Gefangenschaft von Menschen bespaßt werden, zeigt der Clip "Monkey taunts tigers", in dem ein Gibbon zwei junge Tiger so lange ärgert, bis sie entnervt abziehen. Zwar ist der Clip mit fürchterlichem Mickey-Mousing-Sound unterlegt - die Tonspur illustriert die Bewegungen -, und man sollte den Ton lieber abschalten, dennoch überzeugt er, weil selten so gute Bilder den Wunsch illustrierten, von höherer Warte einen Stärkeren zu ärgern.
Die Tiger sind zwar körperlich überlegen, aber der Gibbon ist klüger und weiß das auch. Deshalb riskiert er es, sich hinunterzuschwingen und die beiden in Schwanz und Ohren zu kneifen. Einmal hängt er ausgestreckt am Ast, als wollte er die Situation klar machen: "So ist das, Jungs: Ich hier oben, ihr da unten."
Im Video "Want a new Job" wird der besondere Witz der Schimpansen nicht in ihrer natürlichen Umgebung, sondern im formalisiertesten Rahmen des menschlichen Alltags inszeniert: Sie spielen Angestellte, die im Konferenzraum neben einem Großraumbüro feiern. Schließlich sind alle Zutaten für eine gute Party vorhanden: Champagner, Bananen und eine Bilanzkurve, die steil nach oben zeigt. An der Wand hängen Fotos von Affen im Wertschöpfungseinsatz, mit gelbem Sturzhelm und schwerem Werkzeug. Einer hat, wie das feiernde Angestellte - zumindest im Film - gerne tun, die Krawatte zum Stirnband befördert.
Doch ein junger menschlicher Kollege fühlt sich vom Lärm belästigt, geht zu den behaarteren Mitarbeitern und klärt sie auf, dass die Bilanztafel um 90 Grad gedreht werden müsse und die Geschäfte gerade in den Keller gingen: "We’re down." Bad news, denn da will die mit der Dollarnote angezündete Zigarre nicht mehr schmecken. Also drehen die Schimpansen die Bilanz wieder um und feiern weiter, nicht ohne den Menschen für sich tanzen zu lassen, dessen Ungelenkigkeit für noch mehr Heiterkeit sorgt.
Eigentlich sollen die Affen in diesem Werbeclip das störende Element verkörpern, das den Angestellten zu einem Jobwechsel mittels der Arbeitsvermittlung Careerbuilder treibt. Doch mit ihrer dionysischen Grundhaltung verbildlichen die Affen vielmehr, was das Menschsein ausmacht: Selbst zu entscheiden, wann man feiert, und die gute Laune nicht unter die Knute eines Großkonzerns zu stellen, dessen Bilanzen ohnehin zu gewissem Grad willkürlich-virtuell und von der Angestelltenschar nicht zu beeinflussen sind.
Der Young Professional, der ob seiner ausflippenden Affenkollegen die Augen rollt, erscheint verglichen mit ihrer Lebensfreude wie ein Angestelltensoldat, der die lähmende Langeweile seiner Existenz selbst erzeugt. Er muss ja nicht gleich wie ein Schimpanse öffentlich mit einem Frosch onanieren, aber laut kreischen und bei Bilanzen öfter mal den Kopf schief legen, sorgt schon mal für größere Weltaffenheit.
(sueddeutsche.de/rus)
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