Von Ijoma Mangold

Günter Grass häutet seine Zwiebel nun tatsächlich in Buchform: Zwischen Fakten und Fiktion gibt es keine klare Grenze. Dafür aber reichlich Metaphern.

Günter Grass 1965 in Bayreuth

Günter Grass 1965 in Bayreuth. (Foto: dpa)

Es ist schon paradox: Warum eigentlich macht die Öffentlichkeit ausgerechnet Schriftsteller so gern zu moralischen Autoritäten, wo es doch ersichtlich nicht das literarische Werk ist, für das sie sich interessiert. Spätestens wenn diese Autorität wackelt, merkt man es. Denn das Denkmal kommt nicht ins Wanken, weil plötzlich Zweifel am ästhetischen Wert der Bücher aufkämen, sondern weil die Person des Schriftstellers, seine Handlungen und Meinungen, Risse aufweisen.

Für den maximalen Wirbel, den Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft ausgelöst hat, hätte der Nobelpreisträger kein 479 Seiten dickes Buch schreiben müssen. Ein publizistisches Statement allein hat auch genügt. Für den Dichter Günter Grass mag das niederschmetternd sein. Ein wenig hat Grass sich das selbst zuzuschreiben. Es dürfte ihn jetzt bedrücken, dass die spezifisch literarische Form, die er seinem späten Eingeständnis gegeben hat, in der Diskussion seiner Person nicht zur Geltung kommt. Dabei hängt für ihn das eine, der Inhalt seines Eingeständnisses, mit dem anderen, seiner literarischen Gestalt, zusammen. Während die Öffentlichkeit angesichts seiner biografischen Schweige-Dramaturgie verständnislos den Kopf schüttelt, scheint er irritiert zu rufen: „Aber ich bin doch Schriftsteller, lest mein Buch und wie ich dort ringe, dann versteht ihr mich besser!“

Die Knolle unter der Nase

Lesen wir sein Buch (Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel. Steidl Verlag, Göttingen 2006. 479 Seiten, 24 Euro). Es erzählt die Lebensgeschichte des späteren Nobelpreisträgers zwischen 1939 und 1959. Es beginnt mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Grass war damals zwölf Jahre alt. Der Kampf um die polnische Post in Danzig, literarisch überformt in der „Blechtrommel“, vermutlich das Herzstück der Grass’schen Erzählwelt, bildet die Zäsur. Und das Buch endet mit dem Erscheinen eben dieses Romans, der seinen Verfasser in Deutschland und der Welt berühmt machen sollte.

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