DETLEF SCHOLZ

Ein Linux-Betriebssystem aus Südafrika sorgt für Wirbel in allen Lagern - und hat einen selten erlebten Erfolg bei den Anwendern.

„Linux for human beings“ lautet das Motto. Und das ist der "Circle of Friends" von der Packung. (Foto: ubuntu)

Ein Betriebssystem aus Afrika – das klingt in westeuropäischen Ohren wie Ananas aus Alaska. Denn auf unseren inneren Landkarten taucht Afrika vorwiegend als Sorgenkind auf, weniger als selbstbewusster Produzent weltweit konkurrenzfähiger Güter. Das könnte sich bald ändern – und es beginnt in einem Bereich, den man wohl am wenigstens auf der Rechnung hatte.

Es geht um High-Tech. Es geht um Linux, genauer, um die neueste Variante dieses Betriebssystems für Personal-Computer. Sie heißt Ubuntu und hat Erfolg wie kaum ein Linux zuvor. Das Wort Ubuntu stammt aus dem Zulu-Dialekt und bedeutet „Mitmenschlichkeit“. „Linux for human beings“ lautet das Motto. Ganz so, als ob Anwender und Entwickler der Konkurrenzprodukte Wesen aus dem Pleistozän wären. Offen demonstriertes Selbstbewusstsein ist also Teil dieses Software-Paketes.

Doch das hat inzwischen durchaus seine Berechtigung: Kein anderes Linux hat sich in der rund 15-jährigen Geschichte dieses freien Betriebssystems so schnell verbreitet wie Ubuntu. Kaum sechs Monate nach dem Erscheinen der ersten Version mit Namen „Warty Warthog“ (warziges Warzenschwein) im Oktober 2004 ist es bereits die Nummer 1 auf den Linux-PCs der privaten Anwender. „Hoary Hedgehog“ (altersgrauer Igel) nennt sich die aktuelle Fassung. Im Oktober soll „Grumpy Groundhog“, das „mürrische Murmeltier“, folgen. Für April 2006 ist bereits „Perky Penguin“ (dreister Pinguin, eine Anspielung auf das Linux-Maskottchen) angekündigt. Schon die Namensgebung zeigt, dass man sich mit Ubuntu so erdverbunden und naturnah geben will, wie man sich mit Bits und Bytes nur geben kann.

Die Firma hinter Ubuntu ist in Südafrika ansässig und heißt Canonical Ltd. Sie wurde von Mark Shuttleworth gegründet, jenem südafrikanischen Multimillionär, der nicht nur in der Computer-Szene bekannt ist. Vor einigen Jahren flog er als erster Tourist in den Weltraum. Shuttleworth will mit Ubuntu eine Basis für die afrikanische Softwareindustrie schaffen. Dabei steht vor allem die Unabhängigkeit von Big Playern wie Microsoft im Vordergrund. Afrikanische Produkte sollen künftig den heimischen Markt bedienen und darüber hinaus auch im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig werden. Canonical hat eigenen Angaben zufolge mit Shuttleworths Millionen genug finanzielle Reserven, um Ubuntu zu Spottpreisen zwischen drei und zehn Euro zu verbreiten. Geld wollen die Afrikaner mit einer Version für Industrie-Unternehmen und Banken verdienen.

Als Open-Source-Software ist Ubuntu nicht allein von einer einzelnen Firma entwickelt worden. Auch dieses Linux ist das Produkt der weltweiten Programmier-Gemeinde. Sein Erfolg beruht auf der klugen Auswahl und gekonnten Kombination von Softwarpaketen, die in unüberschaubarer Fülle vorliegen.

Ganz reibungslos läuft es allerdings nicht. Das liegt teilweise am offenbar eilig zurecht geflickten Anwenderhandbuch. So gelingt zwar nach der problemlosen Installation des Systems die Verbindung zum Internet erstaunlich rasch. Dann jedoch fragt sich der Anwender, wie er diese Verbindung zum Web wieder kappen kann. Da sich das Handbuch darüber ausschweigt, muss er den Verbindungsstecker ziehen oder den Rechner herunterfahren.

Hilfe leistet das bereits verfügbare Buch „Ubuntu Linux“ des Linux-Papstes Michael Kofler. Er sieht im „menschlichen Faktor“ Ubuntus einen wesentlichen Grund für den raschen Durchmarsch dieser neuen Version. Sie realisiere das Prinzip „small is beautiful“: Für jede Aufgabe gebe es genau eine Programmvariante. Das verwirre auch niemanden. Dennoch stuft Kofler das Produkt noch nicht als wirklich ernsthafte Konkurrenz auf dem Markt ein. Dafür sei die Zahl der Linux-Anwender mit etwa zwei bis drei Prozent aller PC-Nutzer zu gering. Diesen Anteil werde, so Kofler, auch das sympathische Ubuntu kaum erhöhen können.

Dennoch wird Ubuntu inzwischen ernst genommen. So haben die Veranstalter der Linux-Tage im Juni in Karlsruhe einen Kongressschwerpunkt dafür vorgesehen. Vor allem die Frage nach den Softwarepatenten wird dort wieder eine Rolle spielen. Kritiker befürchten, dass es bei der Einführung solcher Patente zu einem Stillstand bei der Entwicklung von Software kommen könnte – nicht nur bei Linux. Nutznießer wären hingegen die „Big Player“, also diejenigen, die sich Patentgebühren leisten können. Software aus Entwicklungsländern hätte es dann noch schwerer, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Das Verfahren schwebt. Sollte die aktuelle Richtlinie Gesetz werden, bliebe Software aus Afrika wohl auch in Zukunft so exotisch wie Ananas aus Alaska.

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