Von Dirk von Gehlen

Die Queen of Cool und die langen Blondinen: Junge Frauen mischen das englische Musikgeschäft auf - und wir haben die besten Fotos von ihnen.



Eben vermeldete der Dachverband der britischen Plattenindustrie stolz: "Musiker aus dem vereinigten Königreich dominieren die europäischen Charts." 19 der 36 Künstler, denen es 2006 gelang, mehr als eine Million CDs in Europa zu verkaufen, kommen aus Großbritannien. Doch eine andere Entwicklung ist noch erstaunlicher: Englands Musikerinnen sind derzeit beliebt wie selten zuvor.

Allen voran die 21-jährige Ska-Hiphopperin Lily Allen, die der Independent zur "Queen of Cool" adelte. Allen führt eine neue Bewegung im britischen Pop an - junge Frauen mit großer Klappe. Dazu gehören neben der 20-jährigen Grime-MC Lady Sovereign auch die Pipettes, die Long Blondes und Tahita Bulmer von der Electropop-Band New Young Pony Club.

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Britpop wird weiblich Große Klappen auf hohen Hacken Rahmen
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Gemeinsam sorgen sie laut Times dafür, dass "Pop sich wieder jung anfühlt". Das kanadische Dose-Magazin schrieb bereits von einer "britischen Invasion" und verglich die Musikerinnen mit den Beatles, den Stones und den Kinks, die in den sechziger Jahren von England aus die Welt eroberten.

Noch vor einem Jahr war Lily Allen eine Webloggerin wie viele. Sie schrieb sehr offenherzig ins Internet, was ihr gefiel und was ihr auf die Nerven ging. Doch mit Hilfe der Social-Network-Seite MySpace gelang es ihr, eine Fangemeinde um sich zu sammeln. Sie war also schon ein bisschen berühmt, als "Queen der MySpace-Generation" (Sun), bevor sie im Sommer einen Plattenvertrag beim Majorlabel Emi unterschrieb. Jetzt ist die Tochter des britischen Komikers Keith Allen ein Star. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Boulevardblätter nicht über sie berichten.

Lieb’ mich oder hass mich

Die Sun meinte unlängst, eine Veränderung in Lilys Kleidungsstil bemerkt zu haben. Statt Turnschuhen trage sie immer häufiger hochhackige Schuhe, notierten die Beobachter und führten dies darauf zurück, dass Lily neulich bei Karl Lagerfeld in Paris gewesen sei. Angeblich hat der Modemacher die Londonerin bei der Kür des "Chanel-Gesichts 2007" in die engere Wahl genommen.

Lady Sovereigns Lagerfeld trägt keinen Zopf: Jay-Z, Chef des Labels Def Jam, entdeckte die damals 19-Jährige und nahm sie als erste Musikerin, die nicht aus den USA stammt, unter Vertrag. Im Oktober erschien ihr Album "Public Warning" in den USA. Die Single "Love me or hate me", in der sich Lady Sovereign als "biggest midget in the game" (größter Zwerg im Geschäft) vorstellt, wurde von Hip-Hop-Ikone Missy Elliott geremixt und läuft als Soundtrack einer populären Handywerbung in Amerika.

In der MTV-Sendung "TRL: Total Request Live", einer Art Wunschkonzert, wurde der Song auf Platz eins gewählt. Das gelang vor ihr noch keinem britischen Musiker. Lady Sovereign thematisiert darin ihre besondere Lage als UK-Export in den Staaten. "Ich bin englisch, versucht mich loszuwerden", rappt sie frech. In einem Interview erklärte sie: "Es ist, als würde Amerika an einem Arm ziehen und England an dem anderen. Ich hänge dazwischen. Aber ich will nun mal mein Zeug bekannt machen." Und damit auch andere Urban Music Acts aus England, so hofft sie.

Kürzlich veröffentlichte der New Musical Express (NME) seine jährliche "Cool List". Diesmal sind erstaunlich viele Frauen vertreten. An erster Stelle der Hip-Hitparade steht die amerikanische Punkrockerin Beth Ditto von The Gossip. Noch überraschender ist aber, dass Lily Allen aus dem Stand auf Platz drei gewählt wurde - weit vor Mike Skinner (Platz 39) und Pete Doherty (Platz 28), aber auch vor Thom Yorke (Platz 9) und Jarvis Cocker (Platz 4).

"Die Auswahl dokumentiert, dass immer mehr Frauen in das von Männer dominierte Musikbusiness drängen", erklärt Connor McNicholas, Chefredakteur des NME, auch mit Blick auf die anderen Damen in der Liste: Kate Jackson von den Long Blondes auf Platz 7 und Tahita Bulmer von New Young Pony Club auf Platz 15. "Sie beweisen, dass man die Massen rocken kann, selbst wenn man Stilettos trägt."

Rocken in Stilettos

"Was ist denn das für eine verdammt gönnerhafte Formulierung", schimpfte Lily Allen auf McNicholas und sein Magazin. "Ist das alles, was wir sind, Stilettos tragende Menschen?" Angeblich hatte McNicholas sie mit dem Versprechen zum Fototermin gelockt, das Bild von fünf jungen Frauen aufs Cover der Cool-List-Ausgabe zu nehmen, als Beweis für die "neue Energie" (McNicholas), mit der sie die Musikbranche aufladen. "Und dann gehe ich zum Kiosk und will mir eine Ausgabe besorgen. Und was kriegen wir? Ein weiteres verdammtes Muse-Cover."

Nicht, dass Allen sich mit Muse anlegen will. Die mag sie offenbar. Jedenfalls mehr als die Macher des NME. "Ich hab’ mir schon immer gedacht, dass ihr arrogante Deppen seid, aber das wäre eure Möglichkeit gewesen zu zeigen, dass ihr es ernst meint. Das macht mich krank!"

Mit der uncharmanten Formulierung "Wichser" schließt Lily ihre Tirade, die viele englischen Zeitungen druckten. Lily Allen hatte dabei mit gar keiner der Publikationen gesprochen, sie hatte ihre Meinung einfach ins Netz gestellt, in ihr Weblog, so wie Millionen anderer junger Menschen auch. Doch wenn Lily Allen bloggt, liest ganz England mit. Dagegen kann selbst der NME nichts tun.

(SZ v. 14.12.2006)

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