"Das Vertrauen in Online-Inhalte wird immer stärker"
Inteview mit Nick Montfort
29.08.2005, 13:21
Nick Montfort gehört zu den bekanntesten Bloggern - auch in Deutschland. (Foto: Montford)
sueddeutsche.de:: Nick, Ihr Weblog GRANDTEXTAUTO.ORG gehört zu den beliebtesten Seiten in Deutschland. Deutsche Medien wie die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und DER SPIEGEL zitieren daraus. Überrascht?
Montfort: Es freut mich, dass auch deutschen Lesern GRANDTEXTAUTO gefällt. Wir haben vor zwei Jahren damit begonnen, um einen Platz zu haben, unsere Ideen, Projekte und Erfahrungen zu veröffentlichen. Und natürlich, um eine breite Leserschaft zu erreichen. Und um auch interessante Antworten zu erhalten
sueddeutsche.de:: Von wem kommen diese Antworten?
Montfort: Von den verschiedensten Menschen Wir liefern die Themen, über die unsere Leser dann rege diskutieren. Am meisten stolz bin ich auf die großartigen Einträge von Lesern und Menschen, die sich aktiv beteiligten: der Novelist Richard Powers, der Creative Director von STAR WARS GALAXIES Raph Koster, der Videospiel-Wissenschaftler Espen Aarseth.
sueddeutsche.de:: Weblogs haben mittlerweile auch Einfluss in die Politik, wenn man die vergangenen Monate betrachtet: Der Enthüllungen um den Moderator Dan Rather in Amerika, die Enthüllungen um den Klingelton-Hersteller Jamba in Deutschland. Welche Macht haben Weblogs mittlerweile?
Montfort: Wahrscheinlich haben sie ein wenig politischen Einfluss, aber das haben Prominente und Kirchen auch. Ich denke die wahre Macht von Weblogs liegt nicht darin, dass sie die Menschen in eine bestimmte Richtung lenken, sondern dass sie dazu animieren, schärfer nachzudenken, um ihre Welt und sich untereinander ein bisschen besser zu verstehen.
sueddeutsche.de:: Weblogs gelten in Deutschland schon als „Journalismus unplugged“...
Montfort: Journalisten schreiben auch Bücher und äußern sich im Fernsehen und im Radio. Also ist nichts schlimmes dabei, wenn sich Journalisten auf dieser Art Website äußern. Zeilenbegrenzung ist ja nicht die einzige Limitierung für Journalisten, sondern vor allem auch Zeit. Es braucht seine Zeit zu schreiben, redigieren, Fakten bestätigen, Korrektur lesen. Dazu noch Fotos auswählen, zuschneiden, die Rechte sichern. Diese Dinge beschränken auch die Arbeit an einem Weblog. Das andere ist natürlich die Aufmerksamkeit der Leser.
» Wir machen langsam Fortschritte « Nick Montford |
sueddeutsche.de:: Ein Weblog lebt also von den Lesern?
Montfort: Natürlich ist es wichtig, dass unsere „Blogger“ interessante Themen aufspüren und auch recherchieren. Andrew Stern und ich zum Beispiel schreiben über neue Medien, kreieren sie aber auch.
sueddeutsche.de:: Könnte ein Weblog eine neue Form des Journalismus sein. Einer Zeitung wie der Süddeutschen Zeitung bei der Berichterstattung helfen? Sie sogar ersetzen?
Montfort: Eine interessante Frage, die zum Beispiel von der New York Times für sich noch nicht beantwortet hat – ich übrigens auch nicht. Es hängt davon ab, warum Menschen die Times lesen, darin inserieren, sie abonnieren. Ich bin in der glücklichen Lage einen Weblog zu benutzen, der eine Plattform für Menschen sein soll, die sich mir kreativer Arbeit am Computer beschäftigt.
Das Problem mit Weblogs ist, dass die Leser ihren Sinn für „Vertrauen“ noch nicht geschärft haben. Bei einer Zeitung weiß ich: das sind Kommentare, hier sind die Nachrichten, das ist Werbung. Ich weiß, jemand gibt die Zeitung heraus, Spornsoren bezahlen die Werbung. Im Internet bin ich mir noch nicht sicher. Dieses Vetrauen in Online-Inhalte wird wachsen, wenn auch schmerzhaft. Schon heute wissen Menschen, dass sie der Homepage ihrer Bank trauen können.
sueddeutsche.de:: Und der Homepage ihrer Zeitung?
Montfort: Unglücklicherweise gibt es immer noch Homepages, die von Kriminellen befallen und mißbraucht werden. Also sind wir immer noch vorsichtig, welcher Seite wir vertrauen. Aber wir machen langsam, aber sicher Fortschritte.
sueddeutsche.de: Welche besonderen Erfahrungen haben Sie mit dem Weblog gemacht?
Montfort:Einmal habe ich einen Eintrag gemacht über ein Buch von 1982. Ein paar Tage später hat sich tatsächlich der Autor des Buches auf dem Weblog gemeldet. 23 Jahre, nachdem er das Buch geschrieben hat.
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