Von Jörg Häntzschel

Im Prozess um seinen entstellten Entwurf des Berliner Hauptbahnhofs wurde dem Architekten Meinhard von Gerkan in erster Instanz Recht gegeben. Nun hofft er auf ein Einsehen der Bahn.

"Ergebnis, das uns befriedigen kann": Meinhard von Gerkan (Foto: dpa)

SZ: "Wer zahlt, schafft an", heißt es. Warum muss Ihr Bauherr, die Bahn, genau das bauen, was Sie bauen möchten?

Meinhard von Gerkan: Die Bahn soll nicht das bauen, was ich möchte, sondern das, was wir mit der Bahn in jahrelangen Planungsprozessen abgestimmt, beschlossen, bemustert und dokumentiert haben. Sie soll sich an die Vereinbarungen halten, die sie mit uns getroffen hat, nicht das Gegenteil machen und dies auch nicht hinter unserem Rücken, mit geschwärzten Zahlen und anderen trickreichen Manövern.

SZ: Wenn die Bahn nicht einverstanden war mit dem Entwurf, warum wurde nicht noch einmal mit Ihnen gesprochen, sondern stattdessen ein anderes Büro in das Projekt hineingezogen? Wieso hat man die angeblich konstengünstigeren Varianten nicht von Ihnen bauen lassen?

Von Gerkan: Ich weiß es nicht. Das Motiv für diese unglückliche Maßnahme ist mir nicht nachvollziehbar. Es gibt keinen Grund dafür, keinen rationalen, keinen logischen, keinen ökonomischen. Es bleibt nur Irrationalität und Emotionalität. Das ist rein im menschlichen Bereich angesiedelt und kann nur etwas mit Personen zu tun haben, nicht mit Sachverhalten.

SZ: Es ging also nicht darum, Kosten zu sparen, sondern darum . . .

Von Gerkan: . . . ein Exempel zu statuieren. Zeigen, wer Herr im Hause ist. Um Kosten ging es jedenfalls nicht. Es ist ja alles getürkt, alles gefälscht worden. Es ist ja so, dass der Vorstandsvorsitzende dreimal gewechselt hat. Möglicherweise hat auch diese Personenabfolge Spuren hinterlassen, möglicherweise gab es da Rivalitäten. Der Bauherr wollte unter Beweis stellen: Wichtig ist nur eines, nämlich das, was ich sage.

SZ: Hat denn Ihr Entwurf wirklich so stark gelitten? Ist nicht auch verletzter Künstlerstolz im Spiel?

Von Gerkan: Ich glaube, es gäbe auch keinen Autor, der sich nicht berührt fühlte, wenn man aus seinem Roman ein paar Seiten rausreißt oder umschreibt. Es geht nicht um verletzten Stolz, sondern um die Beschädigung eines gesamtheitlichen Werkes, das wie kein anderes im Blick der Öffentlichkeit steht, weil es ja von Millionen Menschen genutzt wird. Wenn man, wie es das ursprüngliche Credo des damaligen Vorstandsvorsitzenden Dürr war, den Bahnhöfen eine neue Zukunft geben will; wenn dieses Gebäude beispielhaft dafür stehen soll, wie diese Zukunft aussieht, dann muss man die notwendigen Maßnahmen dafür auch so umsetzen wie verabredet.

Da ist jede Störung eine Beeinträchtigung. Es ist ja nicht so, dass der Architekt den Bauherrn zu etwas zwingt. Sondern wir haben es gemeinsam verabredet, nur haben inzwischen die Personen gewechselt. Es kann nicht angehen, dass mit dem Austausch der Führungspersönlichkeiten alle Vereinbarungen hinfällig geworden sind. Das ist keine Geschäftsgrundlage.

 
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SZ: Sie sind kein Künstler-Architekt, der nur auf dem Papier baut. Ihr Büro ist eines der größten der Welt. Sie müssen den Kampf mit harten Bandagen doch gewohnt sein, nicht zuletzt aus China.

Von Gerkan: Aber so ist man noch niemals mit uns umgegangen. Harte Kämpfe gibt es überall, aber hier ging es nicht nur um Meinungsverschiedenheiten, es waren übelste Methoden der Täuschung, der Verweigerung von Auskünften und Baustellenbesuchen im Spiel. Das hat Formen angenommen, die unsere Verpflichtungen als Architekten beeinträchtigt haben. Das konnten wir nicht mehr verantworten.

Es ging sogar soweit, dass man uns verweigert hat, bestimmte vertragliche Leistungen zu erbringen: nämlich die Prüfung von Unternehmerangeboten. Wir haben bei jedem unserer 250 Projekte Kompromisse machen müssen. Das gehört nun einmal zum Bauen. Bauen ist eine Kunst in der sozialen Anwendung, sie ist gebunden an Geld, Funktionen oder kommerzielle Interessen.

Aber wir haben noch immer zu einem guten Kompromiss gefunden. Ich werde bei unseren China-Projekten oft gefragt: Wie ist denn die Zahlungsmoral der Chinesen? Ich sage dazu immer nur: Zehnmal besser als die der Bahn. Das kommt ja noch hinzu: Die verweigern einem sogar das verdiente Honorar! Das ist in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt. Dieses Benehmen ist einfach unmöglich, unfassbar!

SZ: Wollten Sie jemals hinwerfen und einfach aufgeben?

Von Gerkan: Nein, nie. Das wäre gekränkte Eitelkeit gewesen, das Gehabe der beleidigten Leberwurst. So lange man noch stehen kann, sollte man immer in Verteidigungshaltung gehen.

SZ: Sollte das Urteil Bestand haben, wäre ein Präzedenzfall geschaffen - mit erheblichen Auswirkungen auf die Baukultur in Deutschland.

Von Gerkan: Mit Sicherheit. Das war ja auch eines der Motive für unsere Klage. Natürlich gibt es auch viele Architekten, die Dinge wollen, die alles andere als rational sind. Wichtig ist aber, dass das ein sehr ausgewogenes Urteil ist zugunsten einer Balance zwischen kommerziellen Interessen und Selbstdarstellungsinteressen des Bauherrn auf der einen Seite und der Baukultur auf der anderen Seite.

SZ: Was werden Sie tun, wenn das Urteil in den höheren Instanzen bestätigt wird ?

Von Gerkan: Ich hoffe, dass wir trotz der Beschädigungen und trotz des gestörten Verhältnisses zu unserem Bauherren zu einem Ergebnis kommen, das uns befriedigen kann.

SZ: Heißt das, Sie wollen die Eingriffe in Ihrem Entwurf rückgängig machen, Ihre Decke realisieren und auch die Überdachung des Bahnsteigs auf die ursprünglich vorgesehen Länge erweitern?

Von Gerkan: Natürlich. Das sind die zentralen Punkte. Klar.

SZ: Technisch wäre das möglich?

Von Gerkan: Ja sicher. Wo ein Wille ist, ist immer ein Weg.

(SZ vom 29.11.2006)

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