WILLI WINKLER

SZ-Serie (VIII): Karl Marx – früher Verfechter rücksichtsloser Kritik und Recherche, um politische Zustände zu „unterwühlen“

SZ v. 27.01.2003

Der Journalist neigt dazu, die Welt zu durchschauen, ein Talent, das ihn mit dem Philosophen verbindet. Nun hat die Welt zwar wenig davon, wenn sie auch noch so gnadenlos durchschaut wird, aber dem Philosophen und dem Journalisten wärmt dieser Durchblick das Herz.

»Eine feine Grabesruhe lag auf dem Land vor 1848, und um so besser ging es der Wirtschaft.«

In der Welt von gestern war damit noch mehr auszurichten. Eine feine Grabesruhe lag auf dem Land vor 1848, und um so besser ging es der Wirtschaft. Die Dampfmaschine brachte den Fortschritt, die Eisenbahn transportierte plötzlich ungeheure Lasten, die Fabriken fertigten den Stahl dafür. Ein ganz neuer Menschenschlag entstand während dieser industriellen Revolution, es waren die so genannten „Proletarier“, die so hießen, weil ihr Kinderreichtum zu nichts anderem diente, als der erwähnten industriellen Revolution nur immer noch mehr Arbeitskräfte zuzuführen.

Die Welt von gestern ist so unendlich fern, und gleicht der von heute doch manchmal wie ein Zwilling dem andern. „Da der Arbeiter zur Maschine herabgesunken ist, kann ihm die Maschine als Konkurrent gegenübertreten“, wie ein verkrachter Philosoph beobachten musste. Es beschäftigte ihn dieser neumodische Fortschritt, und er stellte ihm deshalb die folgende Diagnose: „Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.“

Diese erbarmungslose Kritik der Globalisierung erschien 1848 unter dem Titel „Manifest der Kommunistischen Partei“. Hans Magnus Enzensberger nennt dessen ersten Teil eine „grandiose Hymne auf den Kapitalismus“, und er hat wie immer Recht. Vermutlich wurde nie ein wirkungsvollerer Text geschrieben, oder doch bestimmt nicht von einem Journalisten. Er stammt von Karl Marx und Friedrich Engels, die ihn im Auftrag des „Bundes der Kommunisten“ verfassten und naturgemäß täglich mit dem Ausbrechen der Revolution rechneten.

Eine zeitgenössische Karikatur zeigte Marx als modernen Prometheus, statt an den Kaukasus an die Druckerpresse geschmiedet, und der Adler, der ihm wohl täglich die Leber heraushacken sollte, war niemand anderes als der preußische Adler. Der verspätete Hegel-Schüler Marx strebte in die Wissenschaft, doch zerschlug sich diese Karriere in der Radikalenbekämpfung Metternichs. Marx versuchte es dann mit dem Journalismus. Als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung regierte er streng und verwehrte es seinen Redakteuren, das Blatt zum „Wasserabschlagen nach alter Weise“ zu missbrauchen. Das „Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen in beiläufigen Theaterkritiken etc.“ hielt er sogar für „unsittlich“. Es war ihm einfach der falsche Ort; er wollte keine Kassiber, sondern klare Aussagen. Sein Programm war die rücksichtslose Kritik des Bestehenden, „rücksichtslos in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten“.

Der Adressat, der bereits bekannte preußische Adler, nahm das übel und Marx den Beruf. Klagen wegen Beamten-, ja, Majestätsbeleidigung häuften sich. Ein Artikel erregte Aufsehen bis nach Russland, und in St. Petersburg wurde der deutsche Gesandte einbestellt. Noch einen kleinen Triumph errang der freiheitsliebende Prometheus, als er bei einem Prozess Anfang 1849 in eigener Sache plädieren durfte und mit diesen ewig schönen Worten schloss: „Die erste Pflicht der Presse ist nun, alle Grundlagen des bestehenden politischen Zustandes zu unterwühlen.“

Der solcherart attackierte Staat zog es vor, sich des Widersachers alsogleich zu entledigen und hieß Marx samt Familie fortgehen aus Deutschland. Auch in Paris, wo er sich zunächst niederließ und für Arnold Ruges Deutsch- Französische Jahrbücher, dann für den Ur-Vorwärts! schrieb, durfte er nicht bleiben. Preußen trieb ihn weiter fort, bis der Herr Skribent endlich die „Entlassung aus dem Königlich preußischen Untertanenverband behufs der Auswanderung nach den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten“ erbat. Dort kam er nie an, floh aber von Brüssel nach London, wo er, von Engels unterstützt, sein weiteres Leben verbrachte, ein meist recht ärmliches.

Die liberale englische Monarchie duldete den Aufrührer. Wohl schrieb er weiter Artikel, depeschierte sie nach New York und nach Brüssel, aber in London ging der geniale Journalist Marx leider an den Wissenschaftler gleichen Namens verloren. „Ich treibe jetzt 10 Stunden des Tages ex officio Ökonomie“, und diese „ökonomische Scheiße“ beschäftigte ihn über die nächsten Jahrzehnte. Von früh bis spat hockte Marx an seinem Tisch im British Museum, ließ sich Buch um Buch bringen und versuchte seine Theorie, wonach der Unternehmer dem Arbeiter einen bezifferbaren Mehrwert vorenthält, wissenschaftlich nachzuweisen.

Wohl versorgte er die Brüder im Exil und erst recht die Feinde zu Hause im immer mächtigeren Preußen mit derben Pamphleten, erwartete sich von jedem Sturz der Baumwollpreise die Revolution, frohlockte über jede noch so kleine kriegerische Auseinandersetzung, weil sie ja ganz bestimmt für die Revolution sorgen würde, aber seine revolutionäre Ungeduld schwand in den langen, unendlich fleißigen Jahren in der Bibliothek.

Als klassischer Journalist vermied er den Kontakt mit der Wirklichkeit, holte sich seinen Stoff und seine Feinde lieber aus der Zeitung und den Büchern und bildete sich fort zum Aphoristiker: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“, heißt es, tausendmal zitiert, im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“. Ein anderer gern genutzter und immer falsch erinnerter Sinnspruch geht so: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ Unverwüstlich schließlich der Paukenschlag, mit dem alles begann: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“

Ein Gespenst von gestern. Karl Marx sah die Welt nach guter Journalistenart so böse, dass es nur aufwärts gehen konnte. Er hatte nicht vor, mit der alten Welt unterzugehen, schließlich lebte er davon, aber er wollte wenigstens der Herold der neuen sein. Dass diese neue dann ein riesiges Zuchthaus wurde und vor allem eine quasi-religiöse Zwangswirtschaft – ist das wirklich seine Schuld?

Den jungen Menschen wird man nicht mehr kitzeln können mit der langwierigen Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, mit der Verwandlung von Geld in Kapital oder der „Expropriierung der Expropriierten“. Der seltsame Kultus, den Marx um die „Waare“ aufführte, als wär’s ein handschmeichlerischer Stein der Weisen, hat seine glasklare Weltsicht nur verdunkelt. Sie ist auf den Hund gekommen, und Marx gilt als der Hauptverantwortliche für die Blutrichter und Henker, für Stalin, Mao und Ceausescu. „Je ne suis pas Marxiste“, erklärte er noch ein Jahr vor seinem Tod, doch der Marxismus wurde Weltreligion, vorübergehend sogar erfolgreicher als die eines anderen jüdischen Messias, selber ein Schriftgelehrter, Sohn eines Zimmermanns allerdings und um etliches näher an der Wirklichkeit.

Karl Marx starb am 14. April 1883 mit 64 Jahren, ein staatenloser Schreiber in London, totgearbeitet mit rücksichtsloser Kritik an den Verhältnissen. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert“, formulierte Marx im Frühjahr 1845 als 11. Feuerbachsche These, „es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Es gibt viel zu tun, wie ein anonymer Philosoph meinte, packen wir’s an.