Das Desaster der Falken
Irak-Krieg
19.02.2007, 11:27
Falluscha (2004): Trauernde US-Soldaten (Foto: AP)
Seit 1914 hat in den liberalen Öffentlichkeiten kein Krieg mehr so viel Zuspruch gefunden wie die amerikanische Invasion im Irak von 2003. Jenseits offizieller Rechtfertigungen und journalistischer Erörterung fand sich in den westlichen Nationen eine große Zahl von Schriftstellern, Essayisten und Gelehrten, die sich das Anliegen dieses Krieges teils emphatisch zu eigen machten, teils ihn als geringeres Übel und bittere Notwendigkeit guthießen.
Der Unterschied zu 1914 ist allerdings, dass die Massen auf den Straßen, jedenfalls in Europa, gegen den Krieg waren, wo sie natürlich auch ihre lauten Wortführer hatten, allerdings eher aus dem gewerkschaftlich-politischen Milieu.
Trotzdem müssen die Motive einer machtvollen intellektuellen Kriegssympathie rückblickend analysiert werden, nicht nur, weil sich die Hoffnungen, die an den Irak-Krieg geknüpft wurden, so desaströs zerschlagen haben. Dabei sollte es um mehr gehen als eine Erfolgskontrolle im immer unsicheren Prognosegeschäft, vielmehr ist nach dem argumentativen Kern der westlichen Kriegszuversicht zu fragen. Erst dann kann endlich jener ,,Krieg der Ideen‘‘ zwischen den westlichen Öffentlichkeiten und der islamischen Welt ernsthaft beginnen, den Essayisten wie Paul Berman seit 2001 gefordert haben.
Denn die meisten der Kriegsbefürworter - als Ausnahme ist vor allem Herfried Münkler zu nennen - haben sich mit dem Irak, dem Völkerrecht, den Chancen und Risiken eines Krieges im nahöstlichen Zusammenhang gar nicht befasst. Die überwältigende Masse der Argumente für den Krieg bezog sich auf europäische Erfahrungen der letzten zwei oder drei Generationen. Also schrieb man über Themen auf einer zweiten Ebene wie Pazifismus und Antiamerikanismus, über Appeasement und Antisemitismus, anstatt zur Sache selbst zu sprechen.
Vor allem aber bemühte man großflächige historische Analogien: Der wünschenswerte Sturz Saddams wurde umstandslos mit dem Kampf gegen Hitler parallelisiert, die Demokratisierung des Iraks mit der Demokratisierung Westdeutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg verglichen, und die Chance einer demokratischen Ausstrahlung auf den gesamten Nahen Osten legte man sich zurecht mit dem Ende des Ostblocks und der raschen Etablierung bürgerlicher Demokratien danach. Nur über den heutigen Irak und seine reale innere Lage wusste kaum jemand etwas zu sagen.
Es ist anders gekommen, als solche vorwegnehmende Imagination kommender Erfolge suggerierte. Und hierin liegt eine fast obszöne Anmaßung, die zu scharfer Selbstkritik im Westen Anlass gibt. Da wird ein ganzes Land in unabsehbares Elend gestürzt, und welche Argumente liefern die Begleitmusik?
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![]() 20.02.2007 21:02:07 stier1952: Kriegsbefürworter? Heute wieder.... Der Chefredakteur des NDR warf Schröder (nach dessen Ablehnung des Irak-Krieges) damals in einem Fernsehkommentar Verfassungsbruch vor - seiner Meinung nach hat der Bund mit den USA den Rang eines Verfassungsgrundsatzes. Und diesen Grundsatz hätte Schröder mit seinem Nein zum Irak-Krieg mit Füßen getreten. Ob dieser Herr etwas dazu gelernt hat? Wohl kaum. Wie so viele führende Menschen aus Medien und Politik eher nichts. Denn heute machen sie genau das gleiche im Konflikt mit dem Iran - die Argumente der Neo-Konservativen-US-Elite werden übernommen und in den Medien verbreitet. Bestes Beispiel: Frau Merkel. Mit ihrem Vergleich des Iran mit Nazi-Deutschland und der Erwähnung der damaligen "Appeasement-Politik" forderte sie indirekt zu einem Angriff auf den Iran auf. Auch ihre Wortwahl zum Atomprogramm des Iran ist bezeichnend. Da ist nicht mehr die Rede davon, das der Westen befürchtet, der Iran könnte die Kernenergie militärisch nutzen. Frau Merkel stellt es als Tatsache hin, das der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet. Auf "Lernprozesse" unserer konservativen Eliten zu warten ist leider vergebens. ![]()
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