Ein Nachruf von Thomas Steinfeld

Samuel P. Huntington ist tot. Der US-Politologe veröffentlichte den umstrittenen Aufsatz "The Clash of Civilizations?" - und dann das dazugehörige Buch. Ohne Fragezeichen.

Samuel HuntingtonGrossbild

Samuel Huntington (Archiv 1993, in Madrid): Der Schöpfer von "The Clash of Civilizations" ist tot (Foto: dpa)

Die wirklich großen Thesen lassen sich offenbar in drei Wörtern plus Artikel zusammenfassen: "The End of History" ist ein solche Parole oder "The Survival of the Fittest". Gemeinsam ist ihnen, dass sie weitaus berühmter geworden sind als die Menschen, die sie geprägt haben, Francis Fukuyama und Charles Darwin, und viel bekannter als die dicken Bücher, aus denen sie stammen, gemeinsam ist ihnen darüber hinaus, dass die Parole sich leicht in kleine Münze herunterbrechen und bei fast beliebigen Gelegenheiten anwenden lässt.

Gemeinsam ist ihnen aber auch, dass sie nicht nur eine Situation zusammenfassen und auf eine wissenschaftliche Formel bringen, sondern prognostisch wirken sollen. Sie tun etwas, was die Wissenschaft eigentlich nicht tun kann, wenn sie Wissenschaft bleiben will: Sie treffen eine Vorhersage, sagen eine Zukunft voraus, und wahrlich keine kleine. Auch "The Clash of Civilizations" ist eine solche Drei-Wörter-Parole, und seit Jahren die wirkungsvollste.

Der Seher und seine Parole

Gewiss, er war auch vor diesem Titel ein bekannter Politologe und Experte für Prozesse politischer Modernisierung, ein angesehener akademischer Lehrer, Autor von einem guten Dutzend Monographien vor allem zur jüngeren politischen Geschichte der Vereinigten Staaten, gelegentlich auch Präsidentenberater.

Der "Clash" aber machte ihn zu einem Seher von Weltruf. Denn in diesem Werk erklärte er, gegen Francis Fukuyama und "The End of History" gewandt, die Geschichte werde auch nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und des Ost-West-Konfliktes weitergehen, allerdings weniger in Gestalt von Konflikten zwischen Nationalstaaten, sondern vor allem in Form von weitreichenden Auseinandersetzungen zwischen Kulturräumen - für das Wort "civilization" findet sich keine angemessene Übersetzung im Deutschen, seine Bedeutung liegt zwischen "Kultur" und "Zivilisation", und der "Kampf der Kulturen", der deutsche Titel des Buches, klingt noch martialischer als das Original. In die Kategorie der "civilization" gehen die gemeinsame Sprache, die Geschichte, die Werte und vor allem die Religion ein. Aus ihnen soll sich, so Samuel Huntington und nach ihm alle Verfechter einer "Leitkultur", das nie genau zu fassende Spezifikum einer "civilization" zusammensetzen.

Samuel P. Huntington zählte sieben, vielleicht auch acht solcher Kulturräume: Der "westlichen" Zivilisation stehen dabei nicht nur die islamische gegenüber, sondern auch die lateinamerikanische, die chinesische, die indische, die japanische, die afrikanische. Im selben Maße, wie die ideologisch gesonnenen Nationalstaaten als Subjekte von großen Konflikten an Bedeutung verlören, träten kulturell definierte Gruppen oder Assoziationen von Staaten als deren Träger hervor - so dass die Welt bald mehrere politische Zentren haben werde, wo es bislang nur deren zwei (oder genauer: eines und seinen Widersacher) gegeben habe.

Prognostisches als Propaganda

Das Prognostische an Samuel P. Huntingtons Thesen entpuppt sich dabei bald als Propaganda, und zwar weniger, weil damit die Idee der Menschenrechte, einer begrenzt westlichen Veranstaltung, als Medium und Ziel globaler Politik hinfällig ist, als vielmehr, weil damit notwendig ein Plädoyer für eine weitaus offensivere Außenpolitik der Vereinigten Staaten verbunden ist: Wer die von Zivilisationen geprägte Weltlage nationalstaatlich verkenne, so Samuel P. Huntington, sei bald nicht mehr in der Lage, seine nationalen Interessen global durchzusetzen, und gemeint sind damit die globalen Hegemonialansprüche der Amerikaner. Politologie und Politikberatung gehen dabei unmittelbar ineinander über, nicht unbedingt zum Vorteil der Wissenschaft.

Samuel P. Huntington hat sein Leben lang an nur einer Universität gelehrt: an Harvard, und er besaß die Fähigkeit, Studenten zu binden und Schüler zu gewinnen. Das Oszillieren zwischen zuweilen bestürzend offenen, kalten Analysen der politischen Lage und einem geschichtsphilosophischen Überschwang, der eher an Oswald Spengler denn an Georg Wilhelm Friedrich Hegel (dem angeblichen Lehrmeister Francis Fukuyamas) erinnert, mag ihm dabei geholfen haben. Wer außer Samuel P. Huntington hätte gesagt, der Westen habe seine globale Überlegenheit nicht durch Ideen oder Werte errungen, sondern durch organisierte Gewalt? Wer, dass jeder Universalismus, vor allem im Bezug auf Menschenrechte, zu Zweideutigkeiten und doppelten Maßstäben führe, angefangen damit, dass Iran keine Atomwaffen besitzen dürfe, während sie Israel zugebilligt würden, bis dahin, dass aus Universalismus nur Imperialismus folgen könne?

Samuel P. Huntington stellte dergleichen aber nicht nur fest. Er billigte das Verfahren, und wenn er eine Doppelmoral kritisierte, dann nicht, um sie aufzuheben, sondern um sie in eine einfache zu verwandeln. Die Einwanderung aus den lateinamerikanischen Ländern, vor allem aus Mexiko, so argumentierte er in "Who are we?" (2004), seinem letzten Buch, sei eine offene Bedrohung amerikanischer Identität. Welche Identität? Und warum sollte es unbedingt diese sein? Nein, der Demokrat Samuel P. Huntington war offen parteilich, und als Staatstheoretiker immer unbedingt für den Staat, für sein Vaterland.

Denken ohne Rückkopplung

Selbstverständlich ist für so viel Parteilichkeit ein Preis zu entrichten, in Gestalt von radikalen Verkürzungen. In welchem Maße der Fundamentalismus des Islam eine Folge einer tiefen Erschütterung der islamischen Gesellschaften durch die westliche Moderne ist, fiebrige Übertreibung einer Selbstgewissheit, die es nie gegeben hat, die aber nun als endgültig bedroht erscheint, in welchem Maße überhaupt "Zivilisationen" nur im Angesicht einer ultimativen Herausforderungen zu solchen werden - für all diese Übergänge, Rückkopplungen und Gegenbewegungen hatte er wenig Sinn. Und sein Fach, das muss man leider sagen, erleichterte ihm das Einseitig-Sein, indem es, von Fred Halliday bis Bassam Tibi, Huntingtons Thesen weniger in ihrem Wahrheitsgehalt überprüfte als vielmehr mit Gegenmodellen aufwartete und so dem Geist der Parteilichkeit, der (imaginären) Politikberatung treu blieb.

Die Parole vom "Clash of Civilizations" ist so einfach, dass die Weltgeschichte seitdem als deren Bestätigung erscheint. Und ist nicht der 11. September 2001 der bildliche, für jedermann sichtbare "clash"? Gegen eine solche Interpretation wehrte sich Samuel P. Huntington zwar. Dieser Angriff, sagte er, habe mit "civilization" nichts zu tun. Aber da war ihm die eigene Parole schon entlaufen.

(SZ vom 29.12.2008/lala)

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