Von Dirk von Gehlen

Haben Sie sich auch schon immer gewünscht, dieser Mann würde keine Geräusche machen? Morgen ist es endlich soweit: Am Tag des weltweiten Musikverzichts regiert die Stille.

Andrew will darauf verzichten, unter der Dusche zu pfeifen. Theophile wird ihren MP3-Player daheim lassen und Reg plant, alle Lautsprecher in seiner Umgebung auszuschalten: "Herrlich - ein ganzer Tag ohne Coldplay!" Nachzulesen sind diese guten Vorsätze, die sich alle auf den morgigen Dienstag beziehen, auf der Webseite nomusicday.com. Hier verkünden Menschen aus aller Welt, wie sie den 21. November zu verbringen gedenken: möglichst ohne Musik. Auf diese Idee hat sie Bill Drummond gebracht, er ist der Erfinder des Tags ohne Musik. Dazu hat er den 21. November auserkoren, weil der 22. November der Gedenktag der heiligen Cäcilia ist, der Schutzpatronin der Kirchenmusik.

andre rieu no music day

Diese Herren spielen gerade die erste Feuerwehrhymne der Welt, also genau das, was wir morgen nicht hören wollen. (Foto: dpa)

Drummond ist das, was man im Englischen einen Prankster nennt, ein Wort, das mit Scherzbold oder Schlingel nur unzureichend übersetzt ist. Ende der Achtziger wurde der heute 53-Jährige gemeinsam mit Jimmy Cauty als The KLF bekannt. 1992 erhielten sie den Brit Award als beste britische Band. Bei der Verleihung sorgten sie vor allem dadurch für Aufmerksamkeit, dass sie - bewaffnet mit Maschinenpistolen - ihren Ausstieg aus dem Musikgeschäft verkündeten und vor dem Hotel, in dem die Preise verliehen wurden, ein totes Schaf abluden. Später wollte Drummond einen WM-Song für Schottland mit allen schottischen Musikern aufnehmen, die jemals einen Song in den britischen Charts hatten. Er schrieb die "The Manual" genannte Anleitung, in der er erklärt, wie jeder einen Nummer-eins-Hit produzieren kann, und verbrannte 1994 eine Million Pfund, alle Einnahmen, die er mit The KLF verdient hatte.

Jetzt also der No Music Day. "Das ist eine Art persönlicher Kreuzzug", erklärte er in einem Interview. "Es geht darum, einen Tag Auszeit zu nehmen und über Musik und unsere Beziehung zur Musik nachzudenken. Oft nutzen wir sie doch nur, um uns vor der Realität abzuschotten oder unsere Gedanken zu betäuben." Der größte Feind der Musik ist in seinen Augen die Musik selber, wenn sie im Hintergrund aus dem Radio dudelt. Weshalb es ein wenig überrascht, dass Drummond Unterstützung ausgerechnet beim Radio gefunden hat: Der Londoner Sender Resonance FM wird am Dienstag sein Tagesprogramm ohne Musik bestreiten. Statt ständiger Nebenbeimusik will man ein Interview mit einem Politiker senden, der ungebetenes Gedudel an öffentlichen Plätzen verbieten will. Es soll ein akustisches Tagebuch des Musikers Richard Sanderson geben, der dokumentiert, wie er einen musikfreien Tag verbringt. Und der Musikhistoriker Reg Hall erklärt, warum moderne Aufnahme-Technik die Folk-Musik zerstört hat.

Drummond selbst will mittels dieses Tages rausfinden, "was ich mir von Musik erwarte und was nicht", erklärt er in seinem No Music Day-Manifest, das der Observer abdruckte. "Und ich erwarte mir sicher keinen blinden oder tauben Konsum dessen, was angeboten wird." Drummond will aber auch nicht die Stille um ihrer selbst willen feiern. Er legt großen Wert darauf, nicht als Musikfeind angesehen zu werden. "Ich finde es großartig, dass man sich heute viel leichter mit Hilfe der Musik ausdrücken kann als früher", erklärt er. Gerade deshalb kämpft er gegen die Dudelmusik.

So ist denn heute ein guter Tag, um mal wieder John Cages Komposition "Silence" rauszuholen, 4 Minuten 33 Sekunden, in denen nichts passiert außer: Stille.

(SZ v. 20.11.2006)

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