Ein Nachruf von Willi Winkler

Chronist der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft und des Lebens in der Suburbia : Zum Tode des US-Schriftstellers John Updike, der einem Lungenkrebsleiden erlag.

John Updike; Getty ImagesBild vergrößern

Sah sich im göttlichen Auftrag schreiben: John Updike (1932-2009) Foto: Getty Images

Irgendwann wird jemand die Geschichte der Glückskinder schreiben müssen, jener vaterlosen Söhne, denen ihre Mütter das ungeheure Selbstbewusstsein mitgaben, die sie zum Schreiben brauchen.

Goethe ist so einer, der verwöhnte "Hätschelhans" seiner Frau Aja. Peter Handkes Mutter ermutigte ihren Sohn in geistfeindlichster Umgebung zum schreiben. Und auch bei John Updike war es das unbedingte Zutrauen der Mutter, das den Sohn zum Schreiben brachte.

Sie hatte sich selber an Kurzgeschichten versucht (der berühmte Sohn nahm eine davon in eine Anthologie auf), aber ihr Leben, der Not gehorchend, war ihrem Mann und ihrem einzigen Sohn gewidmet.

John Updike kam 1932 in Shillington im ländlichen Pennsylvania zur Welt und sollte nie vergessen, dass er ein Kind der Wirtschaftskrise war. Wie Millionen andere machte sie auch seinen Vater arbeitslos. Nie war genug Geld für die Familie da, und Armut ist, auch wenn sie ihre Dichter gefunden hat, kein großer Glanz von innen.

Der Glanz war anderswo, an der Küste, in New York. Eine großzügige Tante schenkte ihm ein Abonnement des New Yorker, der angesehensten Zeitschrift des bürgerlichen Amerika. Seitdem war er in die minimalistischen Cartoons von James Thurber vernarrt und träumte von einem Leben, das es jenseits der Armut geben musste.

Als begabter Schüler schaffte er es nach Harvard, von wo ihn wirklich und wahrhaftig eine Limousine abholte und zur Redaktion des New Yorker brachte. Für zwei Jahre wurde er dann eine Art Stadtreporter für die Zeitschrift, schrieb über Alltagsdinge und über den beginnenden Konsumismus, um dann die Stadt aber zu verlassen und aufs Land zu ziehen, um dort mit Frau und vier Kindern eine Existenz als freier Schriftsteller zu versuchen.


Glauben ohne Fanatismus

Später hat er öfter behauptet, er habe den New Yorker verlassen müssen, weil er in dessen gediegener und ebenso wirklichkeitsfremder Welt niemals die Beschreibung eines Geschlechtsaktes hätte veröffentlichen können.

Aus den Kurzgeschichten schrieb er sich zum Roman vor. 1960 erschien "Hasenherz", der erste seiner fünf "Rabbit"-Romane, in denen er, ohne es zunächst zu wollen, die Chronik des letzten halben Jahrhunderts niederlegte. Harry Angstrom ist ein Verkäufer, der vor dem Kaufhaus eine Küchenmaschine feilbietet. Er ist mit Frau und Kind geschlagen und mit einem unbewussten Sehnen, das er nur biographisch begründen kann. "Ich hab mal Basketball gespielt und zwar sehr gut" - und weil er einmal der Beste war, fällt es ihm schwer, später zurückzustecken.

So wenig dieser kleine Händler mit dem Harvard-Absolventen Updike zu tun hat, er ist doch wieder ein Glückskind, dem Katastrophen nur zustoßen, um ihn nach vorn zu schubsen.

Im Abstand von jeweils zehn Jahren veröffentlichte Updike Fortsetzungen der Lebensgeschichte dieses fiktiven Harry Angstrom, begleitete ihn durch Rassenunruhen, Vietnamkrieg, Carter-Regierung und Energiekrise, machte ihn reich und ließ ihn früh, viel zu früh sterben. Wer diese Bücher heute liest, wird staunen, wie früh das, was heute Globalisierung heißt, am Beispiel des Aufstiegs von Angstrom zum Toyota-Händler schon vorweggenommen ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über Updike und das Mysterium der Sexualität.

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