Arnold Rothstein aber hatte anderes im Sinn; statt sich über die Tora zu beugen, begründete er das organisierte Verbrechen in den USA. Auch wenn ihn Fitzgerald so zeichnet, hatte er nichts von einem Shylock, dafür sehr viel von einem Intellektuellen. Zwar widmete sich mit Hingabe dem Glücksspiel, doch setzte er dabei seinen messerscharfen mathematischen Verstand ein. Unermüdlich rechnete er Chancen und Risiken aus und verschob Wetten, wie er sie brauchte.
Der Moses der jüdischen Gangster
Die Prohibition, die 1920 aus den kalvinistischen USA einen gottesfürchtigen und wahrhaft nüchternen Staat machen sollte, verschaffte Rothstein die Eintrittskarte in die Gesellschaft, die Juden sonst gründlich verachtete. In der rasch aufblühenden Schattenwirtschaft eröffnete sich mit einem Mal die Möglichkeit, ein anerkannter Marktteilnehmer zu werden. Rich Cohen nennt Rothstein deshalb den Moses der jüdischen Gangster, den Mann, der den kleinen Ganoven New Yorks zeigte, wie man sich in der besseren Welt benimmt, wie man sich anzieht, wie man mit Stil auftritt und dabei vor allem viel Geld verdient.
Nebenbei war der gerissenste Gauner seiner Zeit als Wohltäter bekannt; mit seinem märchenhaften Reichtum finanzierte er den Bau mehrere Synagogen in New York, was ihn natürlich nicht hinderte, eine Katholikin zu heiraten. Arnold Rothstein starb 1928 auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ein Killer erschoss ihn, weil er sich geweigert hatte, eine Pokerschuld von 320.000 Dollar zu begleichen.
Nirgendwo besser als bei den Gangstern zeigt sich ein Phänomen, das in der amerikanischen Gesellschaft sonst nicht vorkommt, weil es nicht vorkommen darf: der Klassenkampf. Ohne die grundlegende Arbeit dieser Außenseiter ist die amerikanische Gesellschaft gar nicht vorstellbar. Sie jagen dem amerikanischen Traum, der ihnen verwehrt wurde, umso verbissener hinterher und schaffen dabei ein Paralleluniversum, das dem der etablierten Mächte wie eine Karikatur nachgebildet ist.
Lucky Luciano, Bugsy Siegel und vor allem Meyer Lansky waren die Meisterschüler des Gründervaters Rothstein. Las Vegas wurde das Symbol dieses Erfolgs. Bis in den Zweiten Weltkrieg existierte der Ort allenfalls als Rastplatz für Lastwagenfahrer, doch die liberalen Gesetze im Mormonenstaat Nevada erlaubten den im Osten reich gewordenen Gangstern, ihr Kapital in ein utopisches Projekt zu investieren: eine Stadt, in der Freizeit industriell herstellbar und wiederum zu verkaufen war. Hier gab es alles, was anderswo verboten war: Frauen, Alkohol, Drogen und Casinos.
Wir sind größer als U.S. Steel
Das Gangster-Syndikat, das sich bald über die gesamten Vereinigten Staaten ausbreitete, expandierte schließlich von Las Vegas weiter nach Havanna, wo es unfreiwillig den Boden für die kubanische Revolution in der Neujahrsnacht 1959 bereitete. Der Diktator Batista existierte zuletzt nurmehr als Marionette des Syndikats, das auf Kuba mit dem Segen der nordamerikanischen Wirtschaft seine besten off shore-Geschäfte betrieb. "Wir sind größer als U.S. Steel", sagt der Meyer Lansky liebevoll nachgebildete Hyman Roth (Lee Strasberg) in Francis Ford Coppolas zweitem "Paten"-Film.
Seit den dreißiger Jahren wuchs die Bewunderung für die Gangster vor allem unter der jüdischen Bevölkerung Amerikas ins Ungemessene. Während sie in Europa verfolgt, geschlagen, schließlich systematisch umgebracht wurden, setzten sich diese endlich zur Wehr. Sie waren nicht bereit, sich willig zur Schlachtbank führen zu lassen, sondern kämpften um ihren Platz in der Gesellschaft.
Meyer Lansky rühmte sich, dass er ein ganzes Schiff mit Waffen für die Freischärler ausgerüstet habe, die 1947/48 mit terroristischen Anschlägen gegen die britische Besatzung für ein unabhängiges Israel kämpften. Bis zuletzt blieb er glühender Zionist und konnte sich sogar eine Zeitlang in Israel vor den Nachstellungen der amerikanischen Finanzaufsicht verstecken.
Rich Cohen, der ein Buch über die jüdischen Gangster geschrieben hat, trauert der Zeit nach, als es den amerikanischen Juden noch nicht um die Anerkennung durch die herrschende angelsächsische Schicht ging. "Ich glaube, dass es der jüdischen Gemeinde besser ginge, wenn es erfolgreiche jüdische Gangster auch heute noch gäbe."
Für die jüdische Sache
Dabei liegt nichts näher, als sich Reputation, die einem sonst verweigert wird, durch Geld zu erkaufen. "Für mich und meine Generation, die mit ausschließlich guten Juden aufwuchs, mit Spendensammlern und Aktivisten, bieten die Gangster einen Blick in eine vergangene Zeit. Es ist wie eine Erinnerung an eine weniger gefestigte Epoche, wie eine Eiszeit, als die Erde noch über eine viel größere Artenvielfalt verfügte."
Bernie Madoff, der sich seit seinem Geständnis im Dezember als einer der größten Schwindler der Finanzgeschichte offenbart hat, wirkt wie ein solches Überbleibsel aus der Eiszeit, ein mammutähnliches Wesen, wie es die Taxonomie der modernen Wirtschaft sonst nicht mehr zulässt.
Wenn seinem Mitte Dezember abgelegten Geständnis zu trauen ist, war Madoff der größte, wenn auch nicht der gerissenste Finanzjongleur seit Arnold Rothstein. Wie Meyer Lansky gab er Geld für die jüdische Sache, zog damit aber auch jüdische Wohlfahrtsorganisationen an, die jetzt ihr Geld in einem schwindelerregenden Abgrund verloren haben. Als wollte er die amerikanische Klassengesellschaft parodieren, fand Madoff fand seine reputationssüchtigen Kunden im Country Club, diesem Inbegriff des angelsächsischen Aristokratentums.
Der Finanzgauner Madoff, der seine Umwelt um Millionen und Milliarden betrogen hat, bietet einen Abglanz der heroischen Zeit, als noch nicht alle Juden gute Menschen sein mussten. Niemand hat die Mimikry weiter getrieben, niemand hat es besser verstanden, sich in einer tendenziell judenfeindlichen Gesellschaft zu assimilieren als dieser Schwindler.
(SZ vom 5.1.2009/rus)
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