Von Willi Winkler

Finanzgauner Bernie Madoff, der seine Umwelt um Milliarden betrogen hat, bietet einen Abglanz der heroischen Zeit, als noch nicht alle Juden gute Menschen sein mussten.

der pate lee strasberg al pacino

Liebevoll nachgebildet: Lee Strasberg als jüdischer Gangster Hyman Roth und Al Pacino in "Der Pate II". Foto: oH

Die Geschichtsbücher, in denen zum Jahreswechsel wieder so eifrig geblättert wurde, sind schon recht überfüllt, und wahrscheinlich ist deshalb ein Ereignis nirgendwo festgehalten, das doch so bezeichnend ist für den Fortgang des amerikanischen 20. Jahrhunderts: In einer dunklen Nacht des Jahres 1927, die Wirtschaftskrise war noch weit, aber jedermann dankbar für eine kleine Ablenkung, überfiel eine schwerbewaffnete Gang einen Transport mit bestem irischen Whiskey. Es ging um viel Geld, und deshalb mussten elf Menschen ihr Leben lassen.

So brutal der Überfall war, in der anekdotenreichen Geschichte der Prohibition, die erst 1933 endete, wäre er nur einer unter vielen anderen geblieben, wenn nicht bei dieser Gelegenheit zwei mächtige Gegner aufeinandergetroffen wären, die um mehr als nur einen Geleitzug voller Alkohol kämpften. Der Whiskey, den die Schmuggler transportierten, sollte den nicht geringen Reichtum des irischstämmigen Bostoner Bankers Joseph Kennedy noch weiter mehren, und die Burschen, die sich der wertvollen Ladung bemächtigten, wurden von dem jüdischen Gangster Meyer Lansky angeführt, der wenige Jahre später die Spielerstadt Las Vegas etablieren sollte.

Feindselige Gesellschaft

Versteht sich, dass sich die beiden Gangs bald einigten und lieber den Markt unter sich aufteilten, als sich weiter zu bekriegen, denn beide waren Außenseiter in der strikt angelsächsisch geprägten amerikanischen Gesellschaft. Als sich die großen Gangster sämtlicher Syndikate zwei Jahre später zur Feier ihrer Fusion in einem Hotel in Atlantic City trafen, meldeten sie sich vorsichtshalber unter britisch klingenden Namen an; Juden und Katholiken waren im Atlantic City Break Hotel wie in den meisten anderen Hotels ebenso wenig erwünscht wie Schwarze.

Vollständige Mimikry war die einzige Möglichkeit, sich dieser feindseligen Gesellschaft aufzudrängen. Im "Großen Gatsby" (1925), F. Scott Fitzgeralds Studie über das jazz age, die Goldenen Jahre vor dem Zusammenbruch, erscheint im Mittelgrund ein Mann, der selbst den treuesten Lesern dieses Romans bis heute einige Schwierigkeiten bereitet. (In der deutschen Ausgabe wirkt der Übersetzer an den heiklen Stellen vorsichtshalber als Zensor.) Meyer Wolfsheim, der Mann, "der die 'World Series' von 1919 gedeichselt hat", ist auch der Mann, der den gutaussehenden Titelhelden "aus der Gosse" nach oben geholt hat.

Fitzgerald stattet ihn mit seltsamen Charakteristika aus: Wolfsheim pfeift einen Schlager jener Tage, der "The Rosary" (Der Rosenkranz) heißt, er trägt menschliche Backenzähne als Manschettenknöpfe, aus seiner Nase wuchern Haare büschelweise, und an seiner Bürotür entdeckt der Erzähler das Firmenschild einer "Swastika Holding Company". Dieser Meyer Wolfsheim ist, wie der Leser sofort merken soll, Jude. Die Swastika, das muss man in Deutschland nicht erklären, ist das Hakenkreuz, und in den antisemitischen zwanziger Jahren ist für einen jüdischen Gangster, der unbedingt ein Geschäftsmann sein will, eine bessere Tarnung kaum vorstellbar. Dieser Wolfsheim geht auf den 1882 geborenen Gangster Arnold Rothstein zurück. Er stammte aus einer ebenso frommen wie wohlhabenden New Yorker Familie; einer seiner Brüder war Rabbi.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, welches Erbe Finanzgauner Bernie Madoff antritt.

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