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Seit dem Erfolg von „Gegen die Wand“ ist er ein Superstar des deutschen Kinos: Fatih Akin. Im Interview spricht er über Kino, na klar, aber auch über Musik, James Dean, Bruce Lee und das Rebellen-Ding an sich.

Ich werde jetzt nicht nach Hollywood gehen, um irgendwas Gigantisches zu machen. Foto: ddp

SZ: Sie betätigen sich auch als DJ. Welche Musik legen Sie da auf?

Fatih Akin: Ganz verschieden. Ich mache so Programmabende. Manchmal spiele ich nur Filmmusik, dann wieder das, was ich Balkan stuff nenne, also türkisch-griechisch-jugoslawische Musik, Zigeunersachen, Re-Mixe, rein türkische Musik mache ich nie. Am liebsten lege ich das auf, wovon ich das meiste Zeug habe: schwarze Musik, HipHop, R&B, und dann gibt es Abende, an denen ich nur Prince spiele. Ich habe 120 Prince-Platten, reines Vinyl, Bootlegs, alles.

SZ: Wie wurden Sie Prince-Fan?

Akin: Das fing bei mir ’84 an, da war ich zehn, ich hörte im Radio „Purple Rain“ – der Song faszinierte mich immens. Die erste Platte, die ich mir kaufte, war eine Prince-Platte, und heute bin ich immer noch Prince-Fan. Ist doch erstaunlich: mir gefällt heute immer noch, was ich ’84 gut fand. Prince ist nicht nur so ein Popstar, sondern einfach ein guter, virtuoser Musiker, und hat mich auch bei meinen filmischen Arbeiten inspiriert. Etwa so, dass ich dachte: Ich mache jetzt wie Prince ein Experimentalalbum, wenn ich nach „Kurz und schmerzlos“ an ein Projekt wie „Im Juli“ gehe. Auch das Improvisierte an seinen Stücken gefällt mir: Dass sie zum Beispiel wie normale Popsongs starten, dann eine Kurve nehmen und ganz woanders landen. Das ist in meinen Filmen auch ein wenig so.

SZ: Was entwickelte sich zuerst: die Liebe zur Musik, oder die zum Kino?

Akin: Das ging eigentlich Hand in Hand. Als ich begann, mir Platten zu kaufen, fing ich auch an, mich so richtig für Filme und ihre Regisseure zu interessieren. Ich sah „Angel Heart“, merkte mir den Namen des Regisseurs, Alan Parker, ging in Büchereien und forschte nach, welche anderen Filme Parker gemacht hatte: „Birdy“ zum Beispiel, oder „Midnight Express“ – hoppla, der spielt ja in der Türkei! Habe ich mir gleich besorgt.


SZ: Gab es bei solchen, für einen Zwölfjährigen doch etwas exzentrischen Vorlieben für Prince oder „Angel Heart“ nicht Konflikte mit den Eltern?

Akin: Ja, doch. 1988 kaufte ich mir „Love Sexy“ – da ist Prince nackt auf dem Cover zu sehen. Ich fand das ganz toll. Meine Eltern aber haben die Platte weggeschmissen, weil sie Angst hatten, dass ich schwul werden könnte. Was die Filme angeht: Merkwürdigerweise bekam ich keinen Ärger, als ich mir Bruce- Lee-Filme ansah. Damals war ich acht oder neun. Und das sind ja irre brutale Filme ... Ich konnte nächtelang nicht schlafen. Wenn du in diesem Alter Bruce Lee siehst, ist das wie Speed. Das pumpt dich voll auf. Dagegen hatten meine Eltern kaum was. Aber einmal, ich erinnere mich genau, ich war zwölf, lief im Fernsehen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, und da gibt es diese berühmte Szene, in der sich Jim, James Dean, mit seinem Vater prügelt. Meine Eltern wollten partout nicht, dass ich das sehe, und schickten mich aus dem Wohnzimmer. Ich habe den Film dann im Zimmer meines Bruders weiter geguckt – und da gab’s richtig Ärger. Dieses Rebellen-Ding, das sollte ich auf keinen Fall sehen.

SZ: Wie entstand die Idee, Alexander Hacke – er ist Bassist der Einstürzenden Neubauten – als Erzähler/Entdecker in „Crossing the Bridge“ einzusetzen?

Akin: Bei den Dreharbeiten zu „Gegen die Wand“ war das. Wir mussten damals jemanden finden, der diese Zwischenspiele der Musiker produzieren und aufnehmen konnte. Da hatte Klaus Meck – er ist nicht nur mein Partner in der Produktionsfirma Corazón International, sondern auch seit 25 Jahren Manager der Einstürzenden Neubauten – die Idee: Alexander Hacke soll es machen. Ich dachte, das ist interessant, wenn so ein deutsches avantgardistisches Ohr mit dieser traditionellen türkischen Musik zusammengebracht wird. Hacke hatte Lust, machte die Sache wunderbar, und dann haben wir abends im Hotel herumgesponnen: Man müsste mal einen Film über die Musik hier machen, und zwar so: Du kommst nach Istanbul und suchst nach dem Sound der Stadt wie ein Detektiv.

SZ: Welche Projekte haben Sie jetzt, nach dem Erfolg von „Gegen die Wand“?

Akin: Ich mache weiter wie bisher. Ich werde jetzt nicht nach Hollywood gehen, um irgendwas Gigantisches zu machen. In „Mystic River“ erzählt Bob Marley doch von dieser leisen inneren Stimme, der man immer folgen sollte. Das will ich tun. „Gegen die Wand“ soll der erste Teil einer Trilogie sein, die ich „Liebe, Tod und Teufel“ nenne. Wobei ich den Tod nicht als etwas Destruktives und Beendendes sehe, sondern als Wandlung, Metamorphose. Das ist schon in „Gegen die Wand“ so: Da sterben die Figuren immer wieder – und werden dann neu geboren. Das Stichwort Teufel steht für eine Reflexion über das so genannte Böse. Ist Luzifer, der Lichtträger, wirklich das Böse? Oder war er nur der Rebell, der sich für die Rechte der Menschen eingesetzt hat und deshalb verbannt worden ist? Das sind Fragen, die mich interessieren, die ich gerne weiterspinnen würde.

Interview: Rainer Gansera

SZ v. 09.06.2005