Von Simon Feldmer

Die gute alte Videokassette hat ausgedient: Trotz hoher Schulden und Stellenabbau investiert die Pro-Sieben-Gruppe in digitale Technik.

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Auch Raab kommt dank der neuen Technik bald ins bandlose Archiv. Foto: dpa

Es ist eine Weile her, dass der TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 mit elektrisierenden Nachrichten aufwarten konnte. Zuletzt machten die Sat 1-Mitarbeiter in Berlin Schlagzeilen, gingen auf die Straße und schickten schwarze Luftballons in den Himmel, weil sie die Verlagerung ihres Senders nach München und den damit verbundenen Arbeitsplatzabbau für keine gute Idee halten und auch nicht mit umziehen wollen.

Sparen ist angesagt in der Zentrale in München-Unterföhring. Hohe Schulden und ein schwieriger Werbemarkt drücken auf die Stimmung. Und so kann man gut verstehen, dass Andreas Bartl, im Haus als Vorstand German Free TV der oberste Programmstratege, froh ist, mal wieder einen "elektrisierenden Moment" auszumachen. Ein neues Playout Center muss dafür herhalten, eine neue Schaltzentrale, in der das Programm der Senderkette zusammengebaut wird.

Verantwortlich für das Herzstück der TV-Gruppe ist die konzerneigene Dienstleistungstochter Pro Sieben Sat 1 Produktion (PSP). Die PSP mit aktuell 800 Mitarbeitern hätte der Konzern bis vor einem Jahr noch am liebsten ausgelagert, um zu sparen. Ein Käufer fand sich aber nicht. Jetzt haben die Pro Sieben-Eigner in ihr neues Ausspielcenter selbst 12 Millionen Euro investiert. So ein Engagement muss natürlich an die Öffentlichkeit, vor allem in Krisenzeiten. Deshalb wurde vorige Woche ein kleines Filmchen vorgeführt, das im besten Peter-Lustig-Löwenzahn-Stil die Frage beantworten sollte: "Wie kommt das Fernsehen eigentlich in den Fernseher?"

Alle Stars, alle Köche

Die größte Überraschung dabei, besonders für diejenigen, die seit Jahren auf dem eigenen Homecomputer ihre YouTube-Filme schneiden: Beim Fernsehen regiert bis heute die Videokassette. Gut zehn Wochen dauert es aktuell von der Anlieferung eines Spielfilmes bis zur Ausstrahlung. 90 Prozent des kompletten Sendematerials, von der Gerichtsshow bis zum Blockbuster, kommt bei der Pro Sieben-Gruppe noch auf Videokassetten an. Diese werden dann zum Bearbeiten in Plastikkästchen von Redaktion zu Redaktion geschoben; oder geworfen. Passend zum Anlass erinnerte sich Fernsehvorstand Bartl daran, dass schon mal ein Band aus dem oberen Stockwerk aus dem Fenster geflogen sei, um es rechtzeitig im Erdgeschoss in die MAZ zu schaffen. Diese Zeiten sind bald vorbei. "Wo früher Bänder herumgetragen wurden, werden jetzt Files durch die Gegend geschickt", sagt Bartl. Womit Pro Sieben sich in etwa auf den technischen Stand des Wettbewerbs bringt.

So hat die ARD in Potsdam ein digitales Playout Center aufgebaut, von dem aus mittlerweile ein Großteil des digitalen ARD-Angebots übertragen wird. Die Mediengruppe RTL will den Umzug ihrer Senderfamilie (RTL, Vox, Super RTL, n-tv) nach Köln-Deutz, der seit Monaten läuft, ebenfalls zur technischen Modernisierung nutzen. Der Dienstleister Cologne Broadcasting Center, eine 100-prozentige RTL-Tochter, soll bis spätestens Ende des Jahres ein neues Ausspielcenter aufbauen, in dem alle Superstars und Kochshows intern verarbeitet werden. Auch bei der Pro Sieben-Gruppe wird das gesamte Programm, Liveshows wie Schlag den Raab oder amerikanische Serien, bald in einem bandlosen Archiv zur Verfügung stehen. Auf das sollen dann die Redaktionen aller Sender schnell und gleichzeitig zugreifen können - für die Plattformen Fernsehen, Internet, Handy.

Rund 100 Mitarbeiter werden das Playout Center bedienen. Das große Stichwort heiße Effizienz, sagte Manager Bartl. Was übersetzt bedeutet: 60 Arbeitsplätze weniger. Kaum zu glauben: Die Automatisierung des Fernsehens hat gerade erst begonnen.

(SZ vom 3.3.2009/irup)