Von Peter-André Alt

Die Entdeckung: Der Film "Nosferatu" und sein Drehort trieben Franz Kafkas literarische Phantasie an. Denn Friedrich Wilhelm Murnaus Vampir wohnte einst in Kafkas "Schloss".

nosferatu murnau

Ein Herz kann man nicht reparieren: Max Schreck als Graf Orlok. ()

Am 27. Januar 1922 reist Franz Kafka, lungenkrank und erholungsbedürftig, von Prag nach Spindelmühle im Riesengebirge. Für drei Wochen bezieht er ein Zimmer im Hotel Krone, das im Bezirk Friedrichstal am rechten Elbufer liegt. In den letzten Januartagen beginnt er unter dem Eindruck der weißen Gebirgslandschaft mit der Niederschrift einer Studie über die Szene einer abendlichen Einquartierung. Sie mündet in die Schilderung einer Situation, die zunächst seine eigene Anreise im winterlich verschneiten Spindelmühle reflektiert.

Bald entwickelt sich aus der kleinen Skizze ein Romanentwurf, den Kafka später als "Schlossgeschichte" bezeichnen wird; als er am 17. Februar 1922 nach Prag zurückkehrt, hat er zwei umfangreiche Kapitel des ins Weite wuchernden Erzählprojekts abgeschlossen. Nur wenige Wochen später, am 4. März 1922, erlebt in Berlin ein Film seine Premiere, dessen Entstehung eigentümlich mit Kafkas Romanvorhaben verbunden ist: "Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens" in der Regie von Friedrich Wilhelm Murnau.

Murnau plante seit 1920 eine Verfilmung des Dracula-Stoffs nach Bram Stokers Roman von 1897, für dessen Adaption sich auch amerikanische Firmen, an der Spitze die Universal Studios, interessierten. Da die Witwe Stokers eine Kinobearbeitung untersagte, sahen sich Murnau und sein Drehbuchautor Henrik Galeen gezwungen, Umwege einzuschlagen. Wesentliches Ziel war es, eine allzu große Nähe zum Roman zu vermeiden, um möglichen Rechtsansprüchen der Witwe des Autors zu entgehen.

Das Resultat war in jeder Hinsicht bemerkenswert; zwar bewegte sich das Drehbuch auf der Ebene des Sujets in den Bahnen des Stokerschen Textes, jedoch entwickelte es eine Vielzahl neuer Motivlinien. Galeen lieferte eine Mythenmixtur eigenen Charakters, eine Verarbeitung des Draculastoffs, die mit Anleihen aus der europäischen Sagenwelt, aus Literatur, Bildkunst und Oper versetzt wurde.

Zu seinem künstlerischen Konzept gehörte auch die für das damalige Kino ungewöhnliche Vielfalt der Naturbilder, die Murnaus Kameramann Fritz Arno Wagner an Originalschauplätzen einfing. Die Außenaufnahmen entstanden mit erheblichem logistischem Aufwand im Juli und August 1921 in Lübeck, Wismar, am Lister Strand von Sylt und in der westlichen Tatra. Murnaus Notizen halten im Skript die Arbeitsorte fest und erlauben eine exakte Rekonstruktion der Route, die das Team zurücklegte. Verfolgt man die Reisestationen bis zu ihrem letzten Punkt, so macht man eine überraschende Entdeckung, die zu Kafka führt.

In der ersten Augusthälfte 1921 fährt Murnaus Stab über Prag in die Westliche Tatra, um die transsylvanischen Sequenzen des "Nosferatu" aufzunehmen. Ziel ist das Städtchen Dolný Kubín, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft die Burg Oravský liegt. Dort möchte Murnau die Szenen drehen, die im Schloss des Grafen Orlok, des von Max Schreck verkörperten Vampirs, spielen. Nur 90 Kilometer von Oravský hrad entfernt befindet sich das Lungensanatorium von Matliary; hier hält sich zu eben der Zeit, da Murnaus Team in der Burg arbeitet, Kafka auf. Im Spätwinter 1922, kurz bevor Murnaus Film in die Kinos kommt, beginnt er seinen letzten Roman zu schreiben, der wie "Nosferatu" von einem befremdlichen, ja unheimlichen Schloss handelt. Die Übereinstimmung der Schauplätze ist vermutlich alles andere als zufällig.

Am 8. August 1921, wenige Tage bevor Murnau in Dolný Kubín eintrifft, unternimmt Kafka gemeinsam mit einer Reihe von Mitpatienten einen längeren Ausflug in der Tatra. Die erste Station ist der Höhenkurort Szentivány Csorbató, der am Tschirmer See (heute Strbské Pleso) liegt. Dort schreibt Kafka eine Ansichtspostkarte an seine Schwester Ottla in Prag, auf der auch zwei seiner Reisebegleiterinnen - die Patientinnen Annie Nittmann und Elena Roth - mit ihrem Namen unterzeichnen. Es ist durchaus denkbar, dass die Gruppe anschließend die Burg Oravský hrad besucht hat, die zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der westlichen Tatra gehörte und mit ihrem 1868 gegründeten Museum ein besonders prominentes Ausflugsziel darstellte.

"Gnädig von Epheu verdeckt"

Von ?trbské Pleso zur Gemeinde Oravský Podzámok beträgt die Entfernung nur 92 Kilometer. In Strbské Pleso existierte damals eine Zahnradbahn, die zum Bahnhof Strba fuhr; von dort ging ein Zug bis Kral'ovany, das durch Droschkenverkehr mit dem Städtchen Árvaváralja am Fuß der Burg verbunden war. Insgesamt hätte der einfache Weg vom Sanatorium über Strbské Pleso bis zur Anlage von Oravský hrad nicht mehr als drei Stunden gekostet. Es blieb also genügend Zeit für eine Besichtigung der Burg und die Rückreise mit der Bahn.

Blickt man in Kafkas Roman, dann erkennt man verblüffende Ähnlichkeiten zwischen dem dort beschriebenen Schloss und der Burg Oravský. Vom Schloss erfährt man, dass es auf einem Berg steht und aus mehreren Einzelbauten gebildet wird, in deren Mitte die "Mauerzinnen" eines Turms in den Himmel ragen: "Es war weder eine alte Ritterburg, noch ein neuer Prunkbau, sondern eine ausgedehnte Anlage, die aus wenigen zweistöckigen, aber aus vielen eng aneinanderstehenden niedrigern Bauten bestand; hätte man nicht gewusst dass es ein Schloss ist, hätte man es für ein Städtchen halten können. (... ) Der Turm hier oben (... ) war ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Epheu verdeckt, mit kleinen Fenstern, die jetzt in der Sonne aufstrahlten (... ) und einem söllerartigen Abschluss, dessen Mauerzinnen unsicher, unregelmäßig, brüchig wie von ängstlicher oder nachlässiger Kinderhand gezeichnet sich in den blauen Himmel zackten."

Auch die Burg an der Arwa besitzt eine ausgedehnte Anlage, ein kleines vorgelagertes Ensemble zweistöckiger Häuser und zackige Umrisse eines Gesteinsmassivs vor dem Horizont. Ins Auge sticht nicht zuletzt der "söllerartige Abschluss": das ist eben jener Burgteil, in dem Murnau filmte, wie Thomas Hutter nach der ersten Nacht im Anwesen des Grafen Orlok einen Brief an seine Ehefrau Ellen schreibt. Nicht nur die äußere Ansicht weist Parallelen auf; hinzu tritt ein weiteres Indiz, das für die Konstruktion des Romans folgenreich war.

Der Name des unterhalb des Schlosses gelegenen Gemeindeortes Podzámok lautet auf Deutsch: "Unterschloss". Der Begriff erinnert daran, dass auch Kafkas Dorf im Grunde die "untere" Seite des Schlosses bildet. ",Dieses Dorf'", so muss K. hören, ",ist Besitz des Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet gewissermaßen im Schloss.'"

Die Differenz zwischen den beiden Sphären lässt sich vernachlässigen, weil das Dorf im Roman gleichsam nur das "Unterschloss" darstellt - eine an Oravský Podzámok gemahnende topographische Konstellation, die K. im Roman auf für ihn folgenreiche Weise verkennt, insofern er das Schloss als fernes Ziel definiert, das er erreichen muss, obgleich er sich doch schon in ihm befindet.

Die Spurensuche, die von Murnaus Dreharbeiten in der westlichen Tatra ausging, zeigt also die symbolische Funktion eines Ortes, der Kino und Literatur gleichermaßen stimuliert haben dürfte. Murnaus "Nosferatu" konnte Kafka allerdings erst sehen, nachdem er im August 1922 sein letztes Romanprojekt abgebrochen hatte. Ein knappes Jahr nach der Berliner Uraufführung erlebte der Film am 27. Januar 1923 in einem Saal des Prager Louvre-Cafés seine tschechische Premiere. Kafka, der zumal vor dem Krieg ein leidenschaftlicher Kinogänger war, berichtet in seinem Tagebuch nirgends von einem Besuch des Films. In den Erzählfragmenten, die Ende des Jahres 1923 in Berlin entstehen, treten jedoch gehäuft gespensterartige Wesen und andere Nachtgestalten auf, die sich ihren Opfern in der Dunkelheit nähern.

So heißt es in einem Entwurf, der vermutlich vom Dezember 1923 stammt: "Der Träume Herr, der große Isachar, saß vor dem Spiegel, den Rücken eng an dessen Fläche, den Kopf weit zurückgebeugt und tief in den Spiegel versenkt. Da kam Hermana, der Herr der Dämmerung, und tauchte in Isachars Brust, bis er ganz in ihr verschwand". Die Korrespondenz zwischen literarischer Szene und Film wird durch das Spiel der Körper erzeugt: Zurückbeugen und Sich-Versenken erinnern an den Angriff des Vampirs, der förmlich in den Leib seines Opfers eindringt.

So war es wohl nicht nur der Drehort, sondern auch der Film selbst, der Kafkas literarische Phantasie antrieb. Der Roman aber blieb unvollendet in der Schreibtischlade seines Verfassers liegen. Er erschien 1927, drei Jahre nach Kafkas Tod, in einer von Brod redigierten Ausgabe - obgleich der Autor bekanntlich in einem Testament die Vernichtung seiner nachgelassenen Texte verfügt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war "Nosferatu" beim zeitgenössischen Kinopublikum schon fast vergessen. 1924 hatte die Witwe Stokers vor einem Berliner Gericht die komplette Zerstörung aller Negative und Positive des Films erwirkt.

Eine Klage auf finanzielle Gewinnbeteiligung schien ihr angesichts des ökonomischen Misserfolgs des "Nosferatu", dessen hohe Produktionskosten nie eingespielt werden konnten, offenbar unattraktiv. Überlebt haben Murnaus Film und Kafkas Roman gleichermaßen; der topographische Fluchtpunkt in der westlichen Tatra, den sie miteinander teilen, ist aber bis heute unentdeckt geblieben.

Peter-André Alt lehrt Neuere deutsche Literatur an der FU Berlin. Im Februar 2009 wird im Verlag C.H.Beck sein Buch "Kafka und der Film" erscheinen.

(SZ vom 27.11.2008)

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Leserkommentare (3)



28.11.2008 10:51:44

eremit177: Analogien und Spekulationen

Ja, das ist Literaturwissenschaft.

Mag sein, dass heute der Begriff "Wissenschaft" in den Köpfen vieler Menschen die Erwartung erzeugt, man müsse irgendetwas quantitativ oder experimentell beweisen. Natürlich ist die Argumentation spekulativ, aber was hier aufgezeigt wird sind Analogien. Ich finde diese Theorie auch nicht besonders faszinierend. Aber einen Roman in den biopgraphischen Kontext des Autors zu stellen, ist eine absolut legitime Methodik in den Literaturwissenschaften. Nur so bekommt man einen Zugang zu einem literarischen Werk.

Unter "wissenschaftlich" scheinen allerdings manche Menschen eher zu verstehen, dass man den Autor einer Kernspintomographie unterzieht, um die Hirnströme zu messen, die bei der Entstehung eines Werkes in seinem Kopf entstehen. Nur leider erklärt das im Hinblick auf den literarischen Wert überhaupt nichts.

Der Autor des ersten Kommentars bezeugt hier sehr anschaulich, wie wenig Sachverstand er in dieser Hinsicht besitzt und leider sind es tatsächlich häufig solche Leute, die über die Verteilung von Geldern in den Wissenschaften entscheiden.


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