In völlig neuartigen Videos bewegt sich der Zuschauer mitten in Manhattans Verkehr und schaukelt im Schlauchboot neben einem Wal - die Clip-Kritik.
Schritt Nummer eins bei der Vorstellung einer neuen Technologie, die auf Anhieb verblüfft: die Begeisterung zügeln. Es wäre also übertrieben, das kürzlich als quicklebendig gefeierte Filmportal YouTube als veraltet darzustellen, nur weil das Medium Internetvideo in kürzester Zeit selbstverständlich geworden ist, und nun bereits die nächste Video-Generation auf sich aufmerksam macht: immersive videos, das heißt "eindringende Clips", die dem Zuschauer die Illusion vermitteln, sich inmitten der Szenerie zu befinden und über eine 360-Grad-Panoramasicht zu verfügen.
Dennoch dürften diese sphärischen Videos, bei denen man mit gedrückter Maustaste den Cursor im Bild nach links und rechts um die eigene Achse schwenkt, für die meisten Betrachter eine neue, für manche gar eine schwindelerregende Erfahrung sein. Die gegenwärtige Form der Netzvideos mit ihrer festgelegten Perspektive erscheint da nur als Etappe auf einem Weg in eine virtuelle Zukunft, die sich mit weniger als "Star Trek"-artigen Holodecks, perfekten dreidimensionalen Simulationsräumen, nicht zufriedengibt.
Der Clip, der eine Autofahrt über New Yorks 42. Straße zeigt, ist ein Wimmelbild des 21. Jahrhunderts. Bei jedem Anschauen entdeckt man Neues in dieser Szene, die man aus etlichen Kinofilmen zu kennen glaubt. Nun aber können wir in das Bild eintauchen, den gelben Taxis hinterherschauen, die Handlung an jeder Stelle mit der Pausentaste anhalten, um das Panorama in der "Matrix"-Einstellung um uns kreisen zu lassen und en détail zu erforschen - wer geht denn da ins Fast-Food-Restaurant; wer guckt sich das "Mary Poppins"-Musical auf dem Broadway an? Es gibt unendlich viele Varianten, den Film zu sehen: Der Betrachter wird zum Regisseur, der sich live durch die Bildwelten bewegt.
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Totale Ich-Perspektive: Die Elf-Objektiv-Kamera Dodeca 2360 im Einsatz. Gesehen bei www.popularmechanics.com. Screenshot: sueddeutsche.de
70 Sekunden New Yorker Straßenleben entfalten in der Panoramaperspektive eine Komplexität, die zeigt, wie wenig man alltäglich beim Gang durch die Welt wahrnimmt - aus Selbstschutz: Würden wir in alle Richtungen so klar und deutlich sehen wie in diesem Film, könnten wir die Eindrücke nicht verarbeiten - Scheuklappen, danke, nehme ich gerne. Die Welt besteht einfach aus zu vielen Einzelteilen, sie als Ganzes darzustellen überfordert den Geist und fordert ihn zugleich heraus.
Deshalb waren Panoramen (aus dem Griechischen: "alles sehen") bereits im 19. Jahrhundert als Rundbilder populär. Sie vermittelten dem Betrachter die maximale mediale Erfahrung, entführten ihn also in den damaligen Cyberspace. Eines der größten Panoramagemälde befindet sich im thüringischen Bad Frankenhausen, wo Werner Tübkes (1929-2004) 123 Meter langes und 14 Meter hohes Bild "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" (Bauernkriegspanorama) in einem zylinderförmigen Betonbau gezeigt wird. Unbemalt soll die Leinwand 1,1 Tonnen gewogen haben.
Auch die Panoramaclips kommen nicht ohne logistischen Aufwand aus: So simpel die abgebildeten Szenen sind, so kompliziert ist das Verfahren, um diese Filme zu erzeugen: Die Aufnahmen einer Spezialkamera mit elf Objektiven werden zu einem Bewegtbild verrechnet, die Ausrüstung kostet mehr als 60.000 Euro.
Beim Wal-Video benötigt der Zuschauer einige Abläufe - als probte er eine Szene aus "Free Willy" mit Wal und Schauspielern -, bis das Geschehen optimal eingefangen ist: Ein Schlauchboot fährt durch einen Fjord, die Besatzung trägt warme Jacken, ein Mann wischt Wasser vom Objektiv der Kamera, da gibt es eine Meereseruption und eine Fontäne spritzt Richtung Boot. Ein Wal hat sich aus dem Wasser gewuchtet und mit der Schwanzflosse gegrüßt. "Is the camera okay?", fragt einer der Männer. Das ist das Wichtigste, denn ihre Expedition besteht darin, diese Bilder mitzubringen.
Dass ein Film "abläuft", dass in ihn nicht mehr eingegriffen werden kann, ist eine feste kulturelle Übereinkunft. Nun wird sie auf eine erschütternde Probe gestellt: Wie in Ego-Shooter-Computerspielen kann ich Bilder neben den Bildern sehen, doch sind sie hier unzweifelhaft real. Ich kann mich im Kreis, in manchen Videos sogar schon um alle Achsen drehen und erblicke doch nie den technischen Apparat oder ein Filmteam, weil ich ja selbst die Kamera, oder besser: die elf Kameras bin. Selbstverständlich handelt es sich bei diesem überzeugenden Transfer in eine künstliche Welt um eine Fiktion, aber um eine sehr wirkungsvolle.
So ist ein immersive video für den, der die Szene von New Yorks 42. Straße mit Fernweh betrachtet, eine Herausforderung, denn die Bilder wirken greifbar und sind doch ganz fern. Verzweifelt schrubbt man mit der Maus auf der Oberfläche herum, will in die dargestellte Welt eindringen und angesichts ihres Realismus immer weniger glauben, dass dies nicht möglich ist. Doch wie zur Strafe für seine Unvernunft lassen die Bilder den Betrachter umso härter spüren, dass sie nicht zugänglich sind, dass sie eine andere, jenseitige Welt darstellen, wie die Eisschicht auf einem See umso durchsichtiger scheint, je makelloser und kälter sie ist.
(sueddeutsche.de/ihe)
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