West-Berlins Beitrag zur Weltkultur: Warum uns die Love Parade einst so entzückte, und wir bald nur noch die Abfallberge sahen.
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Nicht 1968, sondern 28 Hertz; Love-Parade-Teilnehmer im Jahre 2006. Foto: rtr
Anfangs hat kein Tageszeitungsmann die Feiernden begleitet, wenn sie in den ersten Tagen des Juli auf die Straße gingen für ein bisschen Party und Liebe überhaupt. Das mochte 1989 noch in Ordnung sein. Demonstrationen waren nichts Ungewöhnliches, und unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" hatten sich zunächst nur 150 Raver versammelt. Ein Jahr darauf sollen es schon 2000 gewesen sein. Aber auch diesmal schwieg die Hauptstadtpresse darüber weitgehend, selbst die taz.
Die Zeiten waren turbulent, seit knapp einer Woche zahlten auch die Ostdeutschen in D-Mark. Gegen die Bilder der Währungsunion wirkten die Schnappschüsse vom Techno-Aufzug kreischend uninteressant, so wie Fotos vom Schulausflug. 1991 hatte die taz dann begriffen, was hier geschah, und kündigte den Umzug samt Begleitveranstaltungen an. Acht Wagen - "Freudenmobile" - würden den Kurfürstendamm entlang ziehen, vom Wittenberg- zum Adenauerplatz, und der "Welt da draußen" mal zeigen, "wie es da drinnen aussieht, aus den Kellern der Liebe ans Licht der Welt".
Da das Blatt auf sich hielt, wurde auch ein theoretisch munitionierter Scherz in der Ankündigung untergebracht. Liebe könne sehr anstrengend sein, "besonders wenn man es 36 Stunden lang mit ein paar Tausend treiben" solle. Am Morgen des letzten Tages heiße es also "getreu dem Baudrillard-Witz": "Und was machen wir zwei nach der Orgie?"
Von nun an fehlte es der Love Parade nicht mehr an Aufmerksamkeit und an Häme, die sie in erstaunlich hohem Maße auf sich zog. Dabei waren die wenigsten Bemerkungen so intelligent wie der taz-Verweis auf Baudrillard. Man hat die Freunde und Teilnehmer der Love Parade gern mit zwei anderen großen Jugendbewegungen des 20. Jahrhunderts verglichen, mit den Nazis und den Achtundsechzigern, und dabei immer feststellen müssen, dass die Schablonen nicht passen wollen. Rasch wurde aus den Ravern eine Massenbewegung, aber doch nie eine, die im enthemmten Stadium aggressionsbereit schien, anfällig für Demagogen und demokratiegefährdend. Selbst als man ihnen den - aus finanziellen Gründen wichtigen - Versammlungsstatus bestritt und dann aberkannte, agierte die neue Jugendbewegung bloß lau und unentschlossen wie gehabt. Nicht einmal, wenn es um die eigenen Interessen ging, besann sich diese Bewegung auf ihre Kraft als Masse.
Das Rebellische fehlte überhaupt. Und mit ihm all die Derivate, an die Soziologen und Popkritiker sich gewöhnt hatten: das Subversive, das Kritische, das Diskursive. Mit mehr oder weniger vorwurfsvollem Unterton sprach man davon, dass hier ein dynamische Generation ihre Konsumfreude vorführe - und sonst gar nichts. Ideologie stützte nicht, kein Gefühl suchte nach Ausdruck im öffentlichen Raum.
Im Mai 1994 erbarmte sich Jürgen Laarmann, Herausgeber der Zeitschrift Frontpage, und warf den Deutungshungrigen einen Knochen hin , an dem sie lange nagen konnten: "Raving Society". Es gehe um "Spaß sofort und ohne Umweg". "Die ravende Gesellschaft mit lauter glücklichen Leuten, die mit ihrer Identität und Funktion zufrieden sind, genügend Spaß, gute Laune, Sex, gesundes Urteilsvermögen, hohes Selbstbewusstsein etc. haben, ist unser Ideal, dem wir näher kommen." Hat er das wirklich geglaubt?
1995 war der Zuspruch für die Love Parade so groß, dass am Kurfürstendamm nichts mehr ging, dass auch die Seitenstraßen hoffnungslos verstopft waren. Man musste neue Strecken finden, wich auf die Straße des 17. Juni aus. Seitdem ging es um die Professionalisierung des Angebots.
Seit dem Herbst 2001 neigt die Öffentlichkeit dazu, die Neunziger zu verklären, als seien sie das Schäferspiel des 20. Jahrhunderts gewesen: nicht mehr ins Korsett des Kalten Krieges gezwungen und noch nicht vom islamistischen Terror oder George W. Bush heimgesucht. Sieht man es so, dann erscheint die Love Parade als typischer Ausdruck ihrer Zeit, der hohen Zeit der Spaßgesellschaft; dann liegt es nahe, den Anfang vor zwanzig Jahren als Vorwegnahme der Vereinigung und der folgenden Freudenfeste zu verstehen.
Alles wurde Gegenwart
Aber das wäre wohl ein großer Irrtum. Der Siegeszug der Parade begann nicht zufällig auf dem Kurfürstendamm, also dort, wo der alte Westen am westlichsten war. Und weit davon entfernt, irgend etwas vorwegzunehmen, richtete sich die Technokultur grundsätzlich gegen Vorwegnahmen. Aber auch dieser Ausdruck ist schief, unterstellt er doch eine Richtung, während es um die Zeitlosigkeit des Rausches, das Glücksgefühl der Wiederholung, des In-Sich-Seins, der Konzentration auf den Augenblick und den Körper ging.
Ringsum - Juli 1989 - verhielten sich die Menschen bis zur Absurdität widersprüchlich, aber immer mit Blick in Richtung Zukunft. Sie glaubten am Vormittag, dass demnächst das Ende aller Tage kommen werde durch Atomkrieg, Waldsterben oder sonst ein Unglück. Und am Nachmittag schlossen sie einen Bausparvertrag oder eine Lebensversicherung ab, als könnte man über die nächsten dreißig, vierzig Jahre disponieren.
Mit diesem Agieren auf dem Zeitpfeil war beim Rave Schluss. Alles wurde Gegenwart, Augenblick ohne Vergangenheit und Zukunft und endlos, ohne Ausdehnung, ewige Schleife. Das passt zur Atmosphäre der Teilstadt West-Berlin, zur Stille im Auge des Orkans. Die Kultur der Love Parade verbindet technologische Avanciertheit mit Desinteresse an Fortschritt, die Freude an der Masse mit Gleichgültigkeit gegenüber deren möglicher Macht.
Erholung für ein Wochenende
Es geht um die kunstfertige Herstellung einer urbanen Idylle, eine Kulturtechnik, zu deren Erprobung das alte West-Berlin die besten Voraussetzungen bot. So wie es andererseits all das, was nicht mehr sein und nicht mehr wichtig sein sollte, was von dieser Jugend abgelehnt wurde, reichlich bot: Politisierung, Dauerdiskurse, Geschichtsphilosophie in ihrem Ineinander von Apokalypse und Sparbuch. Nun galt: keine Kritik, sondern Auftritt, keine Erzählung, sondern Magic Bassline, nicht 1968, sondern 28 Hertz.
Man muss schon sehr viel Naivität besitzen, um darin ein Ideal oder Vorschein einer möglichen Zukunft zu sehen. Dennoch besitzt die Parade etwas Utopisches. Sie lässt sich als Bild einer gewaltfreien Gesellschaft verstehen. Zwang wird allein gegen den eigenen Körper ausgeübt, dessen physische Grenzen überwunden werden sollen. Die Parade zeigt, gerade als angemeldete politische Demonstration, eine Gesellschaft auf Urlaub: Leistungsfähig, die eigenen Fertigkeiten sogar trainierend, aber nur für den Spaß des Augenblicks nutzend.
Als Urlaubs-Phänomen ist dieses Produkt des alten West-Berlin populär geworden. Urlaub von den Zumutungen der Geschichte und rasanten Veränderungen konnten gerade die Deutschen in den Neunzigern gut gebrauchen: Krieg im Nahen Osten und auf dem Balkan, Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft, gewaltige Staatsverschuldung, Stasi-Debatten. Es war eine Gesellschaft unter extremem Druck und Stress, der die Love Parade Erholung für ein Wochenende bot.
Das weitere Schicksal des so erfolgreichen und auch erfolgreich exportierten West-Berliner Kulturguts wurde notwendig von den Schwierigkeiten bestimmt, die Massentourismus nun einmal mit sich bringt. Da waren die Abfallberge und Probleme der Müllbeseitigung. In diesem Jahr wollte man nach Bochum, doch da reicht die Kapazität des Bahnhofs nicht aus.
(SZ vom 2.7.2009/korc)














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