Als Gymnasiast plante Patrick Süskind einen Bestseller, dann schrieb er "Das Parfum", einen Millionenerfolg. Seitdem inszeniert er sich als Meister der Einsamkeit.
Die Schauspieler Jessica Schwarz, Rachel Hurd-Wood, Ben Whishaw und Karoline Herfurth (von links) bei der Filmpremiere in München Foto: ddp
Zu den schönsten Anekdoten aus dem Leben des diskreten Herrn Süskind zählt die folgende: Es war Anfang der sechziger Jahre, nahe am Starnberger See, als zwei Gymnasiasten ihre Zukunft in den Blick nahmen. Der eine der beiden verblüffte mit einem abenteuerlichen Plan.
Er, Patrick, wolle später einmal ein Buch schreiben und dann ein Leben lang davon leben. So ist es gekommen. Die Geschichte des Serienmörders Jean-Baptiste Grenouille brachte ihrem Erfinder vermutlich rund 20 Millionen Euro ein. Kein Buch eines deutschen Autors fand weltweit mehr Käufer.
Früh schon kultivierte Patrick Süskind die Aura des weltentrückten Sonderlings. Gerade vier Interviews und ebenso viele Fotos sind überliefert, und sie alle stammen aus den achtziger Jahren. Gewiss hat die Verrätselungsstrategie dazu beigetragen, das Interesse an seinem schmalen Œuvre wachzuhalten.
Andererseits liefert der seit 1991 als Erzähler verstummte Autor selbst zahlreiche Hinweise, weshalb sein Schreiben rasch im Schweigen endete und weshalb er zuvor einen Kosmos schuf aus Figuren, die allesamt Helden der Einsamkeit sind, Meister des Schweigens. Das verbindende Element zwischen der Medienpersönlichkeit Süskind und deren Erfindungen ist ein universales Grundgefühl: die Angst. Die Welt wird vom Standpunkt der Angst aus betrachtet.
Drei Stunden vor der Münchner Filmpremiere hatten sich die Fotografen bereits die besten Plätze gesichert - doch auch dieses Mal zeigte sich Patrick Süskind nicht in der Öffentlichkeit. Foto: dpa
Damit war nicht zu rechnen, als der jüngste Spross des SZ-Journalisten, Sprachkritikers und Übersetzers Wilhelm Emanuel Süskind am 26. März 1949 in Seeheim am Starnberger See geboren wurde - und das heißt: hineingeboren wurde in eine großbürgerliche, schöngeistige, etwas steife Welt aus Literatur und Bildungsstolz. Der Vater, enger Jugendfreund von Klaus Mann, berichtete in seinen Feuilletonglossen regelmäßig vom kleinen Patrick.
Die Geburt erfolgte demnach "auf einem Halbjahresband der Wirtschaftszeitung". Der Zehnjährige, der vom Vater erfuhr, dass es auf der Erde mehr Tiere als Menschen gibt, äußert später die Befürchtung, "die Tiere müssten auf die Dauer der Menschen Herr werden. Der Gedanke schien ihn ernstlich zu beunruhigen." Der Elfjährige macht kurzzeitig Kummer in der Schule. Wegen "schlechter Noten und mangelhafter Aufmerksamkeit" wird der Vater einbestellt.
Die autobiografische "Geschichte von Herrn Sommer" hingegen, als bislang letzte belletristische Arbeit Patrick Süskinds 1991 erschienen, zeichnet ein anderes Bild. Die etwa siebenjährige Hauptfigur will sich von einer Rotfichte hinabstürzen. Ein Ende soll es haben mit der ganzen ungerechten Welt. Zuvor hatte ihn in einer missglückten Klavierstunde der "Angstschweiß" überfallen.
Vielleicht hätte der Knabe seine Absicht in die Tat umgesetzt, wäre da nicht zu ebener Erde plötzlich ein Zuschauer erschienen, eben Herr Sommer. Auf ihn blickte der Junge, und er dachte zurück an seine letzte Begegnung mit Maximilian Ernst Ägidius Sommer und an den Eindruck, der sich ihm seither eingebrannt hat: "So sieht einer aus, der Angst hat."
Kein deutsches Buch hat sich weltweit besser verkauft: Patrick Süskinds "Das Parfüm" Foto: dpa
Natürlich wissen wir nicht, ob der siebenjährige Patrick nach einer Klavierstunde tatsächlich sterben wollte, und ob der Zwölfjährige tatsächlich Zeuge wurde des Selbstmords von Herrn Sommer. Wir wissen aber, dass der stumme Herr, womöglich ein Kriegsflüchtling, zu Tode kam und dass der Junge sich zuweilen ähnlich fremd unter den Menschen fühlte. Die Angst verbindet Herrn Sommer mit dem Autor und mit dessen meisten Figuren.
Patrick Süskinds Charaktere nehmen fast alle Reißaus, sie meiden die Menschen. Sie haben Angst vor Enttäuschung, Angst vor Unordnung, Angst vor dem Untergang in der Masse, Angst vor Kontrollverlust. Um "seine Ängste zu bannen", bekennt Süskind, zog er sich während der Dreharbeiten zu "Rossini" in eine italienische Klause zurück.
Die Ängste, denen der Schriftsteller dort zu entgehen hoffte, lassen sich deuten als die Ängste des spätmodernen Menschen, die Ängste des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Vielleicht ist es ja diese vermittelte Zeitzeugenschaft, die Süskinds postmodernen Fabeln dauerhaft ein derart großes Publikum zuträgt.
Wie aber reagiert man ganz grundsätzlich auf ein solches Übermaß an Angst? Man kann schöpferisch werden und die Angst zwischen Buchdeckel pressen, oder man kann, ganz lebenspraktisch, Situationen meiden, die Unbekanntes und also Unordnung verheißen. Man wird Künstler oder misstrauischer, ursprungstreuer Einzelkämpfer, richtet sich ein im Freundschaftsnetz der Jugend. Patrick Süskind hat beide Optionen gewählt - und seine Figuren mit beiden Verhaltensweisen ausgestattet.
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Das Leben der Anderen
Der Louvre des Lachens

