Die Flucht vor den Nazis prägte die Bestseller-Autorin Judith Kerr ("Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"). Mit uns sprach die Exilantin über familiäre Zusammengehörigkeit und die Bereitschaft für das Glück.
Barnes heißt der gediegene Londoner Stadtteil, in dem Judith Kerr ihre englische Heimat gefunden hat. Dort steht das behäbige Haus, das ihr Familiensitz und ihre Schreibwerkstatt wurde. Und dort kann sie nun auf 85 Lebensjahre zurückschauen, die man ihr nicht glaubt. Im hellen Wohnzimmer spricht die zarte Person mit dem grauen Lockenkopf über ihre Exilerfahrungen, ihren Mann, die Kinder und die Motive ihrer Bücher. Und kann dabei durchaus auch energisch werden, wenn ihr etwas Besonders am Herzen liegt.
SZ: Liebe Frau Kerr, sollen wir uns auf Deutsch oder auf Englisch unterhalten?
Kerr: Ich möchte gerne deutsch sprechen, und wenn mir mal ein Wort fehlt, dann helfen Sie mir bitte. Ich lebe seit 72 Jahren in England, aber mein Deutsch ist noch ganz passabel.
SZ: Wenn man bedenkt, wie lange es her ist, dass Sie aus Deutschland weg mussten: das war 1933. Es gibt mittlerweile einige Erinnerungs- und Jahrestage für Sie.
Kerr: Oh ja, da fällt mir gleich der Tiger ein, der Tiger wird dieses Jahr 40. Das will mein englischer Verlag ganz groß feiern.
SZ:"The Tiger who came to Tea" ist der Star eines Ihrer frühen Kinderbücher. Und wenn Sie an Politik denken?
Kerr: Vor 75 Jahren, im Januar 1933, wurde Hitler Reichskanzler, zwei Monate später fanden die Wahlen zum Reichstag statt. Die waren für meinen Vater Alfred Kerr das entscheidende Datum. Er wollte ja seine Familie vorher in Sicherheit bringen und nicht das Risiko eingehen, als Jude unter einer Naziherrschaft verfolgt zu werden. Er war auch gewarnt worden, und so reiste er heimlich nach Prag. Wir - meine Mutter, mein Bruder Michael und ich - stiegen am 4. März in den Zug nach Zürich. Da wartete mein Vater auf uns.
SZ: Ihr Vater, der berühmte Kritiker, Literat und Journalist, legte sich immer wieder mit den Nazis an und gefährdete sich und die Familie.
Kerr: Als wir weg mussten aus Berlin - damals war ich fast zehn Jahre alt - dachte ich allerdings nicht, dass diese Reise länger dauern würde; nach einem halben Jahr, da war ich mir ganz sicher, würden wir wieder zurück sein.
SZ: Nun erleben Sie Ihren 85. Geburtstag in London - nicht in Berlin. Werden Sie am 14. Juni groß feiern?
Kerr: Nein, mein Mann und ich haben runde Daten nie so wichtig genommen.
SZ: Ihr Mann hat Sie seinerzeit bestärkt, Ihre Kindheitserinnerungen aufzuschreiben.
Kerr: Mein Verlag meinte gleich, das sei eine gute Idee: "Über diese Zeit haben wir nichts." Er hat also sofort Ja gesagt. Doch das Schreiben über die Jahre im Exil ist mir sehr schwer gefallen. Man muss sich erinnern, und je mehr man sich erinnert, desto mehr Erinnerungen überkommen einen. Ich wollte das Schreiben schon aufgeben. Für drei Kapitel hatte ich Monate gebraucht. Bis Nigel sagte: "Lass mich das lesen!" Danach meinte er: "Das ist gut, das musst du fertig machen." So entstand das Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", dann folgten die anderen Bände "Warten bis der Frieden kommt" und "Eine Art Familientreffen".
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Judith Kerr zu schreiben begann.
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