Interview: Kristin Rübesamen

Nigel Kennedys Grenzüberschreitungen machen ihn zu einem der meistgehörten Klassikmusiker überhaupt. Im Gespräch erklärt er, was Rebellen in Wahrheit antreibt.

Eine millionenschwere Bruch-bude in London, Hampstead: Zwischen Gartenhandschuhen, Fahrrädern, Tennisschlägern, Geschenkpapier, alten Computern und einer mit Pflaster beklebten Geige läuft Nigel Kennedy im Kapuzenpulli herum und kocht bitteren Beuteltee. "Verdammt scheußlich, oder?“ Er nickt zufrieden und verspricht: "Sie werden kein Auge zutun heute Nacht.“ Neben dem Teekocher liegt eine Haarschneidemaschine. Ein Mann also, der alles am liebsten selbst macht. Kein Wunder, dass er geradezu vibriert vor guter Laune.

SZ: Ich war mir so sicher, Sie haben einen Friseur, der erst durch Sie seine Liebe zu Vivaldi entdeckt hat...

Kennedy: ...und natürlich Moslem ist. Nein, vergessen Sie’s. Ich habe diese verdammte Haarschneidemaschine aus Amerika. Viele Schwarze benutzen die auch. Dauert fünf Minuten, und ich muss mir keinen Mist vom Friseur anhören: "Oh, Herr Kennedy, schöner Tag heute, und haben Sie schon gehört...".

SZ: Der Haarschnitt war also Ihre Idee, nicht die der Plattenfirma?

Kennedy: Meine Idee.

Wem gehören die Fahrräder hier?

Kennedy: Mir, meiner Frau und meinem Sohn. Es ist gut, Fahrrad zu fahren. Gut, den Himmel zu sehen. Das Auto, das Sie in der Einfahrt gesehen haben, benutze ich nur, wenn ich meinen Sohn auf dem Land besuche. Es ist hirnrissig, in London Auto zu fahren. Gerade komme ich aus meinem Studio in Primrose Hill, man kann den verdammten Kanal entlangfahren.

SZ:Das zählt nicht, das macht ja Spaß. Ich hingegen radle hier jeden Tag durch die ganze Stadt. Dreiundzwanzig Minuten von Nordlondon bis Piccadilly!

Kennedy: Sie klingen wie diese Vegetarier, die ich immer traf, als ich noch einer war. Die fragten immer: "Und? Wie lange schon"? Ich sagte: "Fünf Jahre". Die sagten: "Oh, ich hingegen bin schon seit zehn Jahren Vegetarier." Das hat mich dann veranlasst hinzuschmeißen. Ich dachte, wenn ich so ein schlechter Vegetarier bin, dann eben her mit der verdammten Ente!

SZ: Sie fluchen fast in jedem Satz. Selbst auf der Bühne, vor Publikum, das gekommen ist, um Beethoven zu hören. Damit man nicht vergisst, dass Sie ein Rebell sind?

Kennedy: Müssen wir jetzt darüber reden?

SZ: Wie kam es denn so weit? Ihr Vater ist Cellist, ihre Mutter Klavierlehrerin. Kultivierte Menschen, die haben doch sicher nicht so begeistert geflucht?

Kennedy: Nur, wenn sie betrunken waren. Und in Momenten intensiver Gewaltanwendung. Jeder flucht doch zu jeder Zeit, an jeder Ecke. Ich kann nicht nachvollziehen, warum sich dann bei einem Konzert, bei dem es doch um Kommunikation geht, alle verstellen. Vielleicht fluchen die Deutschen nicht so viel. In England fluchen alle. Andauernd.

SZ: Wie haben Ihre Eltern Sie dazu gebracht, an Ihrem Instrument zu üben?

Kennedy: Mit Hundekeksen.

SZ: Im Ernst bitte!

Kennedy: Sie mussten das kaum tun, da ich ziemlich jung aufs Internat kam.

SZ: Sie waren sieben Jahre alt, als Sie das erste Stipendium, das die Yehudi Menuhin School vergab, erhielten. Konnten Sie sich freuen über die Auszeichnung?

Kennedy: Ich war kein großer Fan dieser Entscheidung. Es dauerte zwei bis drei Jahre, bis ich mich damit anfreunden konnte. Mann, ich vermisste meine Mutter vielleicht! Ich sah sie nur einmal alle drei Wochen. Dabei war die Schule nicht mal besonders schlimm. Wir mussten um sechs aufstehen, hatten Musik-Diktat für eine Stunde...

SZ: Wo Ihnen Musik vorgespielt wurde, und Sie mussten die Noten aufschreiben?

Kennedy: Genau. Das ist nicht so schwer, wie es klingt. Um acht gab es Frühstück, dann Unterricht bis eins, danach vierzig Minuten Pause, während der wir draußen herumrannten und Fußball spielten, dann noch mal Unterricht bis sechs. Dann war Schluss.

SZ: Das klingt trotzdem hart.

Kennedy: Es war in Ordnung. Einmal allerdings hatte ich mir zwei Finger gebrochen beim Fußballspielen und konnte nicht üben. Ich saß zwei Monate in einem Liegestuhl in der Sonne, las und hörte zu, wie die anderen Kinder diese phantastische Musik machten. Es war Sommer, und ich war neun Jahre alt, das werde ich nie mehr vergessen.

SZ: Sie waren der Lieblingsschüler Yehudi Menuhins, der jeden Morgen Yoga übte, um Bodenhaftung zu bewahren. Was hat davon abgefärbt auf Sie?

Kennedy: Nichts. Im Gegenteil. Er hatte einen indischen Guru besorgt, der auf unserer Tischtennisplatte auf und ab sprang bei seinem Bemühen, uns Yoga beizubringen. Mit dem Ergebnis, dass die Platte schließlich konkav war und das Netz durchhing, weil er ein ziemlich fetter Kerl war. Mein Reaktion auf Zwangsyogaunterricht war, dass ich, sobald der Mann auftauchte, mit einem Freund die Schule verließ und einfach losrannte. Nicht lang, vielleicht eine Meile. Rechtzeitig zum Ende der Klasse waren wir zurück, und es gab Frühstück. So habe ich mit dem Laufen angefangen. Seitdem muss ich regelmäßig raus.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was Kennedy von den Musiklegenden Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli lernte

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