»Wenn man Geschichten fürs Publikum macht und die mit Steuermitteln finanziert, ist der Wurm drin.«

SZaW: Was ist schlecht an Subventionen?

Lemke: Wenn man Geschichten fürs Publikum macht und die mit Steuermitteln finanziert, ist der Wurm drin. Jeder weiß es, keiner ändert es, weil es offenbar immer noch zu wenige Drehorte gibt, wo sich betrunkene Beleuchter, keifende Aufnahmeleiter und hysterische Schauspielerinnen neben dem Sixt-Budget-Lastwagen ihre dicken Beine in den Bauch stehen.


SZaW: Nun ja, die Leute müssen doch was verdienen, also nicht alle Filme . . .

Lemke: Na, ich weine gleich. Was hat das den Steuerzahler zu interessieren, dass der Regisseur für zwei geschiedene Frauen und sechs Kinder aufkommen muss, der Vollidiot . . . Nein, nein, meine Lieben!


SZaW: Die Filme sind Kompromiss-Bastarde?

Lemke: Natürlich. Wenn du dich ständig hübsch machen musst für die Fördergremien, hier antichambrieren, da rumschleimen, das Drehbuch achtmal umschreiben, um auch das neunte Gremium zu überzeugen: Danach bist du natürlich so mit den Nerven fertig, dass du im Ernst nicht auch noch einen guten Film drehen kannst. Es geht da immer um die größte aller Jungsfragen: Mann oder Maus?


SZaW: Dem deutschen Film fehlen Männer?

Lemke: Eine einzige Mäusekatastrophe.


SZaW: Was kostet ein Lemkefilm? Zum Beispiel so einer wie „3 Minuten Heroes“ oder „Träum weiter, Julia!“

Lemke: Ein Lemkefilm in Hamburg kostet unter 50000 Euro. Ein Lemkefilm im Ausland kostet unter 100000 Euro.


SZaW: Das strecken Sie vor – und verkaufen den Film später an einen Sender, wie jetzt zum Beispiel an den WDR?

Lemke: So ist es.


SZaW: Davon kann man leben?

Lemke: Ich mach noch ein paar Werbefilme, ja, insgesamt kann man dann prima leben.


SZaW: Ein großer Spielfilm ist unter vier Millionen Euro kein großer Spielfilm.

Lemke: Aber um das Geld zusammenzukratzen, muss man Sachen machen, die furchtbar sind. Will ich nicht. Ergo: keine Gremien, keine Schauspieler, keine Kosten.


SZaW: Was ist für Sie eine gute Geschichte?

Lemke: Ich gehe auf die Straße und schaue den Leuten die Geschichten aus den Augen ab. Ich habe dann eine Geschichte im Kopf, mehr ein Handlungsgerüst, da baue ich diese Leute dann ein.


SZaW: Woran merken Sie, dass jemand eine so interessante Geschichte mitbringt, dass Sie den in einen Film einbauen wollen?

Lemke: Wenn einer als Typ so stark ist, dass ich auf dessen Stärke eifersüchtig bin, baue ich den in eine Geschichte ein. Und wenn ich ein Mädchen sehe, die etwas drauf hat, das mir abgeht, dann will ich die haben. Wie gesagt: Ich sauge die aus. Und die mich natürlich auch.


SZaW: Das Lemke-Vampir-System.

Lemke: Und das Vodoo-Economic-System: Jeder bekommt 50 Euro am Tag, egal ob er die Kamera bedient oder ein Mädchen drei Sätze sagt oder ein Typ zwanzig.


SZaW: Wie erkennen Sie, das jemand eine gute Geschichte hat? Was für Fragen stellen Sie den Leuten?

Lemke: Keine Fragen! Bei den Jungs schaue ich mir die Freundin an. Wenn ich sehe, wie die ihn dirigiert, lerne ich mehr über den, als wenn er mir da erzählt, was für ein heißer Typ er ist. Und bei den Mädchen schaue ich in den Kleiderschrank.


SZaW: Wieso das?

Lemke: Ich frage nach ihrem Lieblingskleid. Und warum das ihr Lieblingskleid ist. Schon kommt die Geschichte. Das funktioniert immer, schon seit zig Jahren.


SZaW: Wozu brauchen wir Geschichten?

Lemke: Verführung halt. Man geht anders raus, als man reinkommt ins Kino. Dein Herzschlag ist wieder okay, wenn du dir einen Leone angesehen ist. Die Dinge sehen wieder besser aus. Oder?


SZaW: Ja, das stimmt. Aber auch das Leben?

Lemke: Nun, man denkt das immerhin. Ich brauche Bücher, ich brauche Filme. Ich krieg’ sonst die Frage nicht beantwortet, die ich mir – mit maliziösem Lächeln natürlich – täglich selbst stelle!


SZaW: Wie lautet diese Frage?

Lemke: Lemke, hast du den Fuß in der Tür oder bereits wieder den Kopf in der Schlinge?


SZaW: Und?

Lemke: Und jetzt machen wir mal Schluss.

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