Von Jens Bisky

Die Festanstellung hat als Lebensziel ausgedient. Handy und Notebook ermöglichen nicht nur räumliche Flexibilität. Jetzt beschreibt ein Buch die Freiberufler-Romantik der digitalen Bohème.

Das ist bekanntlich der Lauf der Welt: An die Stelle des Handfesten tritt das Ungreifbare. Am Rosenthaler Platz etwa, in der Mitte Berlins, unterhielt die Firma Aschinger einst ein Lokal, das zu unschlagbar niedrigen Preisen Erbsensuppe, Brot und Bier anbot. Alfred Döblin verkehrte hier in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Roman "Berlin Alexanderplatz" machte die Gegend berühmt.

In den frühen neunziger Jahren bekam man an diesem Ort nahrhafte Burger gereicht. Inzwischen residiert dort auf zwei Etagen das Café St. Oberholz, in dem sich Tag für Tag Menschen treffen, um per W-Lan mit ihrem Laptop im Netz zu sein. Es handelt sich, wenn wir Sascha Lobo und Holm Friebe glauben wollen, um einen typischen Ort der "digitalen Bohème", über die ihr Buch "Wir nennen es Arbeit" ausführlich berichtet.

Treue zum eigenen Spleen

Um den Bohemien ist es lange sehr still gewesen. Er schien mit seinem natürlichen Lebensumfeld versunken, den schummrigen Lokalen, kleinen Theatern und verrauchten Cafés. Seit nun - gut gemeint und schlecht gedacht - der "neue Bürger" zum historischen Subjekt der Vaterlandsrettung ausgerufen wurde, konnte man auf eine Wiederkehr des Bohemiens, der ein Schatten aller Bürgerlichkeit ist, wetten.

Der Geldsack gönnte sich feuchte Augen, wenn Mimi in Puccinis "La Bohème" ihr eiskaltes Händchen besang. Bei Betrachtung ungeordneter, wilder Lebensumstände ließ sich entspannen, aber wehe, wenn der eigene Sohn in ihnen den Ausweg aus Routine und Verlogenheit suchte. Die Bohème mit ihrer "unbürgerlichen Bürgerlichkeit" lebte von der Sehnsucht des Bürgers nach prallem Dasein. Sie bewirtschaftete dessen schlechtes Gewissen, nicht modern genug zu sein.

Der Journalist und Volkswirt Holm Friebe ist Mitbegründer und Geschäftsführer der "Zentralen Intelligenz Agentur", der Werbetexter Sascha Lobo arbeitet als Chefredakteur des Weblogs "Riesenmaschine". Seit Kathrin Passig im Juni den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, haben diese Organisationsformen der "digitalen Bohème" viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wie meist mischten sich da Neugier, die kindische Furcht, einen Trend zu verpassen, unbestimmteste Sehnsucht nach irgend etwas anderem und die nie aufhören wollende Suche nach einem Subjekt der Erlösung.

Das Buch ist glücklicherweise zu zwei Dritteln Bericht und nur zu einem Drittel Manifest.

Einen Begriff von Bohème allerdings, eine auch nur halbwegs stimmige Vorstellung davon, sucht man vergebens. Daher wird dann Döblin, der von 1911 bis 1933 als Kassenarzt für Nervenkrankheiten seinen Lebensunterhalt verdiente, zum "Bohème-Schriftsteller" verklärt. Dank dieser kleinen Schummelei, die nicht die einzige ist, erscheinen die Geister der "analogen Bohème" in der Gemeinschaft der digitalen Individualisten.

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