Von Carsten Matthäus

Es lohnt nicht, nach den paar Trüffeln im deutschen Fernsehschlamm zu suchen. Glücklicherweise gibt es günstige Alternativen.

Erschlagen von Ekelhaftigkeiten: die Kandidaten im Dschungelcamp und die Fernsehzuschauer. Foto: RTL

Manchmal mutet Deutschland um 20.15 Uhr an wie ein gigantischer Tierversuch. Getestet wird dabei das Verhalten von Sofakartoffeln - in ihrem Bewegungstempo Seegurken nicht unähnlich - vor dem Fernseher. Die Testfrage: Wie banal ("The next Uri Geller"), menschenverachtend ("Deutschland sucht den Superstar"), abartig ("Dschungelcamp") oder spannerhaft ("Bauer sucht Frau") sollten Sendeformate sein, damit sich die Sofakartoffel nicht zur Fernbedienung wälzt sondern stundenlang in absoluter Agonie in den Bildschirm glotzt?

Zwischenergebnis: Die Darsteller müssen vor allem laut rülpsen, heulen, furzen, krakehlen, spucken oder sonstwie unangenehm auffallen, dann läuft die Sendung. Bestes Beispiel war die Seite 1 der "Bild"-Zeitung, auf der nahezu jedes Kakerlaken- oder Schleimbad im "Dschungelcamp" zu bestaunen war.

Es stimmt, dass die Privatsender für eine starke Verbreiterung des Angebots gesorgt haben, aber eben auch für eine extreme Verflachung. Beispiel Nachrichtensendungen: In den privaten "News-Shows" ist immer mindestens eine richtig schön blutige oder eklige Szene zu sehen, damit das Ganze nicht so langweilig daherkommt. Beispiel Serien: Ist ein Format erfolgreich, wie beispielsweise die Mordermittlerserie "C.S.I.", dann wird sie penetriert, wiederholt, abgewandelt und nachgebaut bis der Arzt kommt. Beispiel Wissenssendungen: Was in der "Knoff-hoff-Show" noch kreativ erklärt wurde, wird heute mit viel Weltraum-Musik zu einer Wunderwelt oder eine Mystery gemacht und trotzdem völlig simpel und humorfrei inszeniert. Von der erbärmliche Qualität von Promi-Dinnern, Schnitzeltests oder Auswanderer-Blabla kann man sich leider täglich überzeugen.

Ein Grund dieser Verflachung ist die Ausrichtung des Programms auf die Bedürfnisse von Werbekunden. Für die ist die wichtigste Zielgruppe bekanntermaßen die noch leicht zu beeinflussende und schon kaufkräftige Altersgruppe zwischen 14 und 29 Jahren. Schauen viele dieser Früh- und Spätpubertierenden zu, dann kann man das Werbeumfeld der Sendung teuer verkaufen und macht Gewinne. Nur so ist zu erklären, warum beispielsweise der knalldoofe Laufsteg-Boy Bruce als Stilberater im Vorabendprogramm der ARD landete (und glücklicherweise kolossal floppte). Doch gerade die billigsten und blödesten Sendekonzepte funktionieren offenbar bei jungen Zielgruppen - sonst gäbe es nicht so viele von ihnen.

Paris' Höschen und Britneys Koma

Der Grund dafür ist aber nicht die Dummheit der Zuschauer, es ist ihr Fernsehverhalten. Dan Gillmor, Journalistikprofessor im kalifornischen Berkeley, hat dies einmal auf eine griffige Formel gebracht: "I watch TV to empty my brain" (frei übersetzt: "Ich sehe fern, um mein Hirn zu leeren"). Mit dieser Grundeinstellung flätzt sich die breite Masse junger Zuschauer aufs Sofa und will vor allem bespaßt werden.

Da ist es nur richtig, wenn es bunt, schnell und ausgeflippt zugeht, wenn Paris Hilton wieder ihr Höschen zeigt oder eine komatöse Britney Spears durchs Bild gejagt wird. Wäre das hohle Gequizze, Gebrabbel und Gekupple drumrum nur auf ein oder zwei Spartensender beschränkt, wäre das völlig okay. Es ist aber allüberall und zur besten Sendezeit im Programm. Wer sein Hirn nicht per Glotze entleeren möchte, wird im jetzigen Programmschema auf einen Spießrutenlauf geschickt, Gutes findet er nur noch per Zufall.

Einzige Möglichkeit: die Videothek

Es mag ja ein hehres Ziel sein, in diesem Fernsehschlamm nach den Trüffeln zu suchen und diese dann im Nachtprogramm aufzuspüren und zu genießen. Das aber kann man von der Mehrheit der normal arbeitenden Zuschauer nicht verlangen. Sie müssen sich darauf verlassen könne, dass das Programm zur besten Sendezeit allen Altersgruppen gute Qualität bietet. Im Moment ist das Gegenteil der Fall: Es werden ganze Sender für Debile ins Kabel gestellt, in denen Frauen im Bikini um Anrufer jammern, die dann Autonamen mit A erraten sollen.

Die einzige Möglichkeit, dieser Dauermisere zu entkommen, ist momentan die eigene Programmgestaltung. Es gibt bei der Videothek um die Ecke oder im Internet ein reichhaltiges Angebot an Leih-DVDs zu fairen Preisen. Dort kann man sich dann beispielsweise Folgen der wirklich guten Serie "The Sopranos" holen. Diese wurden übrigens schon einmal im deutschen Fernsehen gesendet. Irgendwo im Nachtprogramm des ZDF, gut versteckt hinter dem üblichen Fernsehquatsch. Nach 39 Folgen wurde sie sang- und klanglos abgesetzt und ward niemals wieder gesehen.

Fernsehen ist bei dem heutigen Programmangebot in der Regel sinnlos verbrachte Zeit. Leider lässt sich der geballte Frust von Millionen Zuschauern noch nicht aufzeichnen und den Programmverantwortlichen vorspielen. Bis dahin kann man nur tun, was in der Fastenzeit ohnehin geboten ist: konsequent abschalten.

(sueddeutsche.de/jüsc)